Paris: Paul McCarthy, De Sade, Buttplugs - DER SPIEGEL
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Kunst in Paris: Die Diamanten der Nebenstraßen

Foto: Didier Plowy

Pariser Ausstellungen "Fuck you" in der Schokoladenfabrik

Buttplugs, Kannibalismus, pornografische Fotografien: In Paris sind bis Jahresbeginn spannende Ausstellungen abseits des Centre Pompidou zu sehen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Selbst in Städten, die man wegen ihrer Kunst besucht, können interessante Ausstellungen irgendwie untergehen. Zum Beispiel, weil sie, wie die Schau in der Fondation Cartier, nicht da liegen, wo man beim Art Seeing automatisch vorbeikommt. Oder weil sie an außergewöhnlichen Orten wie dem La Monnaie de Paris stattfinden, der alten Pariser Münze, die jahrelang wegen Renovierung geschlossen war.

In der Pariser Münze ist derzeit die wunderbare Schau des Amerikaners Paul McCarthy mit dem Titel "Chocolate Factory" zu sehen - und zu riechen. Es ist seine erste monografische Ausstellung in Frankreich, aber kein neues Projekt. Trotzdem hat die Schau jetzt in Paris eine besondere Bedeutung. Denn sie steht im Zusammenhang mit McCarthys 24 Meter hoher, giftgrüner Skulptur mit dem harmlosen Titel "Tree", die er auf dem Place Vendôme zur Kunstmesse Fiac errichtet hatte. Viele Passanten hielten sie für einen stilisierten Tannenbaum, während andere das Gummiding als einen obszönen Anal-Stöpsel erkannten, den Künstler anpöbelten und ohrfeigten und seinen "Tree" zerstörten.

Nun kann man in der "Schokoladenfabrik"-Ausstellung der Produktion des umstrittenen Buttplugs zusehen, und man kann die Schoko-Figuren in einem schönen braunen Karton auch kaufen und vielleicht zu Weihnachten verschenken.

Schon im großen Treppenhaus schweben hoch über den Köpfen der Besucher gleich fünf der großen bunten aufgeblasenen Analplugs. Gleich im ersten Raum des schönen 18.-Jahrhundert-Gebäudes gießen Frauen mit blonden Langhaarperücken die Figuren aus Schokolade. Zudem ist die Stimme des Künstler zu hören: "Are you the artist?" oder "I am the artist" und "Fuck you", stöhnt, raunt, grunzt und schreit er, während er die Sätze, mit denen ihn der Ohrfeigen verteilende Passant auf der Place Vendôme angeschrien hatte, im Video zwanghaft auf Papier kritzelt.

Weiter geht es durch luxuriöse Salons, in denen die fertigen Schokoladen-Skulpturen in Lagerregalen stehen. Immer und überall ist die nervige Stimme des Künstlers zu hören, sein Geschreibsel zu sehen. Am Ende hört man viele Interpretationen: eine bissige Satire über die Pariser, die Kunst und Künstler, oder eine Schau über die Entindividualisierung jeder Arbeit - auch der des Künstlers - und der damit verbundenen Demütigung?

Marquis ohne Ironie

Eine absolut ironiefreie Ausstellung zu Lust und Laster ist im Musée d'Orsay zu sehen: "De Sade. Attaquer le soleil", also "die Sonne attackieren", heißt die Schau zum 200. Todestag des Marquis de Sade. Dessen Thesen, dass dem Menschen die Bereitschaft und Fähigkeit zu Gewalt, Mord und Sadismus, zu Masochismus, Laster und Begierde innewohnt, und dass es ihm seine Freiheit erlaubt, das alles auszuleben, sollen rund 500 Werke von Künstlern seit der Renaissance belegen.

Es scheint, als habe sich jeder berühmte Künstler damit auseinandersetzt, denn dabei sind unter anderem Werke von Botticelli, Goya, Füssli, von Rodin, Picasso und Cézanne, von Kubin, Bellmer und Cindy Sherman. Von Satanismus und Kannibalismus, von gewalttätigen Männern und Frauen, von aufgespießten, zerfetzten, geschundenen Körpern und von jeder sexuellen Fantasie handeln die Bilder, dazu gibt es frühe pornografische Fotografie. Alles in allem zu viel der Absurditäten, sodass einen das zumindest nicht deprimiert.

In der großen und großartigen Schau "Inside" im Palais de Tokyo soll es um eine Reise ins eigene Innere des Besuchers gehen, "physisch wie psychisch, bis unter die Haut und zu den intimsten Gedanken", so die Kuratoren. Auf zwei Etagen folgt man dem immer wieder überraschenden Parcour von Installationen, Skulpturen und Videos, in denen der Zustand des Individuums verhandelt wird - komisch und tragisch in Nathalie Djurbergs und Hans Bergs Videos, geheimnisvoll im Jesper-Just-Film, rätselhaft in Mark Manders' Installation, eindringlich bei Andro Wekua. Um den Zustand der ganzen Menschheit könnte es in der voluminösen Skulptur des belgischen Bildhauer Peter Buggenhouts gehen, die aussieht, als wäre die Welt zusammengebrochen, und um Dekonstruktion und Neuaufbau beim Briten Ryan Gander.

Fein, klug und überraschend kommt dagegen die Schau "Les Habitants" im Untergeschoss der Fondation Cartier daher. Der argentinische Maler Guillermo Kuitca ist der Kurator und hat im 1994 entworfenen gläsernen Bau von Jean Nouvel eigene Arbeiten mit denen von Tarsila Do Amaral, Francis Bacon, Vija Celmins, David Lynch, Artavazd Pelechian und Patti Smith in eine Installation mit dem Sounds von Smith und Lynch zusammengebracht. Eine ganz große Entdeckung ist der bei uns fast unbekannte, 1938 geborene armenische Filmemacher Pelechian, dessen Film Tiere zeigt, die vor einer unsichtbaren Bedrohung fliehen - wie in einer Choreografie.

Gewarnt sei hingegen vor dem Naheliegenden: Wer die neu eröffnete Fondation Louis Vuitton des Architekten Frank Gehry besucht, der wird von der protzig wirkenden "Meine-Sammlung-Schau" enttäuscht sein.


Ausstellungsangaben:
"Paul McCarthy, Chocolate Factory". La Monnaie de Paris,  bis 4.1.2015;
"De Sade. Attaquer le soleil". Musée d'Orsay , bis 25.1.2015;
"Inside". Palais de Tokyo,  bis 11.1.2015;
"Les Habitants. An Idea by Guillermo Kuitca". Fondation Cartier,  bis 22.2.2015.