AFFÄREN / HAACKE-AUSSTELLUNG Fehler im System
Ein Star sollte sprechen. » All systems go.« Aber er verweigerte den Dressurakt, und das war sinnvoll.
Denn jene »physikalischen, biologischen und sozialen Systeme«, von denen der Vogel plappern sohle, dürfen nicht, wie geplant, vom deutschen Künstler Hans Haacke, 34, im New Yorker Guggenheim-Museum vorgeführt werden -- sie haben den Fehler, gegen die hausübliche politische Abstinenz zu verstoßen. Deswegen strich Museumsdirektor Thomas M. Messer die auf Freitag dieser Woche angesetzte Haacke-Ausstellung vom Programm.
Anlaß für diesen »Fall von Zensur« (Haacke) war die vom Künstler vorgesehene Demonstration dessen, was er unter »sozialen Systemen« versteht.
Haacke, der seit 1963 in New York lebt, verschmäht nach Art der aktuellen Konzept-Kunst ästhetisch schöne Werke und pflegt dafür Ideen, Tabellen und Dokumente vorzuweisen. So hatte er diesmal rund 160 Photos von Gebäuden aus den New Yorker Slums bereitgelegt und dazu Hinweise auf die Hausbesitzer nebst deren finanziellen Verbindungen notiert.
Als weiteres »System« hatte Haacke eine Fragebogenaktion mit dem Publikum entworfen, deren Resultate täglich zu einem statistischen »Besucherprofil« addiert werden sollten. Gefragt waren beispielsweise Religion, Jahreseinkommen und »ethnischer Hintergrund« der Betrachter, aber auch ihr Standpunkt zum Einfluß des Vietnamkrieges auf die moralische Verfassung des Landes oder zur möglichen Schuld der Nixon-Regierung an den wirtschaftlichen Schwierigkeiten der USA.
* Beim Düsseldorfer »Prospect« 1969 (mit Agenturmeldungen von der Bundestagswahl).
Diese Enthüllungen und Forschungen jedoch mißfielen dem Direktor Messer, der alsbald Rückendeckung beim Verwaltungsrat der privaten Guggenheim-Stiftung fand. Obwohl Haacke darauf verwies, daß seine Fragen neutral formuliert seien und seine Slum-Dokumentation auf offiziellen Behörden-Auskünften beruhe, sah der Beamte sogar juristische Mißhelligkeiten voraus. Auch durch das Angebot, Namen und Adressen der »Slumlords« zu tarnen, ließ er sich nicht mehr umstimmen.
Mit diesem Entschluß, durch den der »Newsweek«-Kritiker Dauglas Davis »die Sache des freien Ideenaustauschs zwischen Künstler und Publikum ernsthaft bedroht« sieht, hat zum erstenmal ein großes Museum gegen die Politisierung der New Yorker Künstler Front gemacht -- ein beinah grotesker Fall, da Haacke keineswegs zu deren Kadern zählt.
Vielmehr nimmt dieser Künstler dh von ihm dargestellten »Systeme« angeblich als unabänderliche, natürliche »Readymades« hin -- rätselhaft wie das Wetter von New York oder die Wahlen zum Deutschen Bundestag, die er bei früheren Gelegenheiten zitierte. oder auch wie das Pflanzenwachstum, das als »biologisches System« einen Teil der Guggenheim-Ausstellung bilden sollte. Dazu waren Wasserspiele ("hydraulisches System") vorgesehen, und der lernfaule Star sollte immerhin als »work in progress« zugegen sein.
Auch Haackes »Besucherprofil« hätte diese idyllische Szene wohl kaum gestört -- zumindest wäre es weit weniger provokant ausgefallen als eine ältere, ähnliche Haacke-Umfrage: Bereits vor einem Jahr hatte der Künstler die Besucher des (von der Familie Rockefeller beherrschten) Museum of Modern Art gefragt: »Würde die Tatsache, daß Gouverneur Rockefeller sich nicht von Präsident Nixons Indochinapolitik distanziert hat, für Sie ein Grund sein, ihn nicht zu wählen?«
Jetzt teilte das Museum mit: »Kein Mensch hat sich darüber aufgeregt.«