Interview mit Fred Kogel "Das überlaute Lachen wird verstummen"
SPIEGEL ONLINE:
Herr Kogel, wie haben Sie den 11. September erlebt, den Tag, an dem Terroristen mit gekaperten Flugzeugen ins New Yorker World Trade Center rasten?
Fred Kogel: Mich hat diese Tragödie sehr belastet. Ich war an jenem Tag in London, um Verhandlungen zu führen. Unsere Gesprächspartner waren Amerikaner und natürlich war die Betroffenheit unbeschreiblich. Selbst wenn ich gewollt hätte, hätte ich mich dem überhaupt nicht entziehen können.
SPIEGEL ONLINE: Haben Sie in den letzten beiden Wochen noch an einen Ihrer eigentlichen Jobs denken können, an die Planung von Unterhaltungsformaten, Quiz-, Comedy- oder Reality-Shows?
Kogel: Natürlich widmet man sich schon am nächsten Tag wieder seinem Tagesgeschäft, im Hinterkopf aber ist der Schrecken stets präsent. Auch, weil die Medien uns massiv mit Informationen zu dieser Katastrophe versorgen, was ich persönlich aber für sehr wichtig halte.
SPIEGEL ONLINE: Haben die Fernsehsender die Geschehnisse in Ihren Augen angemessen verarbeitet?
Kogel: Ich kann hier eigentlich nur für die deutschen TV-Sender sprechen und da muss ich sagen, dass alle durch die Bank weg einen sehr guten Job gemacht haben. Alle haben sofort die Sendepläne geändert und ihre Zuschauer rund um die Uhr mit Sondersendungen und Live-Schaltungen informiert.
SPIEGEL ONLINE: In vielen Büros und Haushalten lief jedoch CNN. Für viele waren die Amerikaner einfach näher dran als die Deutschen, einfach die besseren Nachrichtenvermittler.
Kogel: Ich denke schon, dass die deutschen Sender einen ähnlich guten Job wie CNN machen. Wobei meiner Meinung nach die BBC noch besser war als CNN. Ich habe an dem Dienstag in London immer zwischen der BBC und CNN hin- und hergeschaltet und es schien mir, als hätten die Engländer die besseren, weil erhellenderen Bilder gezeigt. Beim amerikanischen CNN erschien man mir - verständlicherweise - beinahe überwältigt von den Ereignissen in der eigenen Heimat.
SPIEGEL ONLINE: Welche Verantwortung trägt das Fernsehen angesichts einer solchen Katastrophe?
Kogel: Eine extrem hohe Verantwortung. Alle Sender haben der Bedeutung dieses Tages auch Rechnung getragen. Offensichtlich hat jeder sofort verstanden, dass es sich hier um ein Ereignis der Zeitgeschichte handelt, das uns alle noch sehr, sehr lange beschäftigen wird.
SPIEGEL ONLINE: Etliche Zuschauer hatten den Eindruck, das Fernsehen inszeniere die Ereignisse eher, als dass es informiert.
Kogel: Diese Frage habe ich mir selbst auch gestellt angesichts eines Anchormans, egal ob nun bei RTL oder Sat.1, der an seinem Schreibtisch sitzt, während hinter ihm auf einer Leinwand immer wieder aufs neue der Jet in den zweiten Turm des World Trade Center rast. Zweifellos ist das eine Dramatisierung und damit auch eine Emotionalisierung des Geschehens. Allerdings ist das bei uns noch sehr maßvoll betrieben worden, im Gegensatz zu dem, was bei den US-Medien zu sehen war. Von denen aber erwartet man diese Dramatisierung sogar; das hängt einfach mit der amerikanischen Mentalität zusammen, die nach einem solchen Schlag förmlich nach Gefühl hungert.
SPIEGEL ONLINE: Können die privaten TV-Sender weiter wie bisher die Deutschen in eine Spaßgesellschaft verwandeln - oder werden die Anschläge für einen grundsätzlichen Wechsel sorgen?
Kogel: Die Vokabel "Spaßgesellschaft" hat sich eigentlich erst in den letzten drei, vier Jahren manifestiert. Die deutsche Comedy ist stark geworden. Harald Schmidt, die "Wochenshow", "RTL Samstag Nacht", all diese Formate haben den Deutschen gut getan. Später allerdings hat es auch Formate gegeben, die eben nicht mehr so lustig waren, die den Qualitätsmaßstäben von guter Comedy nicht mehr gerecht geworden sind. Hier hat die Spaßgesellschaft angefangen zu überdrehen. Ich glaube aber, dass die Abkehr vom überlauten Lachen längst eingesetzt hat. Nun wird es in Folge der schrecklichen Ereignisse verstummen.