Filmindustrie Katz und Maus im Internet
Sie haben seinen Namen "ganz schön verunstaltet": Muele, Muhl, Moolen, Ontdemule - aber der Hanseat hat sich nicht beirren lassen, sondern ist seinem Geburtsnamen treu geblieben: Axel aus der Mühlen. Die Namensnot der Amerikaner hat seiner Karriere nicht geschadet. Vom gediegenen Hamburger Gymnasium an der Hegestraße, umtönt vom steten Hochbahn-Geratter und Straßenlärm der Eppendorfer Landstraße, hat er es unter die Palmen Hollywoods geschafft. Nicht ganz, wenn man es nach der Lage seines Büros bewertet, unten im Valley von Los Angeles, dem Untergeschoss der Glamour-Welt. Doch dafür symbolisiert sein Arbeitgeber Macht und Einfluss: die Motion Picture Association of America (MPAA) und ihr internationaler Ableger MPA (Motion Picture Association).
Seit 36 Jahren wird die seit 1922 existierende Institution von Jack Valenti, 80, geführt. Ehedem war er einer der Redenschreiber des US-Präsidenten Lyndon B. Johnson, ein Vertrauter der Demokraten, der mit der Macht umzugehen verstand und mit den Machern in der Hauptstadt noch immer engen Kontakt hält. Die MPAA ist eine Non-Profit-Organisation, finanziert von den Megastudios Sony Pictures, Warner Bros., Fox, Paramount, MGM, Universal und Disney, die die MPAA unter anderem als Advokaten nutzen, um die Rechte an ihren Filmen weltweit zu verwalten. Valenti, inzwischen weißhaarig, aber immer noch rüstig, ist so eine Art Chef-Lobbyist der Copyright-Polizei, die mit den Gesetzgebern aber auch über profanere Dinge streitet: zum Beispiel darüber, in welchem Alter einem amerikanischen Kind auf der Leinwand ein nackter Busen zuzumuten ist.
MPAA-Lobbyisten, wie auch jene der Studios, sind permanent in Washington vertreten, MPAA-Juristen hingegen, wie beispielsweise Axel aus der Mühlen, 48, Vice President und Senior Counsel for Copyright Affairs, streiten mit Europäern über Urheberrechte oder denken darüber nach, wie jene Piraten juristisch zu bezwingen sind, die Hollywood im Cyberspace zusetzen und, so Valenti, "um den Schlaf bringen".
Auf rund 3,5 Milliarden Dollar beziffert der MPAA-Chef den jährlich durch Piraten verursachten Schaden, und das sei "eine konservative Schätzung". 79 Millionen Dollar, rechnet Valenti vor, kostet derzeit durchschnittlich ein von Hollywood produzierter Film, einschließlich der Kosten für Marketing und Werbung. Nur zwei von zehn Filmen jedoch spielen diese Investitionen an den amerikanischen Kinokassen wieder ein. Mit anderen Worten: Die Produzenten müssen Gewinne über Videos, DVDs, Verkäufe ans Kabelfernsehen, TV-Rechte, vor allem aber über die internationale Vermarktung sichern.
350.000 Filme aus dem Internet - täglich
Der "digitale Diebstahl", wie Valenti formuliert, verdirbt den Filmschaffenden nun aber zunehmend die Kalkulation: Denn bevor die US-Produzenten ihre Werke ins Ausland verkauft haben, verhökern Video- und DVD-Piraten die neuesten Hollywood-Produkte im Internet - oftmals für einen Bruchteil der offiziellen Preise. Die Folge: Die Hollywood-Studios registrieren schon heute, beispielsweise auf Taiwan, erhebliche Kinokassen-Verluste.
Die rapide technologische Entwicklung, meint aus der Mühlen, "setzt uns unter großen Druck. Wir müssen schnell reagieren um unsere Filme zu schützen". Noch ist Hollywood zwar nicht in die Napster-Turbulenzen der Musikindustrie geraten, weil der Download eines zwei Stunden langen Films mit einem normalen 56K-Modem immer noch 12 bis 24 Stunden dauert. Doch trotz dieser Zeitverzögerung, analysierte Viant, ein in Boston etabliertes Consulting-Unternehmen, werden aus dem Internet schon jetzt rund 350.000 Filme abgerufen - täglich.
"Es kann", sagt aus der Mühlen, "zunächst nur noch schlimmer werden." Zunehmend nämlich setzten sich Broadband-Internet-Zugänge durch, die den Download von Filmen - im Verbund mit einem schnellen Rechner - auf 20 bis 40 Minuten reduzieren. Valenti ist sicher: "Mit der nächsten Internetgeneration wird das in 45 Sekunden möglich sein." Für ihn ist der Schutz wertvoller kreativer Werke in dieser digitalen Zeit deshalb "zur größten Herausforderung" geworden.
