E-Mail aus Hollywood Küsschen von Julia
Über 25 Meilen erstreckt sich der Sunset Boulevard, eine Straße der Kontraste, eine amerikanische eben. Für 100 Millionen Mark werden im Sunset-nahen Bel Air Villen angeboten - einige dutzend Kilometer weiter, Richtung Downtown, erstrecken sich Straßen, in die sich selbst Polizisten nicht wagen, weil hier die Verzweiflung der Bewohner stärker ist als die Angst vor dem Gesetz. Kein bedeutendes Filmstudio ist heute direkt am Sunset angesiedelt, Warner hat sich in Burbank niedergelassen, Universal hat jenseits des Highways 101 gebaut. Und dennoch symbolisiert der Sunset die Filmmetropole, die Sucht nach Ruhm, den Traum von Reichtum.
Am Sunset wohnen die Multimillionäre, Produzenten wie Stars: Pacific Palisades, Beverly Hills, Brentwood, Bel Air heißen ihre Viertel. In Hotels wie dem "Mondrian" oder dem "Chateau Marmont" buchen Hollywood Größen, die Musik-Welt zieht das "Sunset Marquis" vor, eben auch, weil im Untergeschoss ein Tonstudio existiert, in dem der Gitarrist Jeff Beck so manches Mal übt und Rocker gelegentlich vom Balkon ihres Hotelzimmers in den Pool springen.
"Ein böser Junge"
Überall an diesem Boulevard ist die Vielschichtigkeit Amerikas erkennbar, auch die Oberflächlichkeit. Hier die Scientology-Aktivisten, einige Häuserblocks weiter die Stripper, das "House of Blues", das Edelrestaurant "Le Dome", in dem Komponist Giorgio Moroder ("Flashdance") Stammgast ist, das Café Med, in dem Roland Emmerich gelegentlich luncht, der Nachtclub "Viper Room", nach dessen Besuch am 31. Oktober 1993 der Jungstar River Phoenix an einer Überdosis auf dem Bürgersteig starb.
Im "Beverly Hills Hotel" - Eigner ist der ölumschwappte Sultan von Brunei - steigt Elton John ab, nicht zuletzt, weil er hier unbeobachtet Tennis spielen kann. Bei einer seiner letzten Visiten war Elton mit seinem persönlichen Tenniscoach aus England angereist. Der Spaß dauerte für den unter einem Pseudonym eingecheckten Sänger nicht lange. Er zerrte sich den Unterschenkel, der Coach saß unversehens wieder im Flugzeug. Elton John, Boris Becker persönlich verbunden, schüttelte sein Toupet, als er während der Grammy-Verleihung von Beckers Blitz-Sex in der Wäschekammer hörte: "naughty boy" ("böser Junge"), meinte der Sänger.
Allesamt verhinderte Stars
Unlängst wollte ein Saudi-Prinz den Wimbledonsieger von 1959, den Peruaner Alex Olmedo, vom Sunset Boulevard abwerben. Doch Olmedo, der im "Beverly Hills Hotel" seit Jahrzehnten als Coach arbeitet, zeigte sich am Angebot nach Arabien umzusiedeln, wenig interessiert.
Nur gegen eine Million Dollar Anzahlung in bar sei er dazu bereit, bei Ankunft wollte er eine weitere Million. Für eine Saison versteht sich. Ihm reichen die 250 Mark Trainergage pro Stunde, seine Villa mit eigenem Tennisplatz und Pool, der sonntägliche Ausflug auf den Golfplatz, ein Stündchen Tennis mit Nicole Kidman oder einer anderen Hollywood-Schönen. Er hat nie etwas anderes getan als Tennis zu spielen, keinen Neid gespürt ob des Reichtums seiner Schüler.
Wie anders doch so manche jener Bediensteten in Hotels, Restaurants, in Fitness-Studios, ja in den Boutiquen am Rodeo Drive. Sie sind allesamt verhinderte Drehbuchschreiber, Video-Regisseure, Schauspieler, zumindest wollen sie es werden: "Ich bin der einzige in meinem Betrieb", witzelt Wolfgang Puck, 50, Amerikas erfolgreichster Koch, der "keine Karriere im Film anstrebt."
Nach dem Oscar in die Küche
Muss er nicht: überdimensionale Billboards mit seinem Porträt schmückten in den letzten Wochen den New Yorker Times Square und den Sunset, Werbung für eine Puck-Serie im "Food Channel", dem Koch-Kanal des amerikanischen Fernsehens. Puck, über 30 Sendungen, täglich 30 Minuten am Herd. In den nächsten Wochen reist er zu Dreharbeiten nach Österreich und Italien. Für die "Oscar"-Feierlichkeiten bereitete Puck unter anderem 900 Hummer vor, wegen des Küchenmangels ließ der aus Österreich eingewanderte Multimillionär hinter dem Shrine Auditorium drei gigantische Kühllastwagen auffahren und in einer Garage eine - provisorische - Küche installieren. 400 Kellner bedienten, 220 Köche und Küchenhelfer unterstützten Puck. Während der Koch-Arbeit musste der Chef mehrfach in weißer Arbeitskluft über den roten Teppich gehen, eben weil der "Food Channel" zugleich über seine "Oscar"-Arbeit berichten wollte. Er ist populär, der "Wolfie", so sehr, dass Julia Roberts ihn, nach dem Jubel über ihre "Oscar"-Ehrung, in der Küche besuchte und umarmte.
Puck kennt sie alle, die so genannten und die wirklichen Promis, privat hat er sogar für Bill Clinton gekocht. Er ist verbunden mit Michael Eisner, befreundet mit Peter Falk ("Columbo") und Sidney Poitier ("In der Hitze der Nacht").
Billy Wilder hat über Puck geschrieben, er sei der "Mozart der Küche". In den letzten Wochen musste Wilder auf die geliebten Salzkartoffeln verzichten. Wegen einer Lungenentzündung wurde er, über Wochen, im Krankenhaus behandelt, er ist stark geschwächt.
Der Österreicher ist Teil dieser Gesellschaft. Inzwischen muss Puck so viele Autogramme schreiben wie Hollywood-Stars. Also auch er ein Hauptdarsteller, allemal für seine Fans.