ARD-Programmchef Struve: "Kein Vollprogramm ohne süße Sahne" - DER SPIEGEL
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ARD-Programmchef Struve "Kein Vollprogramm ohne süße Sahne"

Im zweiten Teil seines Interviews mit SPIEGEL ONLINE spricht Günter Struve über den Weggang des ARD-Stars Jürgen von der Lippe und beschreibt das ewige Dilemma des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, Quote und Qualität zu erfüllen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL ONLINE:

Stichwort Voraussicht: Warum können ARD und ZDF häufig den Wert eines Formates, sei es Reality TV oder Quiz, nicht so frühzeitig erkennen wie die private Konkurrenz?

Struve: Im Fall Quiz ist die Erklärung ganz einfach; es ließ sich einfach keine Landesrundfunkanstalt dafür gewinnen, ein solches Format für den Hauptabend anzubieten. Man hielt andere Projekte, etwa "Die Boegers", für interessanter. Also konnte es nur stattfinden auf einer Programmstrecke, die gemeinschaftlich finanziert wird, und der Vorabend ist eine dieser Strecken.

SPIEGEL ONLINE: Was noch nicht erklärt, warum man erst so spät reagierte?

Struve: Die Gemeinschaft hat durchaus schon vor anderthalb Jahren eingesehen, dass wir dieses Format brauchen. Einsicht der Gemeinschaft heißt aber noch nicht, dass sich eine Landesrundfunkanstalt auch bereit erklärt, es zu machen. Deshalb sind wir heute vierter, oder man kann es noch unhöflicher sagen, letzter unter den vier Vollprogrammen, die eine Quiz-Show machen.

SPIEGEL ONLINE: Ist der Programmdirektor Struve in solchen Momenten der Verzweiflung nahe?

Struve: Ich bin seit 1985 Programmdirektor, da schlage ich die Hände nur noch selten über dem Kopf zusammen. Jetzt das Lied zu singen, dass die ARD eine Gemeinschaftsredaktion Unterhaltung braucht, das habe ich mir abgeschminkt. In der ARD ist das nicht durchzusetzen.

SPIEGEL ONLINE: Mit Pilawa haben Sie zweifellos ein Aushängeschild gewonnen, mit Jürgen von der Lippe gleichzeitig ein anderes verloren. Kann die ARD ihren Stars kein passendes Ambiente bieten?

Struve: Jürgen von der Lippe war seit Jahren unzufrieden, und er hat diese Unzufriedenheit auch bei jeder Gelegenheit hinausgetrötet. Er wollte endlich richtig Geld verdienen, wie er es nannte, und ich glaube, er wollte endlich auch die totale Liebe um sich haben. Beim WDR ist er zwar mit großem Aufwand geliebt worden, offensichtlich aber war ihm das nicht genug. Hinzu kommt, dass er den Erosionsprozess bei "Geld oder Liebe", den ständigen Verlust weiterer Zuschauer, nicht mehr ausgehalten hat, wie er selbst einmal sagte. Dieses Format war einfach rachitisch geworden. Ein kommerzieller Sender hätte "Geld oder Liebe" schon vor einem Jahr abgesetzt.

SPIEGEL ONLINE: Quote und Qualität sind das ewige Dilemma der Öffentlich-Rechtlichen. Mit Anspruchsvollem wie Uwe Johnsons "Jahrestage" erleben Sie ein Quotendesaster, für Formate wie die täglichen Soaps oder Boulevard-Magazine wirft man Ihnen zunehmende Verflachung vor. Wie gehen Sie mit diesem Dilemma um?

Struve: Indem ich mich zum Autisten entwickle und alleine zu Hause meine Depressionen pflege. Die Fernseh-Kritik in Deutschland ist weitestgehend Kulturkritik und die geht mit uns nicht gerade pfleglich um. Dass ein Vollprogramm ohne süße Sahne nicht leben kann, steht außer Frage. Unsere kompromisslose Haltung im Bereich der Information, die keinerlei Konzessionen macht in Richtung Infotainment, soll den Leuten aber zeigen, dass Sie bei uns immer noch am besten informiert werden, wenn irgendetwas los ist auf der Welt.

SPIEGEL ONLINE: Schließen sich innerhalb eines Formates Quote und Qualität aus?

Struve: Nein, denken sie an "Der Laden", dort gab es eine glückhafte Verbindung zwischen Qualität und Quote; die Reihe "Tatort" zeigt ebenfalls, dass sich Quote und Qualität vertragen. Und wo man es vor zehn Jahren noch für unmöglich gehalten hätte, bei den Serien, erzielen wir heute auch sehr gute Ergebnisse. Im Übrigen sollte man nie vergessen, dass Qualität für unterschiedliche Menschen höchst Unterschiedliches bedeutet. So ist für mich die RTL-Show "Explosiv" ohne Qualität, ist Hardcore am Rande des Boulevard. Für viele junge Menschen, vor allem im Osten, ist "Explosiv" aber die höchste Info-Qualität, die sie sich vorstellen können. Das läuft natürlich dem Qualitätsbegriff des Bildungsbürger so zuwider, dass er nicht mal im Raum bleiben kann, wenn so etwas in seiner Nähe gesagt wird.

SPIEGEL ONLINE: Der Programmdirektor Struve reibt sich die Hände, wenn junge Menschen zahlreich die Daily Soap "Verbotene Liebe" einschalten, der Bildungsbürger Struve aber schlägt die Hände über dem Kopf zusammen?

Struve: Nein. Zwar ist mein persönlicher Qualitätsbegriff nahezu identisch mit dem der Kritiker. Dennoch halte ich es für völlig vertretbar, dass wir ein solches Angebot machen. Das hängt damit zusammen, dass sich ein Programmdirektor nicht so wichtig nehmen darf, dass er in der Lage sein sollte, über den eigenen Schatten zu springen. Glauben Sie mir, wenn es nur nach mir ginge, dann würde es genügen, Nachrichten, ein wenig Sport und viele klassische Konzerte live zu übertragen. Im Übrigen bietet die ARD-Fernsehfamilie durch die Kooperationen mit Arte oder 3Sat dem Bildungsbürger diese Sendungen in Hülle und Fülle.

SPIEGEL ONLINE: Zu dieser ARD-Fernsehfamilie gehören auch die Dritten, die Sie immer mehr in Richtung Vollprogramm trimmen...

Struve: Diese Familie ist schon ziemlich weit entwickelt, mit allen Schwächen, die eine große Familie eben auch hat. Etwa, wenn das große Zucken beginnt, im Karneval zum Beispiel, dann hört jegliche Liebe in der Familie auf, und die Dritten senden gegen das "Erste". Ansonsten haben wir uns im Laufe der Jahre ganz gut gefunden. So haben wir eine Strategie zum Thema Wiederholungen entwickelt, die am 10. und 11. September von den Intendanten verabschiedet wird. Hier wird das Vorrecht des "Ersten" einvernehmlich fest- und der Rhythmus von Wiederholungen vorgeschrieben.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie den Unmut der Privaten darüber verstehen, dass die meisten Dritten bundesweit empfangbar sind?

Struve: Unsere Strategie trägt Früchte, und natürlich stellt man bei den Privaten fest, dass unsere Konkurrenz immer Raum greifender wird. Vielleicht sollten sie einfach anerkennen, dass unsere Verwertungskette geschlossener ist als die der gesamten Familie Kirch oder Bertelsmann. Aus der Sicht eines Controllers jedenfalls ist die ARD-Senderfamilie fast schon ideal.

Das Interview führte Andreas Kötter.


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