Dr. Mitte Berlinale-Business as usual?
"Hottest City of the World" versus "Shit Weather". Die Berlinale bleibt aus meteorologischer Sicht ihrem Ruf treu: Es regnet in Strömen, und die Metropole präsentiert sich nassgrau, was es für das Berliner Filmfest im Februar nicht einfacher macht im Vergleich mit den Wettbewerben Cannes (Mai) und Venedig (September). Das Dilemma ist stets dasselbe. Im Vorfeld wird gejauchzt, wie dermaßen "VIP" das Festival würde und wer alles "Hochkarätiges" ganz, ganz sicher kommen werde - und dann folgt in stumpfer, alljährlicher Gleichförmigkeit das lapidare Eintrudeln von Absagen der Superstars aus den glaubwürdigsten Gründen (heute: Pierce Brosnan wegen Frühgeburt bei langjähriger Freundin)
Wenn man aus dem Fenster blickt, versteht man, warum man sich als Hollywood-Superstar gerne dagegen entscheidet, das sonnige Kalifornien zu verlassen.
Profilierung in Sachen Desinteresse
Doch auch wenn der Star den beschwerlichen Weg nach Berlin antritt, ist der Genusswert für seine Anhängerschaft sehr oft begrenzt. Vom Jetlag geplagt, schläft sich die Hollywood-Elite nach der Ankunft im abgeschirmten Fünf-Sterne-Hotel aus, verschwindet spätmöglichst durch Hinterausgänge in Limousinen mit verspiegelten Scheiben, wird zu dem ihr zu Ehren veranstalten Event gekarrt, verbleibt dort eine halbe Stunde in der abgeschirmten Extra-Zone des VIP-Bereichs, und sucht dann schnell das Weite. Letztes Jahr profilierte sich Leo di Caprio in Sachen Desinteresse und offensichtlicher Verachtung der Veranstaltung, dieses Jahr hat Babs Becker bereits im Vorfeld der Berlinale einen tollen neuen Standard gesetzt: Schnell die "Goldene Kamera" an Ricky Martin verliehen, gar nicht erst auf die Party gegangen und zack, wieder zurück nach Florida.
"New Economy"-Ausreden und die Springer-Republik
Auch die Stimmung beim Partyvolk ist besorgt bis gereizt. Während es im letzten Jahr aufwendigste Feste noch und nöcher gab, ist die Anzahl und Ausstattung der Partys in diesem Jahr auffällig gesunken. Angesagt sind kleine Empfänge statt rauschender Feste "weil dort der Austausch untereinander besser funktioniert" - und das ist nur eine der pittoresken "New Economy"-Ausreden...
Selbst Hanno Huth von Senator Film, letztes Jahr noch umjubelter Börsenstar, gibt nur ein Essen für den engsten Kreis. "Rücksicht auf die Aktionäre" heißt ein oft gehörtes Stichwort, wenn es um das allgemeine Downsizing glamouröser Promoveranstaltungen geht. Zu deutlich hat das letzte Jahr bewiesen, dass Filme nicht erfolgreicher werden, wenn man Tausendschaften mit Schnittchen vollstopft.
Was die Schnittchen-Konsumenten betrübt: Die Gästelistenpolitik scheint strenger zu werden. Verärgerung gab es bereits bei Springers Fernsehpreis "Goldene Kamera", für den Szeneprominenz und Journalisten gleich reihenweise nicht akkreditiert wurden. Beliebtes Gesprächsthema der Draußengebliebenen: "Will Springer eine andere Republik, auch partymäßig?"
Auch sonst wird viel über Deutschland nachgedacht. Das Pressebüro des einzigen deutschen Beitrags im Wettbewerb "My Sweet Home" wird nicht müde zu betonen, dass der Film wirklich eine deutsche Produktion ist, obwohl Regisseur und Produzent Griechen sind. Ebenfalls populäres Thema: Wie groß ist der Nutzen von Projekten wie dem für 180 Millionen Mark in Babelsberg gedrehten Epos "Enemy At The Gates" für die deutsche Filmbranche?
Ebenfalls zum Schmunzeln: Kulturminister Julian Nida-Rümelin, der entgegen des Branchentrends seine Verleihung des Drehbuchpreises aufwendiger und kostspieliger als je zuvor inszeniert, ließ sein Büro bei mehreren Berliner Journalisten anrufen, ob sie ihm eine Rede schreiben können. Die Zeiten scheinen schwieriger und komplizierter zu werden: Nida-Rümelins Vorgänger Naumann hielt seine Ansprachen noch frei im Plauderton.