Auf Rezept: Happs mit Apps
Rezept für Lachs-Spinat-Türmchen Happs mit Apps
Als ich vor langer Zeit spürte, dass meine kochbuchfreie Küchenwelpenzeit ihrem Ende entgegeneilte, und mir klar wurde, dass ich meine mir liebgewordene Wildheit wenigstens ab und zu mit einem Hauch Strukturgebung mischen sollte, landete ich bei einem großen, kartonierten Buch mit einem Löffel mit roter Soße auf dem Cover. Ich sollte nicht der Einzige sein.
Denn unzählige deutsche Hobbylöffelschwinger zwischen Anfang dreißig und Mitte fünfzig wurden mit dem meistgelesenen (und -geschenkten) Grundlagenbuch pfannensozialisiert: "Kochen. Die neue große Schule". Der von dem Verleger Friedrich-Karl Sandmann zusammen mit dem Food-Fotografen Arnold Zabert ausgeheckte Lehrbuchklassiker feiert gerade sein 30. Jubiläum und nennt sich nun "Kochen. Die neue digitale Schule"*, hat aber mit seinen Wurzeln weit mehr gemein als nur den puristischen Löffel mit der roten Soße auf dem Titel, welcher namensgebend für die umgangssprachliche Bezeichnung dieser Ikone ist: "Der Kochlöffel".
Von Beginn an beeinflusste dieses Buch mit seiner klugen Systematik der Step-by-Step-Anleitungen, der lehrreichen, aber nie lehrerhaften Aufarbeitung der Ernährungs- und Kochpraxisgrundlagen und nicht zuletzt auch der bis heute sofortigen Heißhunger evozierenden Food-Fotografie Millionen von heimischen Hobbyköchen.
Dabei sind sogar die alten Ausgaben von Anfang der neunziger Jahre mit einigen schrulligen Ausnahmen wie Tournierten Rüben, Buntschnittgemüse, schrecklich "verlorenen" Eiern, Flambieranleitungen, Kindergeburtstagsgarnituren und Fixierung auf nationale Kochklassiker (Nudel-Gemüse-Auflauf, Hühnerfrikassee oder Königsberger Klöpse liefen damals unter "Internationale Rezepte") noch überraschend zeitlos. Wer das alles kochen kann, braucht sich auch heute nicht verstecken.
Per Rubbelpasswort in die digitale Küchenwelt
Die aktuelle Geburtstagsausgabe mit gewohnt einfach erlernbaren modernen Rezepten für eine leichte und gesunde Küche führt den "Kochlöffel" aber auch ein in die neue Welt der Apps, Digi-Videos und Social Webs. Ein individuelles Rubbelpasswort in jedem Buch schaltet mit den bei den Rezepten abgedruckten QR-Codes oder direkt über die elektronischen Zugänge ins Web und der kostenlosen App für iPhones, Android-Handys und Tablets den Weg frei zu hilfreichen Kochschulvideos in Ergänzung zu den nun eher stylish als didaktisch daherkommenden Steps im Buch.
Den Claim "Die neue digitale Schule" löst das Buch allerdings nur halbherzig ein. Auf seinen elektronischen Schauplätzen fehlen die andernorts längst üblichen praktischen Mobile-Features wie dynamische Einkaufslisten oder kurze Warenkunden völlig. Hier ist also noch Luft nach oben, um aus einem sehr guten Kochgrundwissenbuch ein perfektes zu machen. Dass selbst die smarteste App-Programmierung aber andersherum aus einem mittelmäßigem Einsteigerbuch für sehr blutige Anfänger kein Meisterwerk machen muss, zeigt die TV-Köchin Sarah Wiener in ihrem mit angestrengt fröhlichem Ösi-Schmäh zusammengeschusterten "Kochen kann jeder"*.
Dass sich analoge und digitale Küchenwelten in einem lehrreichen Basiskochbuch mit zugleich durchgehend appetitanregenden Rezepten durchaus auf Augenhöhe begegnen können, demonstriert Hans Gerlach, einer der verdientesten Kochlehrer des Landes, in seinem aktuellen "Kochen - so einfach geht's"*. Von Papayasalat bis hin zur Weihnachtsgans erklärt Gerlach dem Anfänger in 70 Grund- und 140 Speisenrezepten das perfekte Kochen dieser Gerichte mit dem Medium, das neben Video das anschaulichste ist: 1000 Fotos zeigen jeden wichtigen Schritt - und die intelligent programmierte App mit allen Grundrezepten gibt es kostenlos dazu.
"So einfach geht's" könnte auch die Überschrift zur heutigen Tageskarte sein, denn zu den anstehenden Feierlichkeiten will ja niemand lange in der Küche herumstehen, die Stehparty-Gäste sollen aber trotzdem was Leckeres mit ihrem Champagner herunterspülen können - ein perfekter Auftritt für unsere einfach vorzubereitenden, aber raffiniert schmeckenden Lachs-Spinat-Häppchen.
