RTL-Serie "Doctor’s Diary": Gretchens Anatomie - DER SPIEGEL
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RTL-Serie "Doctor’s Diary" Gretchens Anatomie

Der neue RTL-Achtteiler "Doctor’s Diary" um eine junge Krankenhaus-Ärztin in Liebesnöten wirkt wie eine Mischung aus "Bridget Jones" und "Grey’s Anatomy". Hat das Siechtum der deutschen Serienunterhaltung damit endlich ein Ende? Eher unwahrscheinlich.
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"Liebes Tagebuch, habe berechtigte Zweifel daran, dass mein Plan von einem glücklichen Leben aufgeht", hören wir die Stimme der Protagonistin, während diese im Brautkleid und mit Tränen in den Augen eine Rolltreppe runterfährt, in der sich ihre Schleppe prompt verfängt. Wir lernen, dass sie bereits als 13-jährige pummelige Zahnspangenträgerin davon täumte, noch vor ihrem 30. Geburtstag den perfekten Mann zu heiraten – was wegen eines Seitensprungs ihres Bräutigams eine Woche vor der Hochzeit gerade gescheitert ist. Und wir sehen sie verzweifelt an einem Brückengeländer über einem Fluss stehen, weil ihr eine Tafel Schokolade über die Brüstung gefallen ist – was einen männlichen Passanten zum Einschreiten veranlasst und dazu führt, dass beide im Wasser landen.

Im Grunde, das muss man diesem zweiminütigen Vorspann lassen, ist damit alles Wesentliche gesagt über Heldin und Machart der (zur Tarnung?) englisch betitelten eigenproduzierten neuen RTL-Comedy "Doctor’s Diary". Mit deutlichen Motiv-Anleihen bei "Bridget Jones" wird die Geschichte der jungen Ärztin Gretchen Haase (Diana Amft, "Mädchen, Mädchen") erzählt, die nach dem Missgeschick mit ihrem Auserwählten wieder in ihrem Elternhaus einzieht. Und weil sie alsbald eine Assistenzstelle in dem von ihrem Vater geleiteten Krankenhaus antritt, wo sie den feschen Kerl von der Brücke und eine Schulhofliebe als Vorgesetzten wiedertrifft, kommt auch noch eine Prise "Grey’s Anatomy" dazu. Es wird nach Kräften mit Voice-over, Rückblenden und Musik gearbeitet – wie in der US-Serie mit Patrick Dempsey erklingt auch hier alsbald das thematisch nahe liegende "The first cut is the deepest".

Stärken hat der im Hause Polyphon gefertigte Achtteiler in den Bereichen Tempo und Dialoge: Die Bücher von Head-Autor Bora Dagtekin ("Türkisch für Anfänger") versprühen in vergleichsweise hoher Frequenz Schärfe und Witz. Sie spielen oft gefällig mit der medizinischen Fachsprache ("vielleicht gibst du ihr was Kardioproduktives, das ist für das Organ, das du nicht kennst"). Und sie ermöglichen es Florian David Fitz und Kai Schumann, an der Seite der herzigen Diana Amft als konkurrierende Oberärzte zwei schön unsympathische Gockel in Weiß darzustellen. In der Schilderung des Klinikalltags, beim Entlarven hierarchischer Dünkel und viel Schleimerei, entwickelt das Ganze bisweilen sogar subversive Qualitäten. Gelegentlich allerdings wird auch richtig schlechter Slapstick der Marke "Unfälle auf dem Golfplatz" geboten.

Torschlusspanik mit 29?

Ob das alles die – bei aller ironischen Brechung – im Kern doch arg schlichte und rückwärtsgewandte Darstellung weiblicher Lebenssehnsüchte aufwiegen kann, ist wohl eine Geschmacksfrage, die jeder für sich selbst beantworten muss. Torschlusspanik mit 29? Das putzige Gretchen jedenfalls – eigentlich eine schlagfertige, toughe und hübsche Frau – leidet permanent schwer unter ihrer eingebildeten Unattraktivität und ist so ein dankbares Opfer für alle Tücken des Alltags. Vom Herrn Papa muss sie sich in Gegenwart von Kollegen "Kälbchen" nennen lassen, vom arroganten Oberarzt "Hasenzahn". Was sie nicht davon abhält, Letzteren anzuhimmeln und sich animalischen Sex auf seinem Büroschreibtisch auszumalen. Insgesamt changiert das Männerbild zwischen "Männer sind die beste Medizin" (Untertitel der Serie) und "Männer sind Schweine" (Titel des Pilotfilms).

Ein wenig rätselhaft bleiben die Umstände der Programmierung: Warum RTL nun glaubt, ausgerechnet mit einer zusammengesampelten romantic comedy im Ärztemilieu beim Publikum punkten zu können, erschließt sich nicht recht. Immerhin machte der Kölner Sender in der Sparte "Eigenproduzierte Serie" zuletzt dadurch auf sich aufmerksam, dass er die gut gemachte Serie "Anwälte" nach nur einer einzigen Folge wieder absetzte. Von einer Versendung des Materials im Sommerloch will RTL-Fiction-Chefin Barbara Thielen aber natürlich nichts wissen: Ein "bewusst gesetztes Ausrufezeichen" im EM- und Sommerloch nennt sie die Unternehmung und hofft auf Quoten "im Senderschnitt, um 16 Prozent Marktanteil beim jungen Publikum". Man glaube sehr an eine positive Entwicklung des Formats und an das "Identifikationspotenzial" der "starken Frauenfigur" insbesondere beim weiblichen Publikum.

Dass am heutigen Montag, dem ersten EM-freien Tag seit über zwei Wochen, zeitgleich auch ProSieben ein neues Format ins Rennen schickt ("Moonlight") und ab 22.10 Uhr eine neue Staffel von "24" aufbietet, sei "aus RTL-Sicht eher Zufall", so Thielen. "Wir haben aber auch keine Angst vor einer Vampirserie, da hier doch verschiedene Interessen verdient werden." Das ist sicher richtig. Die Gretchenfrage, ob "Doctor’s Diary" beim jungen Publikum ankommt, ist trotzdem spannend. Immerhin, länger als "Die Anwälte" wird "Doctor’s Diary" auf jeden Fall laufen: Zum heutigen Start gibt’s gleich eine Doppelfolge.


"Doctor’s Diary", Montags, 20.15 Uhr, RTL