Kommentar: Die Raff Parade - DER SPIEGEL
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Kommentar Die Raff Parade

Nicht Routenplanung oder Terminfrage sind wichtig für die Zukunft von Tiergarten und Love Parade - sondern die überfällige Entscheidung über ihren Status als angebliche Demonstration.
Von Holger Kulick
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Berlin - Natascha Kompatzki von der Berliner Tourismus Marketing GmbH verteidigt Berlins kulturellen Höhepunkt in höchsten Tönen - als kommerzielle Veranstaltung: "Wenn die Love Parade verlegt wird, sind wir alle die Verlierer ... schließlich ist die Love Parade eine Marke für diese Stadt und verleiht ihr jugendliches Image ... und sie bringt 250 Millionen Mark zusätzliche Kaufkraft in die Stadt". Damit ist eigentlich alles gesagt. Denn zu welcher politischen Demonstration bieten Clubs teure Begleitveranstaltungen an, werben Tourismusprospekte, Hoteliers sowie Flugreiseveranstalter schon ein Jahr im Voraus?

Ist "positive Einstellung" schon eine Demonstration?

"Wir sind keine tagespolitische Demonstration, sondern eine gesellschaftspolitische", verteidigte Love-Parade-Sprecher Enric Nitzsche das Ansinnen seiner Auftraggeber letzten Dienstag auf einer überfüllten Pressekonferenz. Was das heißt? "Wir sind positiv eingestellt". Nicht Hedonismus soll die Botschaft sein, beteuerte er, sondern friedliches Miteinander. Selbst eine französische Zeitung habe unlängst die neuen Deutschen mit einem Foto von der Love Parade illustriert. Friede, Freude, Eierkuchen als grandiose Augenwischerei. Denn natürlich geht es mittlerweile dominant um Kommerz.

Beträchtliche Teilnahmegebühren für Raver-Trucks werden erhoben, Fernsehrechte verkauft, Sponsoren geworben. Gibt es das bei einer anderen politischen Demonstration? Vermarktet wird das Markenprodukt Love Parade obendrein. Ableger werden in Wien, Newcastle, Tel Aviv, Kapstadt und bald in Mexiko, Moskau oder Barcelona gefeiert, aber nur noch in Wien als politische Demonstration. Andernorts wären das "Mischformen" wand sich der Pressesprecher aus dem kniffeligen Vergleich heraus.

Heruntergespielte Umweltfrage

Grandios auch die umweltpolitische Logik der Planetcom-Geschäftsstrategen. Ein jährlicher Routenwechsel durch den Tiergarten lasse genügend Erholung für die Umwelt zu, im Sinne alter "Dreifelderwirtschaft". Die in aller Not für den 14. Juli vorgeschlagene, veränderte Routenführung sollte angeblich zwei Drittel des Tiergartens verschonen. Wo aber würden die Raver rasten, pinkeln, ruhen? Sollte ein Polizeiaufgebot wie beim Castor-Transport die übrige Parkanlage schützen? Oder will Dr. Motte Menschenketten bilden?

Viel zu emotional würde das Thema Umweltschäden debattiert, klagte der Planetcom-Sprecher, sachlich müsse doch erst einmal aufgearbeitet werden, was da überhaupt für Schäden entstehen und ob wirklich "qualitativ hochwertige" Pflanzen gefährdet werden, spielte er den Ahnungslosen. Selten so gelacht.

Selbstbewusst reduzierte Enric Nitzsche den Konflikt sogar auf die Schlüsselfrage, "Mensch oder Busch?". Das im Panikfall niedergetrampelte Strauchwerk sei ihm lieber, als getretene Menschen an einem Ort ohne große Ausweichmöglichkeit. Richtig, doch ein unfairer Vergleich. Denn bislang dreht sich die Debatte um Umweltschäden, die ganz ohne Panik entstanden und noch immer im Tiergarten zu besichtigen sind.

Muss erst ein Richterspruch die (Folge-)Kostenfrage klären?

Für fünf Jahre im Voraus hat sich die Planetcom nun den zweiten Juli-Samstag für die Love Parade reserviert - weiterhin als politische Demonstration, aber nicht als kommerzielles Event. Damit bleiben die Veranstalter ein weiteres Jahr von den Folgekosten ihrer Karnevals-Variante befreit. Erst im nächsten Jahr will der Innensenat diese Frage prüfen lassen, das ist der eigentliche Fehler.

Denn nicht der Termin, ob 14. oder 21. Juli, ist das eigentliche Problem, auch nicht die Route. Wenn es beim Tiergarten als Veranstaltungsort bleibt, ist es die (Folge-)Kostenfrage. Und die lässt sich nur lösen, wenn möglichst rasch der vorgeschobene Demonstrationsstatus der Love Parade aberkannt wird, damit auch festgeschrieben werden kann, wer als Nutznießer des Umzugs haftbar für alle Umweltschäden ist. Sicherlich wird auf der Love Parade Lebensgefühl "demonstriert", aber eigentlich wird nur noch eine Megaparty vermarktet.

Gerade weil das so ist, könnten sich doch alle Hoteliers und Einzelhändler dieser Stadt, für die die Love Parade als Einnahmequelle so wichtig ist, mit Planetcom zusammentun. Und wenigstens zwei Prozent ihrer Love-Parade-Einnahmen für die Revitalisierung des Tiergartens zur Verfügung stellen. Das wären immerhin fünf Millionen Mark jährlich, die einigermaßen reichen, um den Tiergarten nach jeder Love Parade zu reparieren (sieht man vom anderweitig vermeidbaren Urin-Problem ab). Dann könnte sie auch dort bleiben.

Eine "höchstrichterliche" Klärung dieser "Demonstrations-Frage" ist der Planetcom sogar recht, hob ihr Sprecher nun deutlich hervor. Worauf also warten? Denn die Antwort ist schon jetzt eine Frage klaren Menschenverstands.

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