"Einfache Antworten gibt es nicht"
Genau das ist es, was sich der Jura-Student aus der Mühlen einst an der Hamburger Uni erträumt hatte: "Die Lösung komplexer Probleme", die Klärung "scheinbar undurchdringbarer Verknüpfungen". An der angesehenen Georgetown University in Washington und der University of California in Los Angeles (UCLA) spezialisierte sich aus der Mühlen 1983 in "weiser Voraussicht" auf das "internationale Urheberrecht". Er wusste: "Je mehr die Globalisierung fortschreitet, desto mehr werden die internationalen Juristen gefordert."
Kürzlich organisierte aus der Mühlen unter Schirmherrschaft des deutschen Kulturstaatsministers eine vom Berliner Außenministerium finanzierte Konferenz, den "American German Copyright Law Summit", bei der sich Urheberrechts-Spezialisten der großen Studios mit deutschen Rechtsexperten in der Villa Aurora in Pacific Palisades trafen, um die Differenzen zwischen deutschem und amerikanischem Urheberrecht zu diskutieren.
Seit nahezu einem Jahrzehnt ist aus der Mühlen einer der juristischen Vordenker der Motion Picture Association. Oftmals wird er von seinen Kollegen "der Copyright-Guru" genannt. Seine Hauptaufgabe: der weltweite Schutz der Urheberrechte von Filmen und anderen kreativen Werken. Neue technische Herausforderungen wie digitale Vervielfältigungen, Internet- und Satelliten-Übertragungen oder Tauschbörsen machen den Job für aus der Mühlen "zwar intensiver", weil es "einfache Antworten nicht gibt", für den Juristen freilich ist klar, dass Piraterie und Aktivitäten à la Napster und Gnutella nur zu verhindern sind, wenn es gute Gesetze und effektive technische Schutzmaßnahmen wie etwa Verschlüsselung und elektronische Wasserzeichen gibt.
"Schwer fassbare Gesellen"
Die Argumente mancher Konsum-Organisationen, die "für sich einfach das Recht einfordern, Kopien zu ziehen, gleich wem die Urheberrechte zustehen", kann und will er nicht nachvollziehen. Die MPAA versucht weiterhin gemeinsam mit dem FBI (und der kürzlich im Justizministerium geschaffenen "Specialized Computer Hacking and Intellectual Property Unit") Piraten im Cyberspace zu identifizieren und zu stoppen.
Eine "Ranger"-Searchengine ist ununterbrochen "24 Stunden, sieben Tage die Woche" (aus der Mühlen) für die MPAA auf der Spurensuche. Im letzten Jahr allein forderten die MPAA-Juristen 1680 Internet Service Provider auf, den illegalen Download von Filmen zu verhindern. Mehr als 50.000 Internet-User erhielten eine Unterlassungserklärung. Längst ist Jack Valenti aber klar, dass die Filmpiraten nur wegen der schriftlichen Verwarnungen kaum kapitulieren werden: "Die werden hier gestoppt, und dort tauchen sie wieder auf." "Piraten", ergänzt aus der Mühlen, "sind eben das, was ihr Name sagt: schwer fassbare Gesellen." Sie sind in Vietnam, in China, Russland, aktiv. In Regionen also, in denen der internationale Abkommen wie der "Digital Millennium Copyright Act" von 1998 wohl nie gelesen wird und auch keine Anwendung findet.
Gefilmt in Kalifornien, kopiert jenseits der Ozeane
Aber selbst wenn es den Fahndern gelingen sollte, den kommerziellen Vertrieb von Piraten-Produkten zu unterbinden, bleibt für Hollywood noch immer ein vielleicht sogar größeres Problem: Wie soll jener Filmfreak gestoppt werden, der nach der Uraufführung eine Kopie des neuesten "Star Wars"-Films zieht und diese danach im Internet an seine auf der ganzen Welt verteilten Freunde verteilt und diese so davon abhält, sich eine Kinokarte zu kaufen? Zu bestrafen sind diese Privat-Piraten nicht: Die Mehrheit der Computer-Kids sind zudem minderjährig und schon deshalb juristisch kaum zu packen.
Medien wie die immer populäreren DVDs sind zwar mit dem sogenannten "Content Scrambling System" verschlüsselt, doch auch diese Schallmauer haben Hacker schon überwunden. Es bleibt, das wissen die MPAA-Juristen, "vorerst bei einem Katz-und-Maus-Spiel". Die Piraten filmen - etwa bei einer Kinopremiere - heimlich mit versteckter Kamera mit oder sichern sich - gegen Bestechungshonorar - einen Platz im Vorführraum. Über Nacht überspielen die Piraten ihr Premieren-Produkt nach Malaysia oder Taiwan. Am Montag darauf sind "Spider-Man" oder "Star Wars" auf Videokassette oder DVD zu kaufen, gelegentlich auch am New Yorker Times Square oder am Hollywood Boulevard - gefilmt in Kalifornien, kopiert jenseits der Ozeane. Jack Valenti und aus der Mühlen ahnen: Sie können die Piraten nicht besiegen, sondern nur hoffen, dass die Kino-Fans, die ihre Filme vom Internet downloaden wollen, dafür künftig eine Gebühr bezahlen - am besten freiwillig.