Kriegsepos "Immer noch Sturm": Die Stimme der Rechtlosen
Kriegsepos "Immer noch Sturm" Die Stimme der Rechtlosen
Es war der einzige Partisanenkampf innerhalb des Dritten Reiches. 1941 schlossen sich im Bundesland Kärnten im Süden Österreichs Mitglieder der slowenischen Volksgruppe zu bewaffneten Kadern zusammen. Bauern, junge Frauen, aber auch zwangsrekrutierte Soldaten auf Heimatbesuch flohen in die Wälder, um dem deutschen Militär Widerstand zu leisten. Ein Kapitel des Zweiten Weltkriegs, dem Österreich nach der Kapitulation die Unabhängigkeit verdankte - und das dennoch in Vergessenheit geraten ist.
Peter Handke, 69, hat diesen Freiheitskämpfern ein literarisches Denkmal gesetzt. "Immer noch Sturm" heißt das Bühnenstück, mit dem der gefeierte Dramatiker das Leben der Minderheitengruppe zu Kriegszeiten skizziert. Handke, selbst unehelicher Sohn einer Kärntner Slowenin und eines Wehrmachtssoldaten, schreibt seine Familiengeschichte auf. Und verwebt geschickt Wahrheit mit Fiktion.
Das wortgewaltige Epos ist als Zeitreise konzipiert. Ein namenloser Ich-Erzähler, unschwer als Handke zu erkennen, gedenkt der verstorbenen Verwandten. Vor seinem geistigen Auge laden die Ahnen zum Gespräch ein: Die Großeltern, die den kleinen Bauernhof beackern, Patenonkel Georg, ein begnadeter Apfelzüchter, seine Brüder Valentin und Benjamin, beide mit dem Drang der Jugend, die Heimat zu verlassen, die finster dreinblickende Tante Ursula, von allen wegen ihrer tristen Art ausgegrenzt. Und schließlich die eigene Mutter, "blutjung" und mit einem Übermut gesegnet, der sie in die Arme eines Deutschen treiben wird.
Theater der Minderheiten
Eine Familie, deren Unrecht darin besteht, "hier geboren zu sein". Hier, das ist das Jaunfeld in Kärnten. Ein Tal zwischen den Saualpen und den Karawanken, unmittelbar an der slowenischen Grenze. Eine "gottverlassene Gegend", wie Finstertante Ursula sagt. Und dennoch genug Heimat, um sie gegen andere zu verteidigen. "Lepa Koroska" nennen die Ahnen ihr Zuhause. "Schönes Kärnten". Die weibliche Form im Slowenischen verwandelt das Land in eine Geliebte.
Handke schildert die Ereignisse in fünf Kapiteln, spannt einen Zeitbogen von 1936 bis in die fünfziger Jahre hinein. Der titelgebende Sturm ist das Weltgeschehen, welches das Familienband kräftig durchrüttelt. Die Onkel des Erzählers werden zum Militärdienst einberufen. Zwei fallen an der Front, einer schließt sich den "Grünen Kadern" an. Und steigt gemeinsam mit Tante Ursula zum Résistance-Kämpfer auf. Eine Ausschmückung, die sich nicht mit Handkes Biografie deckt: Er hatte keine Partisanen in der Familie, alle Onkel starben im Krieg. Doch die dichterische Freiheit ist wichtig, um das schwere Los der Kärntner Slowenen zu betonen. Nach dem Sieg hoffen die Kämpfer auf Anerkennung von Seiten Österreichs - und werden erneut geächtet. So kommt der einzige überlebende Onkel zu einem düsteren Fazit: "Wir haben doch verloren. Sind kein Thema. Und auch kein Stoff zum Träumen."
Ganz anderer Auffassung ist Roberto Ciulli. Der Intendant des Mülheimer Theaters an der Ruhr hat in seiner langen Amtszeit ein Faible für Minderheiten entwickelt. Bereits in den achtziger Jahren schuf er Kooperationen mit Darstellern aus Osteuropa und dem Orient. In einer Zeit, in der sich die Theater hierzulande auf den Westen konzentrierten, lud der Querkopf Gruppen aus Jugoslawien, Usbekistan oder der Türkei ein. Und brachte deutschsprachige Werke auf ausländische Bühnen.
In den vergangenen Jahren war Ciulli, 78, mit dem Handke-Stück "Kaspar" vermehrt in arabischen Staaten unterwegs. Führte die Tragödie im Irak unter Saddam Hussein auf. Feierte Erfolge in Iran beim Teheraner Fadj-Festival. Ebenso in Tunesien kurz vor dem Sturz von Präsident Ben Ali, wo das große Interesse der Jugend bereits die ersten Keime des "Arabischen Frühlings" ankündigte.
Bei solch einer Vorgeschichte verwundert es nicht, dass Ciulli die Rechte für "Immer noch Sturm" erwarb. Für ihn stellt Handkes Text "die ungeschriebene Geschichte" dar: Zeit-Passagen, die von der machthabenden Gewalt eines Landes ausgeblendet werden, um die eigene Ideologie zu stärken. "So wie die Faschisten im Italien der dreißiger Jahre die römische Antike umgeschrieben haben", sagt Ciulli. Seine Lehre: "Nur die Kunst kann den Rechtlosen eine Stimme geben."
Im Theater an der Ruhr soll Handkes Stück zum Traumerlebnis werden, verkündet Ciulli. Das Bühnenbild, traditionsgemäß von Gralf-Edzard Habben entworfen, zeige ein spärlich eingerichtetes Schlafzimmer. Der Ich-Erzähler liegt im Bett, ein alter Mann in den letzten Zügen. Seine Verwandten treten durch ein offenes Fenster ein, als eine Art Totenwache, als Geister der Vergangenheit. Von der Kärntner Heidesteppe, die Handke detailliert beschreibt, lässt Ciulli nichts übrig. "Die Erde ist schon verbrannt", sagt er.
Immer noch Sturm. Premiere am 28.3. im Theater an der Ruhr. Auch am 30. und 31.3. Tel. 0208/599 01 88.