Tageskarte Küche: Steak am Draht
Luxusküche Wo gehobelt wird, fallen Trüffel-Späne
Von den Gas-Oligarchen über Paris Hilton bis hin zur Currywurst mit Blattgoldauflage - um die einstigen Protagonisten des Blingbling für alle Lebenslagen ist es ruhig geworden in den vergangenen zwei Jahren. Doch seit sich die Investmentbanker an den Finanzplätzen der Welt wieder trauen, ihre astronomischen Boni in die Läden zu tragen, entbricht auch in Genießerkreisen die Diskussion, wie viel Luxus auf dem Teller denn nun schicklich sei.
Denn die primär in "Michelin"-besternten Spitzenrestaurants angestimmte Hochpreiszutatenmelodie klingt nicht nur in den Ohren vieler Gourmets kakophonisch-unzeitgemäß - sogar der "Guide Michelin" selbst rückt mehr und mehr von der Jahrzehnte lang als Gastrogesetz gültigen Gaumengleichung "Tafelsilber + Stopfleber + Trüffel + Château Petrus = Stern" ab und belohnt auch Restaurants mit bester, hochkonzentriert zubereiteter Tellerqualität ohne Brokatbrimborium in der Gaststube.
Ein Trend, der nun auch einen Totelverweigerer der klassisch französischen Zutatenpreistreiberei ganz an die Spitze gespült hat: Rene Redzepi, Chef im Kopenhagener "Noma", wurde soeben vom britischen "Restaurant Magazine" zum Betreiber des Jahres gekürt. Damit überrundet er nur ein Jahr, nachdem er trotz skandinavisch-puristischem Essensambiente mit Klinkermauern und rohen Holztischen seinen zweiten Stern bekommen hat, den langjährigen Titelabonnenten Ferran Adrià vom katalanischen "El Bulli" und den zuletzt zweitplatzierten Heston Blumenthal vom Londoner "The Fat Duck".
Ausgerechnet Dänemark, dieses Gourmet-Outback zwischen Hot Dog und Gammeldansk, soll nun für Feinschmecker der heißeste Ort der Welt sein? Der Däne mit mazedonischen Vorfahren lehnt schon seit Jahren die Luxuslitanei strikt ab und sieht sich als Vorkämpfer der "Neuen Nordischen Küche", einer Mischung aus höchstpräziser Küchentechnik und skandinavisch-regionalen, vermeintlich einfachen Zutaten: wilde Moltebeeren statt Tomaten, Rapsöl statt Olivenöl, Gotlandtrüffel statt Perigord, Apfelessig statt Balsamico, Rentier statt Ibericoschwein, dazu Moschusochsentartar auf Moosbett oder Schafsmilchmousse mit Sauerampfergratinée.
Redzepi, einst Schüler von Ferran Adrià, sieht sich als Trendführer: "Kochen auf Spitzenniveau tritt in eine neue Phase ein. Ich nenne sie die Ökophase. Die Phase davor war sehr von Luxus geprägt - Trüffelpasteten, Kaviar mit Champagnersoße, alles sehr schwer, alles sehr französisch."
Deutschlands Genussrektor Wolfram Siebeck reagiert zwiespältig auf den Trend: In der "Zeit" bewunderte er Redzepis "ungeheuer aufwendige Küche, bei der die benötigte Handarbeit nicht weniger beeindruckt, als die dahinterstehende Vision einer Küche von morgen." In seiner Kolumne beim "Feinschmecker" dagegen macht Siebeck seit einigen Ausgaben Front gegen die allerorts wieder entdeckte "Folkloreküche" und - für ihn als einstmals Steckrüben-nagendes Nachkriegshungerkind unerträglich - die "Hausmannskost": "Wie kann eine Gesellschaft, deren Konsum an Raffinement kaum noch zu steigern ist, zurückfallen auf ein von Armut geprägtes Niveau?"
Hype oder Hass - beide Seiten verkennen, dass es im Essverhalten jener, für die Ernährung mehr sein soll als das Aufreißen von Tüten und Dosen, tatsächlich einen Wertewandel gibt: regional kochen und global denken ist schon lange kein Widerspruch mehr. Marktfrische Zutaten, mit Verstand und Liebe zubereitet, können durchaus zu dem werden, was der KulturSPIEGEL als "Haute Hausmannskost" zu einem der 15 wichtigsten Phänomene der nächsten Dekade erklärt hat.
Wer nun schon sein geliebtes Hummer-Kobe-Seeteufel-Champagnersaucen-Leben enden sieht, muss nicht verzagen. Solange es Geldsäcke mit Beinen unten und Feinschmeckerzungen oben gibt, lebt der Luxus. Deshalb wollen wir ihn heute mal so richtig hochleben lassen und gönnen uns einen Teller Kostspielkost: Kalbsfilet-Tournedos mit Foie Gras überbacken auf Trüffel-Selleriepüree mit Morchelrahmsauce.
Das bestellt auch Paris Hilton im Moskauer Sheraton immer wieder gern.