Was auch zum Jahresende die alte Regel bestätigt. Kochen kann jeder. Vor allem, wenn er es kann.
*Buchhinweise:
Kochen. Die neue digitale Schule. Zabert Sandmann, München; 280 Seiten, 300 Rezepte; 24,95 Euro.
Sarah Wiener: Kochen kann jeder. Gräfe und Unzer, München; 192 Seiten, 70 Rezepte; 19,90 Euro.
Hans Gerlach: Kochen - so einfach geht's. Gräfe und Unzer, München; 288 Seiten, 210 Rezepte; 24,99 Euro.
Rezept für Lachs-Spinat-Häppchen (Snacks für 4 Personen)
Vorbereitungszeit: 10 Minuten
Zubereitungszeit: 30 Minuten
Schwierigkeitsgrad: einfach
Zutaten
1 Knoblauchzehe
25 g Pinienkerne
3 EL Olivenöl
100 g Blattspinat
1 Prise Salz und Pfeffer aus der Mühle
150 g Räucherlachs in Scheiben
250 g Blätterteig, selbstgemacht oder aus der Kühltheke zum Ausrollen
10 g frische Meerrettichzesten
50 g Sahnemeerrettich aus dem Glas
Zubereitung
Knoblauchzehe in dünne Scheiben schneiden, Pinienkerne mittelgrob hacken, Blattspinat waschen und abtropfen lassen (nicht schleudern). Knoblauch und Pinienkerne bei mittlerer Hitze in einer Pfanne in dem Olivenöl goldgelb rösten, den nassen Spinat hinzugeben und unter stetigem Rühren 5 Min. dünsten. Im Mixer zu einer glatten Creme verarbeiten, erst jetzt mit Salz und Pfeffer abschmecken.
Den Blätterteig auf ca. 20 x 40 cm ausrollen (wer mal eben drei Stunden Zeit hat, kann den Blätterteig auch nach unserem Tageskartenrezept selbst herstellen). Teig horizontal in zwei Streifen à ca. 10 cm teilen, Streifen leicht auseinanderziehen. Einen Streifen gleichmäßig mit der Spinatcreme bestreichen, den anderen mit entsprechend zugeschnittenen Lachsscheiben. Restlichen Lachs für die Dekoration in ca. 20 kleine Streifen schneiden.
Beide Teigstreifen in ca. 10 cm breite Stücke teilen. Daraus drei bis vier Türmchen schichten (Reihenfolge: Lachs, Spinat, Lachs, Spinat). Backofen auf 200 Grad Umluft vorheizen, Blätterteigteilchen auf Backpapier ca. 18 bis 20 Min. backen. Vorsichtig entnehmen und auf Gitterrost abkühlen lassen. In dieser Zeit die Deko-Lachsstreifen auf Cocktail-Spießchen aufspießen.
Mit sehr scharfem Messer (dünne Klinge) die Teile in jeweils sechs kleine Häppchen schneiden (mit wenig Druck, um sie nicht zu zerquetschen).
Anrichten
Auf jedes Häppchen einen Espressolöffel Sahnemeerrettich geben, Spießchen einstecken, je eine Kren-Zeste auflegen und die Häppchen auf einem Serviertablett anbieten.
Küchen-Klang
Vermeintlich einfache Grundprodukte zu raffinierten Häppchen kombiniert - so funktioniert auch richtig gute Popmusik: Als einer der Wenigen, die so etwas können, verbindet der kanadische Musiker und Dance-Producer Brad Weber das Beste aus den Welten Songwriting und Tanz-Beats auf der CD "Pick A Piper" (city slang) zu einem der spannendsten Popalben des Jahres.
Getränketipp
Edle Lachshäppchen werden traditionell am stilvollsten mit einem Gläschen Champagner heruntergespült. Wegen des stumpfen Spinats in Verbindung mit relativ viel Fett (Blätterteig, Fettfisch) empfiehlt sich ein nicht zu staubiger Schaumwein. Wenn noch ein bisschen was vom Weihnachtsgeld übrig ist, vielleicht sogar einer der besten Tropfen dieses Jahres: der Jacquart Cuvée alpha 2005*, eine Jahrgangs-Cuvée aus vier Crus der Montagne de Reims, basierend auf je 50 Prozent Pinot Noir und Chardonnay aus den Rebanlagen von Mailly, Verzenay, Villers-Marmery und Trépail. Vergleichbar mit anderen Edelbrausen aus "Library Collections" (z.B. Dom Perignon), kommt auch der Alpha mit nur 7 g/l Dosage aus und reift sechs Jahre auf der Hefe zu einem stoffig-druckvollen, komplexen und leicht rauchigen Ausnahmechampagner heran - kostet aber auch so viel wie eine Kiste Discounter-Blubberwasser.