Buletten-Rezepte: Hacken, aber richtig - DER SPIEGEL
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Buletten-Rezepte Hacken, aber richtig

Heute gibt's mal ordentlich was auf die Hackfresse. Ungezählte Rezepte versprechen die "perfekte Frikadelle". Höchste Zeit, das unbekannte Buletten-Land zu kartografieren.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Kennt eigentlich irgendwer noch Rammstein? Das ist ein Haufen martialisch auftretender Ostrocker, über deren blutige Texte und Musik sich in den Anfangstagen tatsächlich ein paar Moralapostel aufregen konnten. Rammstein also feierten Erfolge, zum Beispiel eine Goldene Schallplatte, deren Überreichung am Hamburger Stadtparksee nicht nur musikalisch, sondern auch kulinarisch angemessen begleitet werden sollte. Statt Lachshäppchen und Kaviarlöffelchen gab es daher nur einen groben Holztisch mit einem riesigen Hackepeter-Haufen, aus dem ein Bächlein tiefroten Fleischsaftes über die weiße Tischdecke lief.

Wissen ist Macht, aber nichts wissen macht manchmal mehr Sinn. Beim Hackfleisch zum Beispiel ist es in vielen Fällen besser, man weiß nicht so ganz genau, was alles hineingewolft wurde - egal, ob es nun die schweinerne Rammstein-Variante ist, das feine Lammhack oder der noch feinere Rindertatar.

Da hilft auch nicht die amtliche "Verordnung über Hackfleisch, Schabefleisch und anderes zerkleinertes rohes Fleisch" (kurz: "Hackfleischverordnung") weiter, die 2007 außer Kraft trat und in der allgemeinen "Lebensmittelhygiene-Verordnung" (LMHV) aufging. Weder die alte noch die neue Version bestimmt nämlich, was genau verhackt werden darf.

Einzig die hygienerelevanten Hackbelange werden dort geregelt, also die Lagertemperaturen in Fleischtheken (maximal 7 Grad) und in Industriekühlschränken (maximal 2 Grad) sowie die Weisung, dass für Hackfleisch nur frisches, keinesfalls aber tiefgefrorenes und aufgetautes Fleisch benutzt werden darf. Ach ja, und Rattenschädel dürfen auch nicht rein.

Was aber nun genau in den Supermarktkühltheken an Gehacktem schlummert und laut vorgeschriebenem Etikettaufdruck "Zum sofortigen Verzehr bestimmt" ist, weiß nur derjenige, der am Einwurfschacht des Fleischwolfs stand.

Der Kunde kann also nur hoffen, dass das alles schon seine Ordnung hat und er am Morgen nach dem Kauf und Verzehr nicht im Radio vom nächsten Fleischskandal in seiner Region und dem chemisch aufgepeppten Gammelfleisch im Hack des Supermarktes XY erfahren muss.

Der Gang zu einem Schlachter, sofern man in Großstädten überhaupt noch einen findet, bringt etwas mehr Gewissheit, sofern der Kunde darauf besteht, ein Stück Fleisch in der Theke auszusuchen, mit dem der Metzger dann in den Hinterraum geht, um (hoffentlich) eben dieses Stück zu kuttern. Wohl dem, der den Fleischereifachbetrieb seines Vertrauens gefunden hat.

Und wer aus welchen Gründen auch immer (religiös, gesundheitlich, weltanschaulich) irgendeine Fleischsorte auf gar keinen Fall essen darf oder will, kommt auch dort nicht weiter, denn im Schneckengewinde des Fleischwolfs stecken oft noch Reste des vorherigen Durchgangs.

Die beste Lösung also ist mal wieder die aufwendigste: das Fleisch zu Hause mit einem scharfen Messer sehr klein schneiden (Schabfleisch) oder einen Fleischwolf kaufen (elektrische sind besser zu handhaben, auf möglichst scharfe Messer achten) und selber das Hack wolfen. Dann könnte das Mett auch roh gegessen werden, aber möglichst sofort, denn zerkleinertes rohes Fleisch ist wegen seiner extrem vergrößerten Oberfläche ein hochsensibles Lebensmittel und ein von Salmonellen und Kolibakterien heiß geliebtes Vermehrungsparadies.

Natürlich muss jeder selbst entscheiden, wie er seine Frikadellen, Bratklößchen, Buletten, Hackplätzchen, Fleischküchla, Bellschuh, Brisolette, Fleischpflanzerl, Fleischkrusterl, Gewiechtsgliessl oder Hacktätschli essen - und vor allem, wie er sie nennen will.

Neben all den deutschsprachigen Bezeichnungen gibt es etliche andere, denn gebratene Hackbälle sind wahre Globalisierungsvorreiter: platt gedrückt im Hamburger als "Patty", zerquetscht im Ikeakinderwagen als "Köttbullar", mit Schafskäse gefüllt auf der "Mykonos"-Speisekarte als "Bifteki" oder, unter nur leichten Abweichungen des Wortstammes, als "Kofta" in Indien, "Kufteh" in Iran, "Kiftay" in Syrien, "Köfte" in der Türkei und "Kufta" in Bangladesh. Selbst der Hippie-Comic-Papst Gerhard Seyfried verkaufte von seinem 1979er-Anarcho-Buch "Freakadellen und Buletten" über die Jahre mehr als 300.000 Stück.

