ARD-Programmchef Struve "ran wurde vorsätzlich zerstört"
SPIEGEL ONLINE:
Herr Struve, Leo Kirch und die ARD haben sich gerade wochenlang über einige Sekunden Fußball-Bilder gestritten. Dabei hat auch die ARD keine besonders gute Figur gemacht...
Struve: Ich glaube, dass die ARD durchaus sinnvoll ihre Interessen vertreten hat. Viele haben übersehen, dass diese ganze Bundesliga-Arie deshalb so atonal gesungen werden musste, weil Kirch das verzweifelte Anliegen verfolgt, die Abonnentenzahl bei Premiere World zu steigern. Dabei ist dann "ran" beinahe zerquetscht worden, und auch wir sind mit unserer "Tagesschau" ungewollt in diesen Konflikt geraten. Das alles zeigt, dass bei Kirch keine Content Manager tätig sind. Als ob 45 Sekunden an Bildern vom Spitzenspiel in einem eindeutig als Nachrichtensendung ausgewiesenen Format das Himmelreich für "ran" hätte zerstören können! Die Sendung "ran" ist zweifelsohne vorsätzlich zerstört worden, aber bestimmt nicht von der "Tagesschau".
SPIEGEL ONLINE: Aber auch für "Das Erste" gibt es in einzelnen Genres Nachholbedarf, vor allem im Unterhaltungsbereich...
Struve: In der Tat haben wir die größten Probleme im Bereich des Leichten, was sowohl für Fiktionales als auch für Unterhaltendes gilt. Das liegt auch daran, dass hier die Konkurrenz besonders aufgeholt hat. Damit tun wir uns ein wenig schwer.
SPIEGEL ONLINE: Trotz des Erfolges, den Ihnen Neuzugang Jörg Pilawa mit seiner Rätselshow "Das Quiz" beschert hat?
Struve: Unser Vorabend besteht aus zwei Einheiten, von 18 bis 19 und von 19 bis 20 Uhr. Die Einheit von 18 bis 19 Uhr funktioniert wieder zunehmend gut, und ich sehe insgesamt auch keine Alternative zu den Daily Soaps, die zu dieser Zeit laufen. Probleme hatten wir dagegen mit den meisten der 48 Minuten langen Serien zwischen 19 und 20 Uhr. Das haben wir jetzt offensichtlich in den Griff bekommen, denn Steigerungen des Marktanteils von einem Tag auf den anderen um beinahe 50 Prozent - das ist fast nicht normal. Pilawa aber hat das aus dem Stand geschafft. Jahrelang haben wir versucht, am allgemeinen Zuschauergewinn zwischen 19.30 und 20 Uhr zu partizipieren, vergeblich. Pilawa hat auch das nun geschafft. So stelle ich mir die Welt vor.
SPIEGEL ONLINE: Pilawa alleine kann aber kaum die Rettung der ARD sein.
Struve: Sie haben natürlich Recht, der Vorabend wird nicht fünf Mal die Woche von Herrn Pilawa zu bespielen sein, wir müssen uns auch außerhalb von ihm das Glück suchen. Und das wird auf absehbare Zukunft wohl mit fiktionalen Programmen geschehen.
SPIEGEL ONLINE: Der "Joker" Pilawa soll auch die altbackene Dating-Show "Herzblatt" aus der Krise führen.
Struve: Ich zweifele nicht daran, dass der Relaunch von "Herzblatt" gelingen wird. Wir werden das Format vom Freitag auf den Samstag verlegen, am 6. Oktober geht es los. Mit diesem neuen Termin wollen wir die für uns attraktive Gewöhnungsphase seiner Quiz-Show etwas verlängern ("Das Quiz mit Jörg Pilawa" läuft immer von mittwochs bis freitags; d. Red.)
SPIEGEL ONLINE: Besserung bedarf es aber auch in der Prime Time. Da aber soll der neue Hoffnungsträger zunächst nicht an den Start. Befürchten Sie, ihn zu verschleißen?
Struve: Im Moment wären wir und er schlecht beraten, wenn wir uns auf zu viele Felder begeben würden. Das heißt aber nicht, dass er später nicht doch einige Male auch am Samstagabend zu sehen sein wird, wenn wir das richtige Format für ihn finden. Viel hängt aber zunächst davon ab, wie die neue Game Show von Ulla Kock am Brink laufen wird. Läuft sie gut, dann wird unser Bedarf am Samstagabend für das Jahr 2002 mit der "Guinness Show", die sich glänzend entwickelt hat, mit "Verstehen Sie Spaß?" und mit Volksmusikalischem gut gedeckt sein. Meine Hoffnung ist jedenfalls, dass wir Pilawa nicht gleich auch noch als Abwehrwaffe am Abend einsetzen müssen.
SPIEGEL ONLINE: Ein einziges neues Format für die große Abendunterhaltung, reicht das?
Struve: Ich denke schon, auch, weil ich große Hoffnung in die "Guinness Show" setze, deren Potenzial noch gar nicht ausgeschöpft ist. Immerhin ist "Das Erste" der einzige Sender überhaupt, der in 2001 ein großes, 90-minütiges Format startet. Mit Ausnahme von Sat.1 vielleicht, die haben kürzlich am Samstagabend ein großes Format gestartet...
SPIEGEL ONLINE: Sie denken an "ran" und bestätigen, dass Schadenfreude die schönste Freude ist...
Struve: Die Tatsache, dass wir Fußball mit einem simplen Spielfilm knacken können, würde mich jedenfalls in eine Sinnkrise stürzen, wenn ich Sat.1-Chef wäre. Ein Blick in die Lehrbücher hätte gereicht, dieses Desaster zu vermeiden. Denn in der Saison 1992/93 hat RTL seine Fußball-Show zwar früher begonnen, aber auch über die magische 20-Uhr-Grenze hinweg gezogen. Und siehe da: It didn't work! Der Absturz von "ran" war also vorauszusehen.