Rezept für Tournedos Rossini mit Morcheln und Trüffeln (Hauptgericht für 4 oder Alleingericht für 2 Personen)
Vorbereitungszeit: 90 Minuten
Zubereitungszeit: 45 Minuten
Schwierigkeitsgrad: schwer
Zutaten
Tournedos Rossini
4 Stück Kalbsfilet-Medaillons (je ca. 160 g)
4 Scheiben durchwachsener Südtiroler Bauchspeck
2 Tl Meersalz & frisch gemahlener bunter Pfeffer
4 El Pflanzenöl mit hohem Rauchpunkt (z.B. Erdnussöl)
4 Stück Foie Gras d'Oie Entier (Scheiben von ca. 1 cm Höhe; Durchmesser exakt auf die Fleischgröße zugeschnitten)
Morchelrahmsauce
250 g frische Morcheln (ersatzweise 35 g getrocknete Morcheln)
2 El Butter
2 El Schalottenwürfel
1 El fein gewürfelter Stangensellerie
200 ml trockener Weißwein
4 cl Cognac
50 ml sehr trockener Sherry
200 ml Kalbsfond
200 g Sahne
1 Prise Meersalz & frisch gemahlener bunter Pfeffer
Getrüffeltes Selleriepüree
600 g Knollensellerie, geschält und in grobe Würfel geschnitten
0,5 Tl gemahlene Muskatblüte
1 Prise Salz & frisch gemahlener weißer Pfeffer (feinster Mahlgrad)
1 El Püree vom weißen Trüffel (aus dem Feinkostladen oder online*)
1 El zimmerwarme Butter
150 g Sahne
2 El Stangenselleriesaft
Zubereitung
Tournedos Rossini
Kalbsfilet-Medaillons (Zimmertemperatur!) waschen, gut abtrocknen, ringsherum würzen, bardieren (je 1 Speckstreifen um das Fleisch legen und mit Küchengarn fixieren). Alle vier Fleischteile gemeinsam nebeneinander in Folie vakuumieren oder in zwei Gefriertüten so fest einpacken, dass so wenig Luft wie möglich in den Tüten verbleibt. Selbstklebenden Dichtungsgummi für die Einstichstelle des Fleischthermometers (z.B. als Stuhlbeingleiter im Baumarkt erhältlich oder die Profi-Dichtungspads von Domnick*) aufkleben und Fleisch-Kernthermometer durch den Gummi in die Mitte eines der Medaillons einstecken. Bei 68 Grad Wassertemperatur im Wasserbad (notfalls beschweren) auf 52 Grad Fleischkerntemperatur bringen (dauert ca. 70-90 Min.). Am besten gelingt das mit einem professionellen Wasserbad*, aber auch ein halbwegs exakter Backofen mit großem Wassergefäß und zusätzlichem Wassertemperaturmesser (z.B. zweites Fleischthermometer) erfüllen ihren Zweck. Fleisch auspacken, abtupfen und im möglichst heißen Fett sehr kurz ringsherum anbraten. Dabei auf dem Außenrand beginnen, damit der Speck ankrosst. Das Braten darf insgesamt nicht länger als 40 Sekunden pro Fleischstück dauern.
Morchelrahmsauce
Morcheln so lange unter fließend kaltem Wasser waschen, bis der Sand vollständig entfernt ist (notfalls vorsichtig mit Pilzbürste arbeiten). Morcheln längs teilen. Schalotten- und Selleriewürfel in aufsteigender Butter drei Minuten dünsten, Weißwein angießen, fast völlig einkochen lassen. Morcheln zugeben. Cognac erhitzen, anzünden und Pfanneninhalt damit flambieren. Mit Sherry und Kalbsfond ablöschen, bei mittlerer Hitze Flüssigkeit auf ein Viertel reduzieren. Sahne einrühren, zu leicht sämiger Konsistenz einkochen, sehr vorsichtig mit Salz und Pfeffer abschmecken.
Getrüffeltes Selleriepüree
Selleriewürfel mit Macis und Salz würzen, ohne Wasser weich dämpfen (z.B. im Kombidämpfer). Sahne und Selleriesaft (frisch aus Entsafter oder pürierter Selleriestange) wenige Sekunden aufkochen und zusammen mit Sellerie, Butter und Trüffel im Mixer oder mit dem Schneidstab zu einer homogenen Creme pürieren. Sollte das Püree warmgehalten werden müssen: in hoher Schüssel mit Küchenfolie bündig bedeckt im Ofen bei 90 Grad bereithalten).
Anrichten
Fleisch mit je 1 Scheibe Foie Gras belegen und 30 Sekunden unter sehr heißem Salamander oder im Backofengrill schmelzen. Küchengarn entfernen. Mit einem Teigschaber je eine Spur Selleriepüree auf gut vorgeheizte Teller streichen, Fleisch mittig aufsetzen, mit Sauce übergießen. Nach Wunsch mit essbaren Blüten dekorieren. Restliches Püree und Sauce getrennt reichen
Küchen-Klang
Edel, teuer produziert und absolut cremig sind die Beats und Harmonien des deutschen Reggae-Weißbrotes Gentleman auch auf seiner CD "Diversity" (Universal). Wer unser Blingbling-Rezept lieber antizyklisch beschallt, wird eher zu Songs wie "Penetration" oder "Cock In My Pocket" greifen - meisterhaft kompiliert auf der "Legacy Deluxe Edition" des Punkrock-Klassikers "Raw Power" (Sony Music) von Iggy & The Stooges.
Getränketipp
Die Zutaten waren so teuer, da kommt es auch beim Wein nicht mehr auf den Cent an: Der 2007 Tenuta dell' Ornellaia Le Volte Rosso* kostet mit knapp 20 Euro zwar nur ein Zehntel des "Super-Tuscan" 2005 Tenuta dell' Ornellaia Ornellaia DOC, seine harmonische Fruchtfülle wird aber von einem etwas milderem Balsam-Gaumengefühl begleitet, was ihn eher als Essensbegleiter qualifiziert als seinen übermächtigen Königsbruder.
*Bezugsadressen:
· Crema al Tartufo Bianco (tuber magnatum) z.B. bei
bosfood
· Dichtungspads z. B. von
Domnick
· Profi-Wasserbäder z.B. von Roner bei
www.mcc-shop.com oder
Domnick
· 2007 Tenuta dell' Ornellaia Le Volte Rosso z.B. bei
Belvini