abc-Kulturfestival: Klassentreffen mit Bertolt - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

abc-Kulturfestival Klassentreffen mit Bertolt

So viel Prominenz sieht Augsburg selten: Beim abc-Festival sprechen Schriftsteller, Schauspieler und Musiker an unterschiedlichen Orten über den berühmtesten Sohn der Stadt, Bertolt Brecht.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wer A und B sagt, muss auch C sagen: Nach der Lyrik und der Prosa Bertolt Brechts widmet sich das Augsburger abc-Festival in diesem Jahr seiner Dramatik. Im Fokus steht ein Stück seiner expressionistischen Frühphase: "Im Dickicht der Städte". Vor dieser Folie soll es vier Tage lang, vom 17. bis 20. Juli, um die Städte und ihre Zukunft gehen, um die Herausforderungen der rasant zunehmenden Urbanisierung.

Künstlerischer Leiter des Festivals ist der Münchner Lyriker und Dramatiker Albert Ostermaier. Im Programmheft schreibt er, das Stück nehme "die existentiellen Spannungen der Megacities" vorweg. In Brechts Theatertexten schlage "das Herz wie eine geballte Faust", sie machten uns vertraut "mit der Anarchie des Wünschens und Werdens".

Nun steht das abc im Festivaltitel für "Augsburg Brecht Connected", und Augsburg ist sicher keine moderne Megacity, sondern eine schwäbische, nun ja, Großstadt mit rund 250.000 Einwohnern. Das Festival aber macht sie zu einer Kulturmetropole, wenn auch nur auf Zeit: Bereits im dritten Jahr folgt eine beachtliche Zahl prominenter Schriftsteller, Schauspieler und Musiker dem Ruf Ostermaiers nach Augsburg, im Schlepptau die erste Garde deutscher Feuilletonisten. Vier Tage lang sprechen sie über Brecht und über vieles andere, auf den Podien und in den Cafés der Stadt. In den beiden vergangenen Jahren klangen manche Zeitungsberichte denn auch weniger nach Kulturfestival und mehr nach Klassentreffen einer verschwippschwägerten Kulturkaste.

Aber keine Angst: Auch wer Albert Ostermaier nicht persönlich kennt, ist willkommen. Und der Besuch in Brechts Geburtsstadt lohnt sich, so viel scheint sicher, allein beim Blick auf den ersten Abend: Die Eröffnungsrede hält Daniel Kehlmann, eines der Grußworte spricht DFB-Präsident Theo Zwanziger, gefolgt von Lesungen von Clemens Meyer und Rufus Beck. Per Video schaltet sich Herbert Grönemeyer zu.

Über Brecht und die Städte diskutieren an den folgenden Tagen unter anderem Kulturschaffende wie Rocko Schamoni, Jochen Schmidt, Natalia Wörner, Mark Ravenhill, Udo Wachtveitl, Feridun Zaimoglu, Edgar Selge, Gesine Danckwart, Axel Milberg und Moritz Rinke, aber auch Fußballer Mehmet Scholl, Fußballtrainer Hans Meyer und Grünen-Politikerin Claudia Roth. Auf dem Programm stehen zudem Poetry Slams und Aufführungen eines Theaterprojekts, das der Dramatiker Evaristo Abreu aus Mosambik in den vergangenen Wochen als Writer in Residence in Augsburg entwickelt hat. Jeden Abend gibt es Konzerte und Partys, zum Abschluss am Sonntagabend legt Star-DJ Hell auf.

Ostermaier will, wie er einmal gesagt hat, die Stadt und die Literatur und die Zustände tanzbar machen. In den beiden vergangenen Jahren tanzten jeweils etwa 7000 Zuschauer mit - das wären dann doch beachtlich viele für ein reines Klassentreffen.


abc-Festival.  17. bis 20. Juli in Augsburg. Vorverkauf beim Besucherservice des Theaters Augsburg, Kasernenstraße 4–6, Tel. 0821/324 49 00.