LITERATUR Generation Suzi Quatro
Wir sind gewohnt, uns die Schweizer als glückliche Menschen vorzustellen. Sie essen Rösti und Müsli den lieben langen Tag, blicken auf grüne Almen, stille Seen und hohe Berge und danken täglich dem Schicksal dafür, dass es sie in dieses herrliche Land fallen ließ. Manchmal bringen sie diese Dank-Gesänge als Popmusik zu Gehör, nennen sich Yello, Rumpelstilz oder DJ Bobo. Hier nun aber hat ein Schweizer die Geschichte seines Unglücks aufgeschrieben. Christian Gasser, 37, ist aufgewachsen im Schweizer Herzland unweit von Bern und hauptberuflich Moderator beim Schweizer Radiosender DRS 3. Er will mit seinem Bekennerbuch »warnen«, »ein bisschen anprangern« und »auf die Schäden hinweisen, die die Pop-Besessenheit in einem jungen Menschen anrichtet«.
In Wahrheit handelt Gassers Buch, eine »Erziehung des Herzens« für die Generation der Mittdreißiger, natürlich von nichts anderem als vom Glück. Das trug zur Zeit von Gassers musikalischem Erwachen in den siebziger Jahren Namen wie Sweet, Suzi Quatro, Rumpelstilz und Uriah Heep. In schön gewundenen Sätzen berichtet der Autor von seinen ersten »peinlichen« Pop-Leidenschaften (die keineswegs besonders peinlich sind) und von erster Liebe; von juvenilen Geldsorgen und vom Studentenglück, endlich in einem Plattenladen mitarbeiten zu dürfen: Das nämlich ist »ein kosmischer Erlebnisraum« und jedenfalls »der Ort, wo meine Besessenheit angebracht war«. Gassers akribische Lebensbeichte führt nicht nur ein in die Kunst, Kassetten aufzunehmen, sie ist auch ein kluges, ordentlich subjektives Popmusik-Lehrbuch. Um »Mein erster Sanyo« wirklich genießen zu können, sollte man es bei der Lektüre zu Hause allerdings so halten wie der Autor auf seiner aktuellen Vorlese-Tour durch deutsche Clubs - und alle paar Minuten eine von Gassers Lieblingsplatten auflegen.
Christian Gasser: »Mein erster Sanyo. Bekenntnisse einesPop-Besessenen«. Edition Tiamat, Berlin; 192 Seiten; 28 Mark.