Dr. Mitte: Statt Schloss und Palast - DER SPIEGEL
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Dr. Mitte Statt Schloss und Palast

Stadtschloss oder ein sanierter Palast der Republik? Darauf beschränkt sich die Debatte, was mit dem Areal im Herzen von Berlin-Mitte geschehen soll. Jürgen Laarmann wägt die Argumente pro und contra ab und kommt auf ganz andere Lösungen!
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Nun ist Kanzler Schröder in sein neues Kanzleramt umgezogen. Der Volksmund hat das Gebäude bereits wegen seines quadratisch anmutenden Äußeren und seines Bullaugen- Designs "die Waschmaschine" getauft. De facto fungiert das neue Kanzleramt als erstes architektonisches Werk der "Berliner Republik."

Gleichzeitig ist damit das ehemalige Staatsratsgebäude wieder für neue Zwecke bereit, ebenso wird bewusst, dass mitten in Berlin mit dem Schlossplatz eine riesige Freifläche existiert, über deren Zukunft immer noch weitgehend Unklarheit herrscht.

Dass diese Unklarheit nun bereits zehn Jahre andauert schmeichelt unserer Republik ebensowenig wie die Vorschläge, was nun geschehen soll. Oberwasser gewinnt derzeit wieder die Fraktion, die das alte Stadtschloss des Kaisers wieder aufbauen möchte. Ebenjenes würde ihrer Meinung nach das architektonische Bild der Museumsinsel harmonisch abrunden, wenn man auch noch den asbestverseuchten Palast der Republik beseitigte, wären die Nostalgiker glücklich.

Reminiszenz an das Kaiserreich als falsches Signal?

Dass eine Reminiszenz an das Kaiserreich gerade heute leicht revanchistisch-bizarr erscheint und als falsches Signal gewertet werden könnte, kümmert die Stadtschloss-Fans genauso nicht wie die Tatsache, das wir eigentlich mangels Kaiser auch keinen Kaiserpalast mehr brauchen. Die Idee der Stadtschloss-Fans, Aktien für den Wiederaufbau auszugeben, erscheint als aus Investorensicht als kühne Idee, die selbst abgebrühtesten Neue-Markt-Freaks verschreckt. Kaiser haben stets mehr gekostet als Gewinne gebracht.

Zum 30. Geburtstag des Palast der Republik mit seinen braun-metallicfarbenen Glasscheiben erhält die Gegenseite, die Befürworter einer Komplettsanierung, ebenfalls Aufwind. Mal abgesehen davon, dass das Siebziger-Jahre-Design von "Erichs Lampenladen" revivaltechnisch gerade wieder up-to-date wäre, erscheint die Idee eines Bürgerhauses und einer Mehrzweck-Veranstaltungshalle im Zentrum einer Metropole durchaus sympathisch.

Vor 30 Jahren war der Palast der Republik technisch das Nonplus-Ultra, die ausklappbaren Falt-Tribünen beeindrucken noch heute, die Tatsache, dass es sogar eine Bowling Bahn mit Kegeln, die sich selber wieder aufstellen gab, lässt uns heute hingegen nicht mehr total ausflippen.

Die Idee ein Veranstaltungszentrum auf dem neuesten Stand der Technik zu errichten, begeistert nach wie vor. Insofern kann es nicht um die Renovierung der Ost-Bowling Bahn und Co. gehen sondern um die Features von heute und morgen!

Profilierungssüchtige Politiker aufgepasst!

Dass es unter diesem Aspekt schlauer ist, ein neues Gebäude zu errichten statt den maroden Palazzo Prozzo zu renovieren, liegt auf der Hand. Profilierungssüchtige Politiker aufgepasst! Hier besteht in jedem Fall die Chance für einen Staatsmann in die Geschichte einzugehen. Denn das Prinzip "Brot und Spiele" gilt noch immer.

Wo ist der deutsche Mitterand, der sich durch eine Techno-Nationalbibliothek oder eine Glaspyramide vorm Pergamon-Museum verewigt sehen möchte? Wer stellt uns eine tolle Veranstaltungshalle hin, die die wenig glamourösen privatwirtschaftlich betriebenen Velodroms und Max-Schmeling-Hallen übertrifft, und wo ein paar mehr Menschen Madonna-Konzerte sehen könnten (wenn sie denn käme)?

Oder sollte eine Wiener oder Kopenhagener Lösung gefunden werden. Tivolis und Praters mitten in der Innenstadt? Vergnügungsstätten an die einstigen Orten politischer Fehlentscheidungen? Wie wäre es mit einem tollen neuen Park in der Mitte der Stadt? Einem Bau, der architektonisch beeindruckt wie das Guggenheim Museum in Bilbao?

Die Möglichkeiten sind mannigfaltig, und teuer wird das ganze ohnehin. Egal jedoch, was auf diesem Areal geschieht: Es wird eine epochale zentrale inhaltliche und architektonische Message der Berliner Republik werden. Und die sollte wohlüberlegt sein und sich nicht auf die Restaurierung von Repräsentationsbauten vergangener Regimes beschränken.