KINO Dusche mit Sekt
Dieter Thomas Heck trug Abendgarderobe - Anzug, weißes Hemd, Fliege und Einstecktuch - als er »die Shootingstars des Jahres 1992« ankündigte. In jedem anderen Jahr wäre nun ein Schlagerstar im Glitzerkleid oder im Jackett auf die Bühne getreten und hätte ein harmloses Liebeslied gesungen. Aber dieses Mal kamen vier Typen ins Bild, die sich beim Hosenkauf schwer in der Größe geirrt hatten und die seltsam mit dem Körper nickten, als hätten sie furchtbare Magenschmerzen. Sie brüllten etwas in die Mikrofone, was man damals Sprechgesang nannte: »Ist es die da, die da am Eingang steht?«
Der Auftritt war tatsächlich so etwas wie ein historischer Moment: Denn mit »Die da?!?« hatten nicht nur die Fantastischen Vier ihren ersten Hit, sondern das Stück war auch der Durchbruch für eine neue Musikgattung: deutschsprachigen HipHop - der heute, wie eine gerade veröffentlichte Umfrage zeigt, bei 11- bis 29-Jährigen beliebter ist als Popmusik.
In dieser Woche kommt nun der Dokumentarfilm »Was geht« des Filmemachers Dieter Zimmermann in die Kinos, der, rund ein Jahrzehnt später, ein Porträt der vier Stuttgarter Smudo, Hausmarke, Thomas D. und And.Y zeichnet: Sie begannen mit Kassettenrecorder und ruckelig zusammengeschnittenen Musikschnipseln im Jugendzimmer von And.Y, wurden die »Spaßrapper« und »Bravo«-Stars, etablierten sich schließlich als Reimkünstler und wurden mit 4,4 Millionen verkauften Alben zur erfolgreichsten deutschen HipHop-Gruppe.
Weil es so schön ist, sich dabei selbst zuzusehen, haben die Fantastischen Vier ihren Aufstieg mit der Videokamera dokumentiert. Das Material stellte der »wahnsinnige Chefarchivar Smudo«, wie Michi Beck alias Hausmarke seinen Bandkollegen nennt, dem Filmemacher Zimmermann zur Verfügung. Dabei ist auch Skurriles aufgetaucht: nicht nur der vom Fernseher abgefilmte Auftritt der Fantastischen Vier bei der Hitparade, sondern auch, wie die vier Jungs nach einem Konzert nackt unter der Dusche stehen und sich gegenseitig johlend mit Sekt besprühen - Spaßrapper eben.
Zimmermanns Dokumentation ist leichte, schwungvolle Sommerunterhaltung. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Der Film zeigt die Schrullen der Stars und die Spannungen und Eifersüchteleien zwischen den vier Freunden. Beck stehe auf der Bühne »immer in der Mitte«, beklagt sich Smudo, der die anderen wiederum mit seinen langen Ansprachen während der Konzerte nervt und nur halb selbstironisch seinen »Angeberflur« vorzeigt, in dem er seine Goldenen Schallplatten aufgehängt hat.
Thomas D. beschäftigt sich vor allem mit der Selbstinszenierung, wechselt gern die Frisur und gibt Tipps für eine erfolgreiche Karriere: »Aussehen, Aussage, Ausstrahlung. Wenn man das auf einen Punkt gebracht hat, kann einen nichts mehr aufhalten.« Und der Soundbastler And.Y, nach Smudos Aussage der »Verschrobenste, Eigenbrötlerischste« in der Gruppe, erklärt, »Rap ist die Super-Ego-Musik« - was für alle außer für ihn selbst gilt: Er lässt in dem Film seine Frau reden, die diesen Part offenbar nur zu gern übernommen hat.
Dass Zimmermann die Konzertaufnahmen als Sample-Material betrachtete, dass er die Strophen zerschnitt, manchmal sogar mittendrin abschnitt, hatte den musikalisch eher konservativen Beck zunächst ziemlich irritiert - obwohl HipHop-Stücke nach genau dieser Methode entstehen. Inzwischen hat er sich aber damit abgefunden: »Wenigstens sind die Bilder im Beat geschnitten.«
Ein bisschen hadert Beck allerdings noch mit der Dokumentation seiner Karriere: »Solche Filme sind angebracht, wenn ein Musiker tot ist oder die Band nicht mehr existiert.« Deshalb haben die Fantastischen Vier vor dem Filmstart noch schnell beschlossen, im Jahr 2002 ein neues Album aufzunehmen. MARIANNE WELLERSHOFF