Mauerfall-Theater: Zwischen Nichts und Etwas - DER SPIEGEL
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Mauerfall-Theater: Zwischen dem Nichts und dem Etwas

Foto: David Baltzer

Mauerfall-Theater Zwischen Nichts und Etwas

Für Adam ist die Wende die Vertreibung aus dem Paradies, aber Evelyn will unbedingt rübermachen: Julia Hölscher bringt in Dresden Ingo Schulzes Erfolgsroman über 1989 auf die Bühne.
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Im Anfang ist die Tat. Die Geschichte von Adam und Evelyn beginnt mit einem Verstoß gegen das sechste Gebot. Der Damenschneider Adam verführt eine Kundin, und seine junge Freundin Evelyn erwischt ihn dabei. Hätte er geahnt, wie ihn diese Geschichte mit all ihren Folgen am Ende überrollt, er hätte die dralle Lilli vermutlich nicht angefasst.

DDR

Denn so bricht die erboste Evelyn statt mit Adam mit einer Freundin in den Urlaub auf, und die Geschichte nimmt ihren Lauf: Es ist August 1989, Adam und Evelyn wohnen in einer nicht näher bezeichneten Kleinstadt in der , und der Urlaub geht nach Ungarn, an den Plattensee.

Adam fährt den Frauen in seinem antiken Wartburg hinterher, um seine Lebensgefährtin zurückzuerobern. Er fährt, noch ohne es zu ahnen, ans Ende einer Epoche.

Schulze

Das ist die Ausgangssituation von Ingo Schulzes Roman "Adam und Evelyn", der im vergangenen Jahr erschien und wie wenige Bücher zuvor das Gefühl des Jahres 1989 einfing, die Euphorie genauso wie die Melancholie. Und weil der Roman sehr dialoglastig ist - , 46, begründete das damit, dass der Herbst 1989 "die Zeit des Redens" gewesen sei - lag es nahe, ihn auf die Bühne zu bringen.

Jetzt ist es so weit: Kurz vor den offiziellen Feierlichkeiten zu 20 Jahre Mauerfall adaptiert ihn die Regisseurin Julia Hölscher, 30, in Dresden fürs Theater, in einer Fassung des Dramaturgen Jens Groß.

"Mir geht es um die Gefühle und Zustände der Menschen in dieser Zeit", sagt die Regisseurin, die in Baden-Württemberg aufgewachsen ist. "Und um die unterschiedlichen Wahrnehmungen von Freiheit: Evelyn sehnt sich nach Freiheit und denkt, im Westen kann sie ihr Leben leben wie sie möchte. Adam hat seine Freiheit gefunden in seiner kleinen Nische, in einem eigentlich unfreien Land. Er verliert im Westen das Gespür für sich selbst."

So wird Adam im Verlauf der Ereignisse immer melancholischer. Nach dem Mauerfall, den er mit Evelyn weit weg in Zürich mehr verpasst als erlebt, schwankt er zwischen Trotz und Minderwertigkeitskomplex: ein Heimatloser wider Willen.

Es ist der Moment zwischen der alten und der neuen Zeit oder, wie es im Roman heißt, der flüchtige "Augenblick zwischen dem Nichts und dem Etwas", den Schulze eingefangen hat. Jetzt gilt es, ihn auch auf der Bühne sichtbar zu machen.


Adam und Evelyn. Uraufführung am 20.9. im Kleinen Haus des Staatsschauspiels Dresden . Auch am 23. und 26.9., Tel. 0351/491 35 55.