"Conserving": Leichen hinter Acryl - Von der Schönheit des Todes - DER SPIEGEL
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"Conserving" Leichen hinter Acryl - Von der Schönheit des Todes

Das Ausstellungs-Projekt "Conserving" des Fotografenpaares Daniel und Geo Fuchs könnte für neue heftige Kontroversen über die moralische Verantwortung des Künstlers sorgen. Der reichlich unbekümmerte Umgang mit dem Tabuthema Tod scheint in der zeitgenössischen Kunst ein echter Trend zu werden.
Von Birgit Stallmann
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Frankfurt - Der Kleine sieht aus wie ein Prinz und trägt ein Mützchen mit geflochtenen Bändern. Auf einem Spitzenkissen ist er sanft entschlummert. Mit seiner Haut aber stimmt etwas nicht: Sie ist grau und aschfahl, greisenhafte Falten haben sich in die Stirn gegraben. Die Nase ist verfärbt und ungesund porös, durch die Lippen fließt kein Blut. Das genaue Alter der Leiche ist unbekannt, rund 250 Jahre dürfte sie zählen. Sie stammt aus dem anatomischen Institut der Universität Utrecht, in dem kleine Körper und Körperteile in Gläsern mit gelblichem Formalin schwimmen, damit sie nicht verwesen. Hunderte von solchen Exponaten haben die Fotografen Daniel, 33, und Geo Fuchs, 30, einem Casting unterzogen.

Vier Jahre lang ist das Künstlerpaar mit der Großbildkamera durch anatomische und zoologische Institute in Europa gezogen - auf der Suche nach bildwürdigen toten Fischen, Tierkadavern und Leichenteilen in Gläsern. Die Ergebnisse dieser morbiden Talentsuche wurden jüngst in dem Edelbildband "Conserving" veröffentlicht und sind nun in Frankfurt zu sehen. Im Fotografie Forum International zeigen die Künstler mit insgesamt 66 Fotos die komplette Trilogie "Conserving Fish - Conserving Animals - Conserving Humans".

Was mit den brillanten Bildmitteln der Werbeästhetik bei Fischen noch als gelungene Kochbuchillustration durchgeht, erhält mit dem Blick auf die Fragmente des menschlichen Körpers Brisanz und Konfliktpotenzial. An Rosshaar aufgehängte Gesichtshäute, Köpfe von Föten und Gehirne sind Sujets, die sich nicht nur nah an der Ekelgrenze bewegen, der Blick aufs Präparat selbst ist respektlos dicht. Nichts bleibt dem Betrachter verborgen. Bartstoppeln, Falten, Hautporen und sogar der weiche Babyflaum sind so nah, als hätte man nicht nur Abbildungen, sondern die tatsächlichen Objekte vor sich.

Moralische Bedenken quälen das Fotografen-Gespann allerdings nicht. Ihnen geht es um die Kunst und um die Schönheit. Übertriebene Pietät könnte allenfalls das künstlerische Resultat gefährden. Die Künstler selbst profilieren sich und ihre im Tod verewigten Motive durch gestochen scharfe Glanzporträts hinter Acrylglas, die - im warmen Licht geschickt positioniert - paradoxerweise Lebendigkeit suggerieren.

Das Verworfene der Kultur, das Abseitige und Verpönte haben seit zwei Jahrzehnten Hochkonjunktur in der Kunst. Die "Abject Art" einer Cindy Sherman oder eines Andres Serrano sorgten mit ihrer provozierenden Ästhetik des Widerwärtigen für hitzige Debatten nicht nur in der Kunstszene. Gunther von Hagens zeigt in seiner "Körperwelten"-Ausstellung  plastinierte Leichen und rief damit den erbitterten Widerstand von Kirchenleuten und Bürgern auf den Plan.

Dass auch die "Conserving"-Bilder Auslöser eines solchen Glaubenskriegs werden könnten, versetzt Daniel und Geo Fuchs in ungläubiges und naives Erstaunen: "Wir wollen doch nur die Schönheit der toten Wesen zeigen." Für einen Eklat zu sorgen, war nie ihr Anliegen, aber wer kann sich das schon immer selbst aussuchen?

Teil zwei: "Der Tod im Glas ist eine Abstraktion" - Interview mit Geo und Daniel Fuchs

"Conserving" , Fotografie Forum International, Frankfurt, 13. Mai bis 18. Juni 2000. Katalog: Edition Reuss Verlag, 148 Mark.

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