Beutekunst-Debatte Aufräumen im Glashaus
"Beutekunst" wird in der Öffentlichkeit meist nach wie vor mit "Raubkunst", also jenen von der Roten Armee während und nach dem Zweiten Weltkrieg nach Russland entführten und nach wie vor dort lagernden Kulturgütern gleichgesetzt. Dass auch in deutschen Museen noch immer unrechtmäßiger, während der NS-Zeit erworbener Besitz ("Beutekunst") zu besichtigen ist, blieb bis in die jüngste Vergangenheit, ob aus Desinteresse oder Eigennutz, weitgehend unbekannt. Erst in den letzten Jahren hat die Diskussion um Herkunft und ungeklärte Eigentumsverhältnisse von deutschem, zwischen 1933 und 1945 erworbenem Museumsbesitz neuen Auftrieb erhalten. Um Ergebnisse, Methoden und Perspektiven der Provenienzforschung, so der Name dieses relativ neuen Forschungszweiges, zu präsentieren, trafen sich nun rund 180 Experten aus den USA und Europa in der Hamburger Kunsthalle zu der Tagung "Die eigene Geschichte - Provenienzforschung an deutschen Kunstmuseen im internationalen Vergleich".
Die unter der Schirmherrschaft des Kulturstaatsministers Julian Nida-Rümelin ausgerichtete zweitägige Veranstaltung ist nach dem Kolloquium "Museen im Zwielicht - Ankaufspolitik 1933-1945" vom Dezember des vergangenen Jahres erst die zweite ihrer Art in Deutschland. Wie schon bei der nur schleppend vorangehenden Entschädigung von Zwangsarbeitern durch deutsche Großkonzerne brauchte es auch bei der Provenienzforschung des Drucks von außen. Jan Philipp Reemtsma fasste diese Nachlässigkeit in seiner während der Hamburger Tagung gehaltenen Rede wie folgt zusammen: "Die deutsche Öffentlichkeit und Politik kümmerte sich um die Frage nach Beutekunst aus jüdischem Besitz erst dann, als nichts anderes mehr möglich war". So wurden erst in Reaktion auf die Washingtoner Konferenz 1998 über während der NS-Zeit geraubtes und enteignetes jüdisches Vermögen entsprechende staatliche Initiativen ergriffen.
- --Bibliographie des National Archives (USA) zum Thema Beutekunst
- -Rubrik der Fachzeitung "Art Newspaper" zum Thema Beutekunst
- -Sammelstelle für jüdische Wiedergutmachungsansprüche
- -offizielle Website der "Koordinierungsstelle für Kulturgutverluste"
Eine mit Beutekunst befasste Dokumentationsstelle des Bundes existierte zwar schon seit 1991 im Bundesinnenministerium (seit 1999 dem Beauftragten für Kultur und Medien unterstellt), doch befasste sie sich vornehmlich mit der Rückführung deutschen Kulturgutes. Ähnlich ging die 1994 geschaffene "Koordinierungsstelle der Länder für die Rückführung von Kulturgütern" vor - nur dass sie sich auf die Verluste aus den Sammlungen der Länder konzentrierte. Erst mit dem 1999 gemeinsam von Bund, Ländern und kommunalen Spitzenverbänden als Reaktion auf die Washingtoner Konferenz verfassten Beschluss zur "Auffindung und zur Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgutes, insbesondere aus jüdischem Besitz" wurde mit einer systematischen Aufarbeitung von privaten Ansprüchen an Deutschland begonnen. Bund und Länder erweiterten daraufhin die inzwischen von Bremen nach Magdeburg verlegte Koordinierungsstelle der Länder um die gemeinsam finanzierte "Koordinierungsstelle für Kulturgutverluste (KK)". Diese sollte sich nun endlich auch konzentriert der Auffindung von unrechtmäßig erworbenem Besitz in deutschen Kultureinrichtungen widmen.
Noch schwieriger als die wie gewohnt umständliche Zusammenarbeit zwischen Bund und Ländern gestaltete sich die Auseinandersetzung der Museen mit der Thematik. Verwunderlich ist das kaum, denn welches Kunstmuseum löst schon gerne freiwillig seinen aus eigener Sicht ohnehin meist mangelhaften Bestand auf? Etwas dem ursprünglichen Besitzer oder dessen Erben abzukaufen, was man ohnehin schon besitzt, dürfte für die chronisch unterfinanzierten Kultureinrichtungen kaum als attraktive Alternative in Frage kommen. Deshalb darf es auch nicht weiter verwundern, wenn bis dato erst Museen in fünf Städten - München, Berlin, Köln, Hamburg und Stuttgart - Stellen für Provenienzforscher zur Überprüfung ihrer Bestände eingerichtet haben.
