Instrumentalisierung Warum der Arbeiter herhalten muss
Arbeiter in einer Fabrikhalle der Phoenix Gummiwerke in Hamburg-Harburg, 1960er Jahre
Foto: picture alliance/ United ArchivDer Arbeiter ist zurück: Der "FAS"-Journalist Justus Bender etwa besuchte ehemalige und immer noch arbeitende "Opler" in Rüsselsheim . Bender hat herausgefunden: Die SPD habe die Leute dort vergessen, sie würden überhaupt von allen vergessen, und "mit den Genderthemen, die linke Genossen in Großstädten umtreiben, braucht man Rüsselsheimer Arbeitern nicht zu kommen." Und auch nicht der Verwandtschaft der Journalistin Eva Marie Stegmann. Vor Kurzem bemühte sie in einem Artikel für die Wochenzeitung "Zeit" ihre eigene Herkunft aus einer Arbeiterfamilie, um zu erklären, dass aktuelle antirassistische Debatten zu elitär geführt würden.
Vor knapp zwei Wochen beklagte schließlich Sigmar Gabriel bei einem Auftritt in Hamburg ein "Überhandnehmen von Themen wie Schwulenrechte, Gleichstellungsrechte, Migration". Seine Schlussfolgerung: "Die Arbeiterpartei Deutschlands ist derzeit die AfD".
Der Arbeiter muss ständig herhalten. Mit ihm lässt sich der Rechtsruck erklären, der AfD-Wahlerfolg - und die Diskussionen um das Ende der Meinungsfreiheit, die in den Feuilletons stattfinden. Das Problem dabei: Der Arbeiter wird in der aktuellen Debatte als homogenes, apolitisches, mediales Wesen konstruiert. Und er kommt nicht allein: Ihm steht als Feindbild eine "kosmopolitische Elite" gegenüber, die vermeintlich im Gestus moralischer Überlegenheit argumentiert und sich für weltfremde Identitätspolitik einsetzt. Ein ebenso diffuser Begriff, in dem auch noch ein antisemitischer Topos mitschwingt - und der dazu dient, zwei Gruppen zu konstruieren, die gegeneinander ausgespielt werden können.
Natürlich gibt es Frust, Politikverdrossenheit und Misstrauen gegen die "da oben". Statt aber Solidarität aufzubauen, statt durch Differenzen Stärke herzustellen, werden von der Politik, aber auch von Wissenschaft und Medien sich bekämpfende Gruppen bemüht: In der Lesart von Bender, Gabriel und Stegmann stehen sie sich als stereotype, unversöhnliche Feinde gegenüber. Tatsächlich aber gibt es "den Arbeiter" ebenso wenig wie "den elitären Kosmopoliten". Beides sind stattdessen real heterogene Gruppen, deren Interessen sich überlappen können.
Identitätspolitik vergrault den Arbeiter
Warum ist die politische Öffentlichkeit aktuell dennoch so anfällig für diese holzschnittartigen Feindbilder?
Die Motive sind je nach Sprecherposition unterschiedlich: Politisch geht es Parteien darum, die Illusion einer homogenen Schicht aufrechtzuerhalten, um einerseits dem eigenen Machtverlust in dieser Gruppe noch mit letzter Kraft entgegenzuwirken und andererseits die "besorgten Bürger" für sich zu gewinnen. Journalisten und Journalistinnen wollen sich nicht vorwerfen lassen, ganze Bevölkerungsgruppen ignoriert zu haben, insbesondere, wenn diese der einfachen Erklärung des Aufstiegs rechtsextremer Politik und Rhetorik dienen.
Was aber alle Kommentatoren gemeinsam haben, ist das simplifizierende Narrativ: Die Arbeiter sind besorgt, haben Angst und wählen die AfD (auch wenn, das nur nebenbei, bekannt ist, dass die AfD längst nicht nur von geringverdienenden Menschen gewählt wurde). Sie kommen so auch zu ähnlichen Schlussfolgerungen: Die Identitätspolitik der bürgerlichen Großstädterinnen und Großstädter vergraule den ländlichen Arbeiter, weil sie mit Sprach- und Denkverboten sowie "Cancel-Culture" operiere.
Das Bild des Arbeiters, das so gezeichnet wird, ist eine Verzerrung: Weiß sei der Arbeiter, hetero, naiv, rassistisch, queerfeindlich, ängstlich, wütend - und, polemisch ergänzend, zahnlos und immer männlich. Darüber legt sich dann auch noch die eigene nostalgische Sehnsucht: Bei Gabriel ist es der Wunsch nach einer starken SPD, die noch die Zechen besuchte und damit Wahlerfolge hatte; bei Stegmann ein Arbeiteridyll, in dem all die anstrengenden Diskussionen um Rassismus gar nicht stattfanden; bei Bender eine starke Arbeiterschaft, die noch was zu sagen hatte und deren Vertreter "nie Linke waren".
Wer ist der Arbeiter?
