Nazi-Raubkunst Den Deutschen auf die Finger schauen
Ronald S. Lauder in Berlin: "Ein Makel haftet an Deutschland"
Foto: Markus Schreiber/ AP/dpaBerlin - "Diese Kunstwerke", sagte der Vorsitzende des World Jewish Congress Ronald S. Lauder in seiner mit Spannung erwarteten Rede, "sind die letzten Gefangenen des Zweiten Weltkriegs".
Am Donnerstag Abend waren in der Berliner Gedenkstätte "Topographie des Terrors" so gut wie alle versammelt, die bei der Kunst-Restitution Rang und Namen haben. In der ersten Reihe saß Ingeborg Berggreen-Merkel, die Leiterin der "Taskforce Schwabinger Kunstfund", die der Staatsanwaltschaft Augsburg helfen soll, den Fall Gurlitt aufzuklären; ein paar Stühle weiter Jutta Limbach, Ex-Vorsitzende des Bundesverfassungsgerichts und heute Chefin der "Beratenden Kommission" in Sachen Raubkunst.
"Der Gurlitt-Kunstfund in München", so erklärte Lauder, der milliardenschwere Kosmetikerbe und Kunstsammler aus New York, gehöre zu jenem "Drama, das im Jahr 1933 begann und uns bis heute verfolgt."
Lauder hat recht: Auch 68 Jahre nach dem Untergang Nazi-Deutschlands suchen die Erben europäischer Juden noch nach Kunstwerken, die ihren Vorfahren geraubt wurden. Nach wie vor suchen sie nach Gerechtigkeit. Noch immer ist die Bundesrepublik im Besitz von 2200 Kunstwerken, die Hitler einst für sein "Führermuseum" in Linz vorgesehen hatte und deren vormalige Besitzer nicht ermittelt werden konnten.
Faire und gerechte Lösungen? Weit gefehlt
Der Kunstsammler und Ex-US-Botschafter in Wien erinnerte an die Washingtoner Konferenz Ende 1998, bei deren Zustandekommen er selbst eine wesentliche Rolle gespielt hatte. Nachdem die Vertreter von 44 Ländern die "Washingtoner Erklärung" unterzeichnet hatten, in der sie sich verpflichteten, in Fällen von Raubkunst "faire und gerechte Lösungen" für die Erben zu suchen, habe er gedacht, das Problem sei ein für allemal gelöst. Weit gefehlt.
Die Limbach-Kommission, klagte Lauder, könne nur Empfehlungen aussprechen, und den deutschen Museen "sei jeder noch so fadenscheinige Grund recht und billig, um die Abwanderung eines Kunstwerkes zu verhindern". Was in Deutschland fehle, sei ein Gesetz für Kunstrestitution, das für die Museen rechtlich bindend sei. Lauders Verdikt: "Ein Makel haftet an dem sonst guten Ruf Deutschlands."
Das war starker Tobak, versetzt mit jeder Menge amerikanischem Pathos. In Deutschland passierte zwar nach der Washingtoner Konferenz lange zu wenig, doch mittlerweile erforschen mehr und mehr Museen die Herkunft ihrer Bilder. Auch wenn sich insbesondere bayerische Museen gerne noch querstellen: Es werden kontinuierlich Kunstwerke an Erben restituiert oder Entschädigungen bezahlt.
Lauder kritisierte, ohne mit der Wimper zu zucken, "das Zögeren vieler Regierungsbeamter und Museen", die sich "wider besseres Wissen" weigerten, "ein von den Nazis geraubtes Kunstwerk an dessen rechtmäßige Besitzer zurückzugeben."
Was nun tun? Lauder schlug zunächst einmal vor, die Verjährungsfristen aufzuheben und zu verlängern. Zudem sollte eine mit internationalen Experten besetzte Kommission eingesetzt werden, die Entscheidungsgewalt habe, die Museen zur Offenlegung ihrer Archive zwingen und gerechte Lösungen durchsetzen könne. Im Klartext: Die internationalen Experten sollen den Deutschen, denen man einfach nicht trauen kann, auf die Finger schauen - und notfalls hauen.
"Lauder hat überzogen"
Skurril wurde es für Eingeweihte, als Lauder nach seiner Rede gefragt wurde, wie denn die amerikanischen Museen mit den sich aus der Washingtoner Konferenz ergebenden Verpflichtungen umgegangen seien. Lauder, der lange Jahre das Board des Museum of Modern Art in New York geziert hatte, berichtete, dass nicht nur das MoMA Bild für Bild die Provenienzen ihrer Werke erforscht habe.
Was er nicht sagte: Allein zwei seiner Zuhörer haben besondere Erfahrungen mit dem MoMa gemacht. Der Gastgeber und Historiker Julius Schoeps, Erbe des Berliner Bankiers Paul von Mendelssohn-Bartholdy, war vom MoMa verklagt worden, nachdem er die Restitution zweier Picasso-Bilder verlangt hatte. Und Ralph Jentsch, der Manager des Nachlasses von George Grosz, hatte sich bei dem Versuch, zwei dem Emigranten Grosz gestohlene Bilder vom MoMa zurückzubekommen, ebenfalls die Zähne ausgebissen. Beide lächelten melancholisch und wissend, aber schwiegen höflich.
Beim anschliessenden Empfang, bei Wein und Salzgebäck, hielt sich die Begeisterung für Lauders Auftritt in engen Grenzen. Ingeborg Berggreen-Merkel, von Hause aus Juristin, beklagte, dass der amerikanische Freund wohl nicht verstanden habe, dass seine Vorschläge sich nicht in deutsches Recht umzusetzen liessen.
"Lauder hat überzogen", fand selbst Markus Stötzel, der Marburger Restitutionsanwalt, der unterm anderem die Erben des von den Nazis verfolgten Kunsthändlers Alfred Flechtheim vertritt. "Ich bezweifele", so Stötzel, "dass er mit seinen Forderungen der guten Sache dient."