Ausstellung "Strich-Code" in Hannover zeigt Prostituierte im Museum - DER SPIEGEL
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Ausstellung "Strich-Code" Die Hure im Museum

Eine Prostituierte im Käfig, vier Millionen Preisetiketten und ganz große Ziele: Mit der Aktion "Strich-Code" wollen Künstler in Hannover auf den "Wa(h)rencharakter" von käuflicher Liebe hinweisen. Das gelingt nur teilweise.
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Hannover - Kerstin Schulz steht im Museum und beklebt eine Prostituierte mit Preisetiketten. Reduziert! Sonderpreis! Aktion! Alles in leuchtendem Rot. Die von der Künstlerin präparierte Dame steigt in einen Käfig im Innenhof des Historischen Museums Hannover. Thalia, so ihr Pseudonym, hält sich an den Gitterstäben fest, räkelt sich ein bisschen, dreht den Kopf zur Seite. Besucher kommen, glotzen, machen Fotos, sagen schüchtern "Hallo". Für viele ist es das erste Mal, dass sie einer Hure so nahe kommen.

Bei der Ausstellung "Strich-Code" tauschen das Historische Museum und der Rotlichtbezirk von Hannover einen Monat lang die Rollen. Dutzende Freiwillige haben vier Millionen Preisschildchen durch die Stadt geklebt - sie verbinden das Museum mit dem Kiez. Während sich Thalia im Käfig ausstellt, verwandelt Kerstin Schulz mit anderen Künstlern die Table-Dance-Bar Hands Off in eine Galerie. Echte Bordellwirte für das Projekt zu gewinnen, war unmöglich, aber der Strip-Club-Besitzer konnte sich für die witzigen Etiketten erwärmen. Immerhin ein bisschen Schmuddel.

Das Kollektiv um Künstlerin Kerstin Schulz hat große Ziele. Erstens: Es will auf die Existenz freiwilliger und selbstbestimmter Prostitution hinweisen. Auf Künstlerdeutsch: "Transparenz schaffen". Da hat Thalia gleich zugesagt. "Unser Beruf wird immer mit Zwang und Kriminalität in Verbindung gebracht", sagt die 30-Jährige und verzieht angestrengt die Augenbrauen. "Dabei gibt es viele Frauen wie mich, die diesen Job gerne und freiwillig tun." Ihr Gewerbe sei eines unter vielen - und sowieso das älteste der Welt.

Autonomie und Ausbeutung

Jörg Makel, Kriminalhauptkommissar in Hannover, bestätigt, dass es in der Stadt immer mehr Frauen gibt, die sich selbst Liebeszimmer mieten oder autonom in Hotels arbeiten. "Das wollen wir in einem liberalen Land auch nicht beschränken", sagt Makel. "Wie viele Prostituierte tatsächlich selbstbestimmt arbeiten, ist schwer zu ermitteln. Natürlich findet in dem Milieu auch Ausbeutung statt."

Polizeischätzungen zufolge arbeiten rund 2000 Frauen und Männer in Hannover im Sexgewerbe. Rund zwei Drittel stammen aus dem Ausland, vor allem aus Rumänien und Bulgarien. Im vergangenen Jahr liefen zwanzig Verfahren wegen Menschenhandels in Hannover, so der Polizist. Er vermute aber eine hohe Dunkelziffer.

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Ausstellung "Strich-Code": Rollentausch im Rotlichtviertel

Foto: SPIEGEL ONLINE

Aber Thalia macht auf jeden Fall alles freiwillig. Sie mag auch das Wort "Hure" nicht. Viel lieber bezeichnet sie sich als "Geliebte auf Zeit". Seit zwei Jahren bietet sie ihre Dienste auf Internetseiten wie "kaufmich.de" an und vollzieht sie dann in Büroräumen und Hotelzimmern. Was ihr daran gefällt? "Alles, es macht Spaß."

"Strich-Code" hat ein zweites Ziel: Die Künstler und Thalia kämpfen für die Anerkennung des Berufs der Sexarbeiterin, die ihm zehn Jahre nach Inkrafttreten des Prostitutionsgesetzes in Deutschland noch immer nicht zuteil wird. Das oft kritisierte "gut gemeinte Paragrafenwerk"  sollte die sozial- und arbeitsrechtliche Situation von Prostituierten verbessern: Abmachungen zwischen Freier und Hure wurden offiziell rechtsverbindlich, Zuhälterei straffrei. Sexarbeiter und Sexarbeiterinnen sollten Zugang zur Kranken- und Sozialversicherung erhalten.

Welchen Wert hat Prostitution?

Viel verändert hat sich seit der Gesetzesreform 2002 nicht, weiß Dorothee Türnau von "Phoenix", einer Beratungsstelle für Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter in Niedersachsen. "Viele Regelungen sind in der Praxis schlicht nicht durchsetzbar. Die Frauen machen von ihren Rechten schon allein deshalb keinen Gebrauch, weil sie anonym bleiben wollen", sagt die Beraterin. Die oft geforderte Transparenz sei dringend notwendig. Kann eine Aktion wie "Strich-Code" helfen? Ja, findet Türnau, weil sie sich an ein breites Publikum richte. "Viele denken bei Prostitution immer an Menschenhandel, das finde ich schade. Mir geht es um die Wertschätzung eines legalen Berufs."

Hier kommt das Preisschildchen ins Spiel: "Das Etikett steht für einen gewissen Wert", erklärt Kerstin Schulz und hebt den mit einem Schildchen beklebten Zeigefinger in die Luft. Für sie ist Sexarbeit ein "wichtiges Ventil für die Gesellschaft". Nach anfänglichen Berührungsängsten ist Schulz ein Fan von Frauen wie Thalia geworden. Die gleiche Wertschätzung will sie bei den Museumsbesuchern provozieren.

Als Türöffner funktioniert "Strich-Code" tatsächlich: Die Sensationslust treibt die Besucher vor Thalias Käfig, und die knalligen Farben der Preisetiketten machen den Strip-Club weniger verrucht, fast freundlich. "Ein echter Hingucker", sagt ein Passant. Doch die Aktion will mehr - wahrscheinlich zu viel. Sie möchte "zum Nachdenken anregen", "einen Diskurs schaffen", "Werthaltigkeit diskutieren".

Aber selbst in den anekdotenreichen Führungen vom Museum ins Rotlichtviertel erschließt sich der Sinn der Ausstellung nur andeutungsweise. Wenn Kerstin Schulz kurz zusammenfassen soll, was genau ihr Projekt bewirken soll, antwortet sie immer mit den gleichen Worten. "Künstler bekommen Aufmerksamkeit und Wertschätzung, wenn sie im Museum ausstellen, aber in der Regel wenig Geld", sagt die Künstlerin. "Prostituierte bekommen Geld, aber keine Anerkennung. Was passiert, wenn beide die Rollen tauschen?"

Was dann wirklich passiert, kann Schulz nicht sagen. Das Wertegefüge der Gesellschaft steht jedenfalls nicht Kopf. Aber zumindest haben wir mal drüber gesprochen. Und eine echte Prostituierte gesehen.

Die Ausstellung läuft noch bis 7. Oktober.

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