MUSIKTHEATER BUSSOTTI Es-A-D-E
Auf seinem eigenen Musiktheater spielt der Italiener Sylvano Bussotti, 37, viele schöne Rollen. Er tänzelt beispielsweise in schwarzem Spitzentrikot, mit Metall und Lederzeug gegürtet, durch das Orchester. Er hascht nach den bewegten Bildprojektionen reizender Männer (darunter Bussotti). Er geißelt einen halbentblößten Epheben und küßt den blanken Rücken der Primadonna.
So geschah es erstmals in Deutschland -- im Karlsruher Badischen Staatstheater, als jetzt Bussottis »Kammermysterium« mit dem Titel »Passion nach de Sade« aufgeführt wurde. Komponist, Regisseur, Dirigent, Bühnen- und Kostümbildner sowie Hauptdarsteller der ungewöhnlichen Darbietung: Sylvano Bussotti.
Der vielbeschäftigte Maestro, ein Prominenter der Musik-Avantgarde. hatte seine handlungsarme Selbstinszenierung, in der vom Tonband auch frühere Bussotti-Kritiken verlesen wurden, reichlich mit Satanischem und Erotischem ausgestattet:
Die Szenerie, von Bussotti, der Sopranistin Cathy Berberian (SPIEGEL 42/1968) und ein paar Instrumentalisten beherrscht, zeigte Galgenstrick, Totenkopf und Lotterbett als Requisiten. Der Schlagzeuger war als Pan kostümiert, ein Orgelspieler trat die Bässe mit behaartem Klumpfuß, und der Cellist mußte einen Liebesakt mit seinem Instrument fingieren.
Denn die »Passion« Bussottis soll -- zugleich als Parodie auf die Kantaten Johann Sebastian Bachs -- dem Marquis de Sade huldigen. Deswegen werden von Orgel, Harfen und Celesta auch vor allem die Tonfolgen B-A-C-H und Es-A-D-E gespielt. Und die einzige Sänger-Rolle trägt die Namen zweier De-Sade-Figuren: Justine/ Juliette.
Sonst aber ertönt vom göttlichen Marquis kein Sterbenswort; der Text der Vokalistin -- In Karlsruhe von Cathy Berberian virtuos gegirrt und geschluchzt -- besteht nur aus Versfetzen, die einem Liebes-Sonett der französischen Renaissance-Dichterin Louise Labé entnommen sind.
Ganz anders hatte sich der Musiktheoretiker Heinz-Klaus Metzger, der einst Bussottis Opus anregte, eine De-Sade-Passion vorgestellt. Er hatte den Italiener 1957 bei Kompositionsstudien im Hause des Pariser Schönberg-Schülers Max Deutsch getroffen und ihn zur »Negation alles Herrschenden« überredet. Unter Metzgers Einfluß -- so Metzger -- komponierte der in Avantgarde-Zirkeln allmählich erfolgreiche Italiener seine besten Stücke: die Vokal- und Kammermusikwerke »Due Voci« und »Pièce de chair II«. Besonders aber mit der Passions-Idee hatte Metzger »Großes gewollt: die Umfunktionierung der kirchenmusikalischen Gattung ins Blasphemische und zugleich Aufklärerische«. Ehe jedoch Bussotti 1965 (nicht 1960, wie er für Karlsruhe zurückdatieren ließ) zu komponieren anfing, zerstritten sich die Freunde.
In der fertigen, komplett erstmals 1966 in Paris aufgeführten Passion sieht Metzger seinen von de Sade übernommenen Grundgedanken ("Sexuelle Verfügung aller über alle") ins reaktionäre Gegenteil verkehrt. Gepeinigt nämlich werden bei Bussotti allein das Weib und der Komparse, nicht aber er selbst, der Kapellmeister. Und das musikalische Niveau der alten Tage spürt Bussottis einstiger Freund nur noch in dem verändert einmontierten, schon 1964 entstandenen Klavierduo »Tableaux vivants«.
Tatsächlich imponierte Bussotti in Karlsruhe auch weniger mit kompositorischen Finessen, um so mehr jedoch mit allerlei Lichteffekten und vordergründigen Bühnen-Allegorien. So ließ er einen Amor und eine zwei Meter große Toscanini-Figur auftreten.
Den frivolsten Gag seines Ihm selbst gewidmeten Geniekults jedoch unterdrückte der Komponist für diesmal. Bei einer früheren Aufführung der Passion, in Stockholm, hatte er auch noch Weihrauch angezündet. Im Badischen Staatstheater blieb die Luft rein.