So ist der Arbeiter heute also Projektionsfläche für alle. Einerseits verwundert das nicht: "Das, was die 'einfachen Leute' vor allem auszeichnet, ist die Diffusität der Kategorie selbst", schreibt der Autor Robert Misik in seinem Buch "Die falschen Freunde der einfachen Leute". Andererseits: Was hielt in den Fünfziger- oder Siebzigerjahren die damals bereits heterogene Gruppe der Arbeiterbewegungen zusammen? Es war die Kritik am Kapitalismus, der gemeinsame Kampf um Respektabilität und zur Durchsetzung konkreter Forderungen. Auch wenn diese Lesart ebenso ungemein verkürzt, gibt sie doch Hinweis auf einen Kern, der dem wirklichen Arbeiter vermutlich näherkommt als einfache Zuschreibungen.
Sind das die neuen "Arbeiter"?
Foto: Ralf Hirschberger/DPAStets wird suggeriert, der Arbeiter wäre früher ganz ohne identitätspolitischen Schnickschnack ausgekommen. Ein Blick in die Geschichte der Arbeiterbewegung widerlegt diese These. Erinnert sei etwa an die wilden Streiks zum Beispiel bei Ford im Jahr 1973, wo vor allem "ausländische Arbeiter" die Arbeit niederlegten. Ohne Identitätspolitik hätte es gar keinen Arbeitskampf gegeben, weil sich die Arbeiterinnen und Arbeiter erst mal als Subjekte konstituieren mussten, um überhaupt für ihre Rechte zu kämpfen. Das bedeutet jedoch nicht, dass sie sich nur als Arbeiter identifiziert hätten, tatsächlich hatten sie durchaus mehrere fluide Identitäten. All das übersehen die Gegner der Identitätspolitik gern. Stattdessen wird "Identitätspolitik" als Kampfbegriff gegen die Rechte der Arbeiter missbraucht.
Auch heute gibt es noch Arbeitskämpfe, der Streik der Bauern, bei Amazon oder bei Lufthansa sind nur einige Beispiele. Diese Gruppen streiken aber vor allem für ihre partikularen Interessen. Den aktuellen Arbeitskämpfen fehlt eine übergreifende Forderung, die alle Arbeitenden betrifft. Und es fehlt auch ein Interesse der Gesellschaft, diese Streiks zu unterstützen.
Die Forderungen der Streikenden zeigen jedoch: Heutige Arbeiterinnen und Arbeiter haben kein Problem mit Identitätspolitik, es geht ihnen um Tarifverträge, höhere Zulagen, Attraktivitätsverluste in der Branche und die Politik.
Allerdings gibt es die Arbeiterbewegungen "nicht ohne eine fragile Allianz", wie Misik schreibt. Er meint damit eine Allianz aus verschiedenen Klassen und Lebenssituationen, also im Grunde das Gegenteil von semantisch leeren Sätzen und der ewigen Logik des Freund-Feind-Schemas, mit dem Stegmann so prägnant ihren "Zeit"-Text beendet: "Unsere Debattenkultur ist elitär und die eigentlichen Eliten, die, von denen man doch erwarten könnte, dass sie sich für ein besseres Miteinander einsetzen, heizen die Situation auf."
Eine elitäre Debatte?
Statt anzuerkennen, dass sich - auch in der Position als Arbeiterkind, das heute den Sprung in die Mittelschicht geschafft hat - Herkunft und Zukunft fluide überlappen, und gerade hier eine Befähigung zur Solidarität liegen kann, wird "Debatte ist elitär" zur Dauer-Chiffre und jede Forderung zum neuen alten marxistischen Nebenwiderspruch. Die daraus geforderte Maxime: Wir sollten uns um die "einfachen Leute" kümmern und weniger über Rassismus, Sexismus, LGBTI*-Themen streiten. Oder anders: Das wirkliche, alles bestimmende Thema ist Klassismus, alles andere nur ein Resultat daraus.
Das ständig reproduzierte rassistische Narrativ von Geflüchteten, die alles bekommen ohne zu schuften, während die "einfachen Leute" zurückbleiben, verstärkt diesen vermeintlichen Gegensatz. In dem "FAS"-Artikel von Bender heißt es: "Wenn Haas durch die Innenstadt läuft, sieht er Handyläden, Ein-Euro-Läden und Dönerläden. Der Ausländeranteil liegt bei vierzig Prozent. Er findet, dass es in der Flüchtlingspolitik keinen Plan gibt und dass Leute, die schon Jahrzehnte in die sozialen Sicherungssysteme eingezahlt haben, jetzt in der zweiten Reihe stehen."
Tatsächlich konkurrieren in einer neoliberalen-postfordistischen Welt (also in einer Welt, die geprägt ist von neuen Technologien, individuell gestalteten Produkten, Verflechtungsbeziehungen zwischen Unternehmen) arbeitende Menschen ständig miteinander. Das alles ist aber nicht die Schuld der Migration oder irgendwelcher "elitärer Debatten".
Die Kriterien sind nicht in einer Entweder-Oder-Schneide gefangen, wir müssen uns nicht entscheiden, uns als Gesellschaft entweder nur für "die Arbeiter" einzusetzen oder ausschließlich für die Rechte von "Marginalisierten". Niemandem würde der Kopf explodieren, wenn beide Gedanken parallel im Hirn Platz fänden - oder gar zusammenfänden.