POP Frisurproblem gelöst
Das Drama des Erwachsenwerdens auf eine weltweit gültige Formel zu bringen ist eine der vornehmsten Aufgaben der Popmusik. Seit Hank Williams sang, er sei so einsam, daß es ihm die Tränen in die Augen treibe, haben sich Abertausende in dieser Kunst versucht. So niederschmetternd wie Thom Yorke aus der britischen Universitätsstadt Oxford jedoch hat noch keiner die Qualen juveniler Selbsterkenntnis zusammengefaßt: »Ich wär' gern was Besonderes«, ächzte er, »aber ich bin ein Dreckskerl, ich bin ein Schwachkopf.«
Der Song, mit dem Yorke und seiner Band Radiohead im Jahr 1993 ein Millionenhit gelang, hieß »Creep«. Vor allem bei US-Jugendlichen war die Debilenhymne vom Debütalbum des britischen Quintetts ziemlich beliebt, weshalb die Briten bald auf der US-Tour der Pop-Superstars von R.E.M. als Vorgruppe spielen durften - die Fachleute der Popbranche aber zuckten meist bloß die Achseln: Es handle sich um einen typischen Eintagsfliegen-Erfolg, hieß es, zu Größerem fehle es der Band an musikalischer Substanz und dem scheuen Sänger Yorke an Charisma.
Heute will keiner der miesepetrigen Propheten an solche Vorhersagen erinnert werden: »OK Computer«, das inzwischen dritte Radiohead-Album, wird als trickreiches, wunderbar melodisches Pop-Meisterwerk gefeiert; eine vom »SZ-Magazin« zusammengestellte internationale Jury hat gerade den Comic strip zum Song »Paranoid Android« zum besten Video der vergangenen Jahre gewählt; und auf ihrer Europatournee, die sie dieser Tage auch nach Berlin, Hannover und Frankfurt führt, versetzt die Band Tausende von jungen Menschen in eine Art andächtiger Hysterie, wie es sie seit den letzten Nirvana-Konzerten vor Kurt Cobains Selbstmord nicht mehr gab.
So kreischten auch am Samstag vor zwei Wochen beim Radiohead-Gastspiel im Pariser Club »Zenith« siebentausend 15- bis 20jährige wild herum, als Thom Yorke, 29, die fast völlig abgedunkelte Bühne betrat. In steifer Leidenspose, die Augen fast immer auf seine Gitarre gesenkt, trägt Yorke seine Songs vor, die von grellgrünen Plastikbäumen handeln, von eisernen Lungen und von heimwehkranken Außerirdischen - der Saal aber tobt, Stagediver werfen sich kopfüber in die Menge, und bei nahezu allen Liedern brüllt die Menge jede Zeile mit.
Mögen sein Manager und seine Mitspieler auch beteuern, er habe sich vom introvertierten Sonderling zum freundlich- weltoffenen Entertainer gewandelt, Yorke ist in jedem Augenblick der Zweistundenshow anzusehen, wie unheimlich ihm der Trubel ist, den er in Momenten schlechter Laune schon mal einen »verfluchten Alptraum« nennt. Wie immer hetzt er nach dem Auftritt stumm und mit eingezogenen Schultern in die Garderobe, und wenn ihm dort doch mal ein Satz über die Lippen geht, dann ist es bloß die Zurechtweisung, man solle ihn »zum Teufel noch mal nicht dauernd wie einen gottverdammten Star behandeln«.
Mitspieler Ed O'Brien, 29, sagt entschuldigend, Jubelschlachten wie jene an diesem Abend seien nun mal eine »neue, irritierende Erfahrung, mindestens so erschreckend wie lustig«. Doch in Wahrheit gehört die Rolle des genialischen Eigenbrötlers Yorke zum Imagekapital der Band: Seine ebenso neurotischen wie poetischen, vor allem aber höchst undurchsichtigen Songtexte, seine nett kryptischen Statements wie »Es geht mir darum, gefühlvoll zu sein, ohne dabei persönlich zu werden« - all das verleiht Radiohead erst den Glamour verwegener Mystiker.