Folgendes Rezept reiht sich brav ein in die ungezählten Anleitungen zur "perfekten Frikadelle", spitzt das Thema aber etwas zu: Mie de pain statt matschigem Weißbrot, die Zwiebeln vorher angedünstet, das Fleisch selber gewolft und der Fleischteig mit Gourmet-Tricks aufgeporscht. (Eine ausführliche Step-by-Step-Anleitung mit Detailfotos und Hack-Alternativen finden Sie auf Peter Wagners Männerkochseite Kochmonster .

Wenn Sie damit keine perfekten Frikadellen gebraten kriegen, dürfen Sie aus dem Wagner einen Hackepeter machen.

Rezept für die perfekten Frikadellen

Vorbereitungszeit: 20 Minuten

Zubereitungszeit: 15 Minuten

Schwierigkeitsgrad: leicht

Zutaten

Frikadellen

150 g Schweinelende

350 g Rindernacken

2 Stück Zwiebeln, gelb, fein gehackt

2 Stück Knoblauchzehen, fein gehackt

2 El Pflanzenöl

1 Tl Paprikapulver, edelsüß

1 El Oreganoblätter, frisch, fein gehackt

1 El Pfeffersenf von der niederländischen Senfmühle De Wijndragers 

4 El Mie de pain (frisches, ohne Kruste geriebenes Weißbrot; Alternative: Semmelbrösel)

1 Stück Ei

1 El Salzkapern, fein gehackt

4 Stück Sardellenfilets, fein gehackt

1 Prise Muskatnuss, frisch gerieben,

1 Tl bunter Pfeffer, frisch gemahlen

1 EL Kräutersalz

0,5 Tl Piement D'Espelette (mildes Chili-Pulver aus dem Baskenland)

4 El Traubenkernöl

2 El Butter

Zubereitung

Frikadellen

Schweinelende und Rindernacken sorgfältig parieren (es müssen alle sichtbaren Fett, Bindegewebe- und Sehnenteile entfernt werden), Fleisch in ca. 3 cm große Würfel schneiden. Zwiebeln in dem heißen Pflanzenöl anschwitzen, Knoblauch dazugeben, glasig dünsten, auf kalten Teller streichen, Raumtemperatur annehmen lassen.

Fleisch durch die feine Scheibe des Fleischwolfes drehen, in Schüssel geben, Mulde in der Mitte eindrücken. Das Ei aufschlagen, in die Mulde gleiten lassen. Restliche Zutaten (ohne Öl und Butter) dazugeben, mit beiden Händen zu einem homogenen Fleischteig kneten.

Hände waschen, gut abspülen. Mit angefeuchteten Händen (zweite Schüssel mit lauwarmem Wasser in Griffweite stellen) gleichmäßig große Fleischkugeln formen, dazwischen Hände immer wieder nachfeuchten.

Butter in großer Pfanne in dem heißen Öl zerlaufen lassen, so viele Fleischkugeln einlegen, dass in der Pfanne noch genug Platz zum Wenden bleibt. Temperatur sollte in einem mittleren Bereich liegen, der Eiweißanteil der Butter darf nicht verbrennen (Alternative: Butterschmalz oder Schweineschmalz). Fleisch nach 1 Min. wenden, Kugeln mit Pfannenwender etwas flacher drücken. Von allen Seite langsam ausbraten, auch auf die Ränder stellen. Frikadellen mit einem Rohdurchmesser von ca. 5 cm sollten mindestens 12 Min. langsam ausgebacken werden, damit das Fleisch durchgebraten ist.

Sollten mehrere Durchgänge gebraten werden müssen, können die fertigen Frikadellen bei 80 Grad im Backofen lose mit Alufolie belegt warm gehalten werden.

Anrichten

Frikadellen sind extrem tolerant in der Frage, mit wem sie gerne auf dem Teller liegen. Ich esse sie am liebsten mit einem lauwarmen Kartoffel-Endiviensalat oder mit gedünsteten Möhrenscheiben (mit Petersilie und Knoblauch). Wem das immer noch zu trocken ist, der wird bei der Tageskarte "Quatsch mit Sauce" fündig.

Küchen-Klang

Zwei Stimmen wie aus dem Fleischwolf: zweisprachig (französisch und englisch) auf der CD "Camphor & Copper" (No Format/Alive) der jungen kanadischen Sängerin Mélissa Laveaux mit einer Mischung aus Sadcore und angejazztem Folkpunk, während der Country-Grammy-Preisträger Waylon Jennings auf "Waylon Forever" posthum noch einmal zeigen kann, dass große Mengen Whiskey die Stimmbänder nicht nur ölen. Nix für Mutti, die in der Küche den Sohn beim Frikadellenrollen beobachten will? Dann bleibt nur Ronan Keatings Muttertags-CD "Songs For My Mother" mit Neuversionen der Lieder, die die Boyzone-Mama an diesem Tag am liebsten hörte.

Getränketipp

Zu den meisten Frikadellengerichten passt am besten ein kühles Bier. Bereitet man sie nach obigem Rezept mit Oregano als geschmacksdominierendem Würzaroma zu, empfiehlt sich aber ein ausdrucksstarker Roter wie der 2003 Marqués de Sandoval  von der Bodega San Alejandro, der sich trotz gelungener Eichen-Barrique-Lagerung noch immer eine frische, nicht allzu hochreifige Fruchtigkeit bewahrt hat.

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