MUSICAL Geschönter Einblick
Was europäische wie amerikanische Zuschauer schon im Film gesehen haben, bekommt der in dieser Hinsicht eher prüde Broadway jetzt als Musical aufgetischt: »La Cage aux Folles«, den »Käfig voller Narren«.
Ein Transvestitenclub in St. Tropez, zwei alternde Schwule, die seit 20 Jahren glücklich zusammenleben und alle Attribute heterosexueller Häuslichkeit übernommen haben, ein Dekor, in dem Phallussymbole aller Art eine spezifische Gemütlichkeit verbreiten - solches Schwulen-Milieu reißt nun das New Yorker Publikum von seinen Sitzen.
Das Fünf-Millionen-Dollar-Spektakel, das auf ein französisches Theaterstück und einen erfolgreichen Film zurückgeht, verspricht dem Broadway nach seiner letztjährigen verheerenden Saison neues Leben. Eintrittspreise bis zu 45 Dollar konnten die New Yorker nicht davon abhalten, schon im Vorverkauf für vier Millionen Dollar Karten zu bestellen. Immerhin war das Musical zuvor in Boston sieben Wochen lang vor ausverkauftem Hause getestet worden.
Die Show erzählt die Geschichte von Georges, dem Nachtclub-Besitzer, und Albin, seinem Lebensgefährten, der Abend für Abend als Königin der Transvestiten auftritt. Georges hat einen Sohn - Resultat eines einmaligen, jugendlichheterosexuellen Ausrutschers -, der zu Beginn des Stückes erklärt, er wolle heiraten.
Die Verwicklungen, die sich aus dem Heiratsplan ergeben, bieten den Vorwand für eine farbige und klangvolle Bühnenshow, die nicht alle Kritiker begeisterte. Das »New York Magazine« etwa empfahl, als Erste Hilfe gegen Jerry Hermans Musical-Musik, Ohropax; das Libretto von Harvey Fierstein immerhin, schrieb »Time«, vertiefe die Charaktere der beiden Hauptrollen gegenüber dem französischen Original.
Dem Autor Fierstein bescherte der Publikumserfolg erneuten Ruhm: Erst im Juni hatte er für ein Bühnenstück, »Torch Song Trilogy«, zwei »Tony«-Preise bekommen - das erste Schwulendrama, das bei einem überwiegend der Mittelschicht entstammenden, heterosexuellen Broadway-Publikum finanziell erfolgreich war.
Der Autor selber spielte in »Torch Song Trilogy« die Hauptrolle: einen Transvestiten, der seinen Lebensunterhalt durch Auftritte in einem Nachtclub verdient, sich in einen bisexuellen Lehrer verliebt, ihn an eine Frau
verliert und schließlich - um sich den Traum vom Familienleben zu erfüllen - einen fünfzehnjährigen homosexuellen Jungen adoptiert.
Die Handlung war unverhüllt autobiographisch. Mit 13 hatte Fierstein, jüngster Sohn osteuropäischer Einwanderer, seiner Familie erklärt, daß er schwul sei. Er studierte Kunst, tingelte als Transvestitendarsteller durch Manhattans Off-Off-Theater, bis er erste Erfolge als Stückeschreiber feiern konnte.
Fiersteins Triumph am Broadway in diesem Job war so etwas wie Balsam für die »Gay community« von New York, deren Selbstbewußtsein durch die Aids-Plage stark strapaziert ist. Nach der »Tony«-Auszeichnung sehen die Schwulen nun den Erfolg des ersten Homosexuellen-Musicals als weiteren Schritt auf dem Weg zur gesellschaftlichen Anerkennung.
Freilich, der Einblick in die Mannes-Mann-Familie ist geschönt. Schwules Verhalten, an dem das Publikum Anstoß nehmen könnte, wird angestrengt vermieden. Selbstverständlich werden auch die Schattenseiten der Transvestiten-Existenz verschwiegen, obgleich Harvey Fierstein sie auf den Straßen von Downtown Manhattan zur Genüge erlitten hat.
Er weiß, daß im Showbusiness nicht Aufklärung, sondern Sentimentalität und Bestätigung des gesellschaftlichen Konsens gefragt ist: »Das Wichtigste, was ich zu sagen habe, ist, daß wir uns die Vorstellung abschminken sollten, Liebe und Familie seien heterosexuelle Vorrechte, es sind Menschenrechte.«