Berliner Festspiele Theater im Schatten realer Tragödien
2001 war weiß Gott kein schönes Jahr: Archaische Gewalt schien sich seit dem 11. September überall auszubreiten, und die Fernsehöffentlichkeit sah den Ereignissen von New York und Jerusalem bis hin zu Erfurt und Rotterdam hilflos zu. Die Juroren des diesjährigen Theatertreffens haben dem Rechnung getragen. Wer alle Inszenierungen gesehen hat, dürfte von rund 23 Theaterstunden kaum drei gelacht haben. Und selbst dieses kurze Lachen wäre bestenfalls bittersüß gewesen, wie in Christoph Marthalers Schubert-Farce "Die schöne Müllerin" oder Sebastian Nüblings surrealem "John Gabriel Borkmann". Unter der Satire pochte ein stets abgründig verzweifelter Humor, allzeit bereit, in handfeste Auseinandersetzungen umzuschlagen.
Zu sehen gab es also vor allem Tragödien. In ihrem Zentrum, sieht man von Senecas bestialischem Rachedrama "Thyestes" (Regie: Stephan Kimmig für das Staatstheater Stuttgart) einmal ab, stand weniger die Gewalt selbst als eine Gesellschaft, die sich durch Nichtstun und untätiges Zuschauen in Schuld verstrickt. Im "Hamlet" vom schauspielhannover verstärken die Eltern mit einer Mischung aus Desinteresse und Nachgiebigkeit die Psychosen ihres Sohnes, die Regisseur Nicolas Stemann schmerzlich konsequent bis zum bitteren Eklat durchdekliniert. Jossi Wielers "Alkestis" präsentierte sich als drückendes Kammerspiel, in dem Admetos (großartig: Michael Wittenborn) in seiner Rolle als Herrscher und Familienvater kapituliert und seine Kinder schonungslos mit der eigenen Lebensangst überhäuft.
Kraftwerk Schleef
Während im vergangenen Jahr Altmeister wie Luc Bondy, Peter Zadek und Claus Peymann das Theatertreffen derart dominierten, dass sich die jüngeren Regisseure gezwungen sahen, ein Protestfestival in Frankfurt zu veranstalten, verhielt es sich in diesem Jahr umgekehrt: Stemann, Stefan Pucher und andere "Nachwuchstalente" wie René Pollesch, der sich in seiner eingeladenen "Prater-Trilogie" (wie in seinem ganzen Werk) mit Selbstbildern und Arbeitswelten in der Informationsgesellschaft beschäftigt, bestimmten die Festival-Atmosphäre. Prompt hatte nun Peymann am Berliner Ensemble (BE) ein "Anti-Theatertreffen" ausgerufen, bei dem unter anderem die Bochumer "Godot"-Produktion mit Harald Schmidt zu sehen war.
Als eine der schönsten Veranstaltungen des Treffens entpuppte sich aber ausgerechnet die Verleihung des Theaterpreises der Stiftung Preußische Seehandlung an Elfriede Jelinek im BE. Hierfür konnte Peymann nichts, sondern der Geist Einar Schleefs, der über der Zeremonie zu schweben schien. Schleef hatte bis wenige Monate vor seinem Tod im BE die Uraufführung von Jelineks "Macht nichts" geprobt. In einem Probenvideo entfaltete er - wie ein unscharf auf die Videoleinwand zurückgekehrtes Gespenst - noch einmal seine ganze Sprachgewalt und intonierte rhythmisch lange Monolog-Passagen. Jelinek widmete ihre Preisrede ausschließlich einer poetischen Huldigung an ihren Uraufführungsregisseur, der "derzeit" tot sei. Zu Lebzeiten sei Schleef ein Kraftwerk gewesen, das nun also unterirdisch weiterarbeiten müsse, sagte die Dramatikerin. Um dies zu erreichen, versprach Jelinek mit unnachahmlichen österreichischem Sinn fürs Morbide, würde sie sich notfalls sogar mit der Natur anlegen.
"Jungsein ist wie eine Krankheit"
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In zwei ausschweifenden Diskussionen im Spiegelzelt, dem traditionell mit viel Wein und Kartoffelsalat ausgerüsteten Treffpunkt der Theatermacher, wehrte sich unterdessen die "Nachwuchsgeneration", in die Schubladen von jung oder alt, Off-Szene oder Stadttheater gesteckt zu werden. Die Unterschiede dürften nicht überbetont werden, sagte der zum Ende der nächsten Saison scheidende Basler Schauspieldirektor Stefan Bachmann. Vor allem gehe es darum, ein Programm zu machen, welches das anwesende Publikum berührt. Bernd Wilms vom Deutschen Theater Berlin gab zu bedenken, dass es jedoch kein Stammpublikum mehr gebe wie in früheren Jahren. Man müsse möglichst viele potenzielle Zuschauergruppen ansprechen - und dennoch eine deutlich wiedererkennbare Handschrift für sein Haus formulieren.
"Jungsein ist wie eine Krankheit", lautete der Titel eines dieser Diskussionspodien. Um das Gefühl eines anämischen, nutzlosen Wartens darauf, dass das Leben endlich beginne, während es sich am Ende doch immer nur anderswo ereigne, ging es jedoch vor allem immer wieder in den Inszenierungen. Im Vakuum dieses Nichtstuns schienen sie eine gefährlich zunehmende Gewalttoleranz zu beschreiben. Am deutlichsten trat dies in Meg Stuarts aus Zürich eingeladener Tanztheater-Performance "Alibi" zu Tage.
Selten traute sich ein Theaterabend so radikal an alles heran, was im Publikum Unlust erzeugt: Schmerzliche technische Störgeräusche ersetzen die Musik, endlose Passagen des Wartens wechseln sich mit jähen Ausbrüchen von Geschwätzigkeit oder Getümmel der Akteure ab. Nach und nach schälte sich jedoch fesselnd die Kritik an einer Gesellschaft heraus, die sich lieber in ihren Fehlerroutinen verbarrikadiert als die Fassaden der Unnahbarkeit zu durchbrechen - und sei es um den Preis einer brutalen gegenseitigen Verkennung. So schmerzlich diese zwei Stunden mit Stuarts Truppe "Damaged Goods" waren, sie gehörten zu den lohnenswertesten dieses Festivals.