Die nach dem Grundsatz "Moral vor Recht" (denn juristisch sind die Besitzansprüche längst verjährt) im "Arbeitskreis Provenienzforschung" zusammenarbeitenden, ausnahmslos weiblichen Historiker stoßen deshalb verständlicherweise weder mit ihrer Recherche noch mit ihren (aus Sicht der Museen) zumeist negativen Ergebnissen auf sonderlich viel Gegenliebe. Dem konnte auch die im Februar 2001 von der Kultusministerkonferenz beschlossene Handreichung als Hilfe für deutsche Museen zur "Umsetzung der Grundsätze der Washingtoner Konferenz" kaum Abhilfe schaffen. Bei der Kölner Tagung im Dezember desselben Jahres zeichneten sich die Vertreter der Museen vor allem durch ihre Abwesenheit aus.
Trotz aller Hindernisse sind aber mittlerweile auch in Deutschland schon einige Fortschritte erzielt worden - wenn auch in Zeitlupe. Während man in der Vergangenheit in Bezug auf Beutekunst in deutschen Museen hauptsächlich auf ausländische Werke zurückgreifen musste - eine der ersten und ausführlichsten Dokumentationen zu diesem Thema stammt von dem Kalifornier Jonathan Petropulus ("The Faustian Bargain", 2000) - ist die Zahl der deutschen Veröffentlichungen in der letzten Zeit erheblich angestiegen. Die "Koordinierungsstelle für Kulturgutverluste" hat mit www.lostart.de eine inzwischen sehr umfassende und zweckdienliche Website geschaffen. Auf der in deutsch, englisch und russisch aufrufbaren Internetseite wird Privatpersonen die Möglichkeit geboten, Suchmeldungen für vermisste Kunstwerke aufzugeben. Darüber hinaus bietet die auch aus Sicht von Historikern wichtige Einrichtung vielfältige Links und Literaturhinweise zur aktuellen Debatte um die internationale Provenienzforschung. Laut des auch bei der Hamburger Konferenz vertretenen Leiters der KK, Michael M. Franz, wurde mit "LostArt" ein zwar "noch im Entstehen begriffenes", aber für die deutsche Provenienzforschung mittlerweile unverzichtbares Medium geschaffen. Bis jetzt sind bereits 1700 Objekte von deutschen Museen sowie 600 konkrete Suchmeldungen von Privatpersonen eingegangen.
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Doch nach wie vor ist die "Provenienzforschung in Deutschland sicher noch ausbaufähig", wie Ute Haug, Provenienzforscherin an der Hamburger Kunsthalle nach der Tagung resümierte. Zwar steht Deutschland durch die Arbeit der vergangenen Jahre "im internationalen Vergleich mittlerweile nicht mehr allzu schlecht dar", doch die Notwendigkeit zur Aufarbeitung und Kontrolle der eigenen Bestände ist weder in Galerien noch "in Museen ins allgemeine Bewusstsein vorgedrungen". Bei ihrer Abarbeitung der 830 in der Hamburger Kunsthalle lagernden, vor 1933 entstandenen und danach angekauften Gemälden stößt sie nach wie vor auf Widerstände seitens Galerien und Händlern. Bis jetzt konnte sie die (legale) Herkunft von rund 60 Gemälden nachweisen. Ob sie sich auch noch dem Rest widmen können wird, steht zurzeit noch in den Sternen. Ihr auf anderthalb Jahre befristeter Vertrag mit der Hamburger Kunsthalle läuft demnächst aus, und die Verhandlungen um eine Verlängerung haben gerade erst begonnen.
Positiv aufgefallen ist bei der Hamburger Tagung jedoch die große Zahl der angereisten Vertreter deutscher Museen, die sich der zuweilen harschen Kritik an ihrer bisherigen Nachlässigkeit während der Konferenz tapfer aussetzten. Immerhin dient die Kooperation mit den Provenienzforschern aber auch ihrem eigenen, nicht nur moralischen Interesse: Denn mit einer Aufarbeitung der in deutschen Museen lagernden Beutekunst werden sich letztlich auch die an Osteuropa gerichteten Rückführungsforderungen stärker gewichten lassen.