Die amüsanten Großmäuler von Oasis mögen schmissigere Melodien schreiben, den derzeitigen britischen Mädchenschwarm-Helden von The Verve gelingen die lässigeren Gassenhauer - keiner aber schafft es derzeit so grandios wie Radiohead, jugendliche Angstvisionen und Euphorie-Attacken in große Popdramen zu verwandeln.
Mit all dem, was unter dem Erfolgslogo Britpop firmiert, hatte Radiohead-Sänger Yorke allenfalls jenes Frisurproblem gemein, das auch die Helden von Oasis und The Verve sichtlich plagt. Seit er jedoch seine zuvor mal grellblond zottelige, mal Andy-Warhol-bleich gestutzte und mal naturschwarz zerstrubbelte Haarpracht geschoren hat, hat auch dieses Elend ein Ende.
Die Lust am Pathos und am schönen Schmerz ist geblieben. Während sich Bandchef Yorke gern auf so unterschiedliche Vorbilder wie Miles Davis, Johnny Cash und Elvis Costello beruft, will Kollege O'Brien allein die Smiths - jene britischen Depressionsvirtuosen der achtziger Jahre, die das »Girlfriend in a Coma« besangen - als genial gelten lassen. Im übrigen werde die humoristische Qualität der Radiohead-Hits verkannt; so beruhe der Text des Ohrwurms »Karma Police« vom jüngsten Album, über dessen Bedeutung die Fans seit Monaten grübeln, auf einer einfachen Sauftour-Anekdote: »Wir waren alle ziemlich betrunken, die Stimmung sackte auf Null, da rief eines der Mädchen: ,Wenn ihr euch nicht auf der Stelle zusammenreißt, dann alarmiere ich die Karma-Polizei.'«
Mitunter scheint es Yorke und seinen Kumpanen trotzdem bitterernst zu sein mit ihrer Kunst. Als der Bierhersteller Guinness ihnen jüngst 500 000 Pfund dafür bot, einen Radiohead-Song zu Werbezwecken zu verwenden, lehnte die Band dankend ab.
Gefährdet wäre bei einem solchen Werbegeschäft schließlich auch der Ruf der Band als Intellektuellentruppe, die sich noch zu Schulzeiten in Oxford formierte und nach Universitätslehrjahren an diversen Orten wieder in der Beschaulichkeit des ThemseTals zusammenfand. Zum Einspielen einer neuen Platte ziehen sich die Jungs, die ihren Bandnamen einem Song der einstigen Vorzeige-Eierkopfband Talking Heads entlehnt haben, schon mal für Wochen in ein entlegenes Landhaus zurück. »Wir brauchen die Isolation«, sagt O'Brien, »wenn wir in einer Großstadt wie London leben würden, fiele uns nichts mehr ein.«
Tatsächlich hören sich bis heute nicht wenige der Radiohead-Songs so an, als seien sie in einer Gummizelle entstanden: wütende Ausbruchsversuche und ulkige Soundspinnereien, Sehnsuchtsanfälle und verwickelte Geschichten, wie sie nur Menschen in Quarantäne durchs gemarterte Hirn spuken.
Die Geister, die sie mit »Creep« riefen, wollen Yorke und seine Mitspieler allerdings bannen. Angeblich war unter den vielen Fans, die sich für die erlösende Botschaft des Hits in Zuschriften bedankten, auch ein verurteilter amerikanischer Kindermörder.
Auf dem neuen Album »OK Computer« findet sich ganz im Sinne des selbstverordneten Muts zum Positiven eine Sprechnummer, auf der Yorke das Einmaleins der modernen Leistungsgesellschaft rezitiert. Es beginnt mit der Empfehlung, »fitter, glücklicher und produktiver« zu werden, nicht über den Durst zu trinken und ordentlich zu essen.
Am Ende jedoch verrät Yorke, daß sich die Botschaft nicht an menschliche Zuhörer richtet - sondern an »ein Käfigschwein auf Antibiotika«.