Kunstschatz von München nach Kriegsende von Alliierten beschlagnahmt - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Kunstfund in München Alliierte beschlagnahmten Teile des Bilderschatzes

Teile des jetzt in München entdeckten Kunstschatzes waren nach dem Zweiten Weltkrieg offenbar zeitweise im Besitz der Alliierten. Das berichtet die "Süddeutsche Zeitung". Kunsthändler Hildebrand Gurlitt habe die Werke demnach erst Jahre später zurückbekommen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

München - Einige Bilder aus dem spektakulären Kunstfund von München sind offenbar nach Ende des Zweiten Weltkriegs von den Alliierten beschlagnahmt und erst fünf Jahre später zurückgegeben worden. Das berichtet die "Süddeutsche Zeitung". Grundlage der Berichterstattung sind Protokolle, die die Alliierten von Befragungen des Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt zu dessen Rolle im "Dritten Reich" anfertigten. 

Eine an diese Protokolle angehängte Liste gibt dem Blatt zufolge Auskunft über Gurlitts mehr als hundert Einzelwerke umfassende Privatsammlung. Diese sei nach Kriegsende in einer Wiesbadener US-Sammelstelle eingelagert gewesen. Aufgeführt seien in der Liste offenbar aber auch einige der am Dienstag in Augsburg präsentierten Werke, darunter das bislang unbekannte Selbstbildnis von Otto Dix, das Gemälde "Zwei Reiter am Strand" von Max Liebermann sowie die Gouache von Marc Chagall.

Dem Zeitungsbericht zufolge forderte Hildebrand Gurlitt die Werke mit Erfolg von den Alliierten zurück. Bis auf zwei Bilder sei ihm seine angebliche Privatsammlung 1950 zurückgegeben worden.

Werke von Picasso, Chagall, Nolde

Das Dix-Selbstporträt gehört zu den mehr als 1400 Bildern, die in der Münchner Wohnung des Kunsthändler-Sohns Cornelius Gurlitt entdeckt wurden. Die Sammlung umfasst Werke von Picasso, Chagall, Nolde, Renoir, Toulouse-Lautrec oder Beckmann, aber auch von früheren Malern wie Dürer und Spitzweg. Bei einem Großteil des Kunstschatzes handelt es sich offenbar um Nazi-Raubkunst, darunter Werke des Expressionismus, Dadaismus, Surrealismus oder Kubismus - Kunstströmungen, die die Nazionalsozialisten als "entartet" stigmatisiert hatten.

Der sensationelle Kunstfund bleibt indes voller Rätsel. Wem die Bilder ursprünglich gehörten, wie sie in den Besitz Hildebrand Gurlitts kamen, wo sich dessen 79-jähriger Sohn Cornelius heute aufhält - all das blieb auch nach der Pressekonferenz der Augsburger Staatsanwaltschaft und der Berliner Kunsthistorikerin Meike Hoffmann vom Dienstag offen. Der Zentralrat der Juden fordert jetzt zügige Aufklärung.

"Spekulationen helfen hier nicht weiter. Wichtig sind jetzt Transparenz und ein zügiges Verfahren", sagte Zentralrats-Präsident Dieter Graumann der "Passauer Neuen Presse". "Schließlich geht es hier um Erben einstmals beraubter jüdischer Sammler, die nun späte Gerechtigkeit erfahren könnten, indem das Hab und Gut ihrer Familie wieder in ihren, den rechtmäßigen, Besitz kommt."

Oberstaatsanwalt Reinhard Nemetz hatte dagegen erklärt: "Die Ermittlungen haben Vorrang, ich kann nicht darüber spekulieren, wer Eigentümer von irgendwelchen Sachen sein kann." Wer glaube, Anspruch auf ein Werk zu haben, könne sich gerne melden. Auch Cornelius Gurlitts Verbleib sei unklar: "Ich weiß nicht, wo er sich aufhält, weil uns diese Frage gar nicht beschäftigt", sagte Nemetz.

Zollfahnder hatten Gurlitts Sohn der Steuerhinterziehung verdächtigt. Bei einer Hausdurchsuchung entdeckten die Ermittler die Sammlung und beschlagnahmten sie. Das war im Februar 2012 - aber erst nach einem Bericht des Magazins "Focus" machten die Behörden die Sensation jetzt publik.

Bislang ist die vollständige Liste der Werke nicht veröffentlicht worden. Die Ermittlungen gegen Cornelius Gurlitt seien noch nicht abgeschlossen, teilte die Staatsanwaltschaft mit. Ihm werden Unterschlagung und Steuerdelikte vorgeworfen.

rls/AFP/dpa