Sachsen und Pegida: Die Angst an der Elbe - DER SPIEGEL
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meinung •Sachsen und Pegida Die Öffnung des Zwingers

Ich halte es nicht aus, dieses Deutschland, dieses Sachsen, und ich habe nicht einmal mehr Erich Kästner, der mir hilft: Pegida tötet jeden Glauben an die Heimat. Eine poetische Beschwörung.
Pegida-Unterstützer: Die Grenzen des Anstandes sind gefallen
Pegida-Unterstützer: Die Grenzen des Anstandes sind gefallen

Pegida-Unterstützer: Die Grenzen des Anstandes sind gefallen

Foto: Sean Gallup/ Getty Images
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Zum ersten Mal in meinem Leben bekomme ich Angst, wenn ich an Deutschland denke, mein Land, das ich liebe stromaufwärts die Oder, das ich liebe stromabwärts den Rhein, aber das ich nicht mehr lieben kann an jedem Teil der Elbe. Deutschland spaltet sich, oder es wird gespalten, ich weiß es nicht. Ich träume davon, dass ich ein Kind schützen muss. Fast jede Nacht. Ich halte es im Arm, wie eine Mutter, die ein Kind schützt. Ich bin der Soldat aus dem sowjetischen Ehrenmal meiner Kindheit. Ich halte das Kind, gerettet aus einem brennenden Haus.

Zum ersten Mal in meinem Leben möchte ich Grenzschützer sein. Ich möchte die Grenzen des Anstandes bewachen. Aber die sind bereits gefallen. Jeden Montag brechen die Hunde aus dem Zwinger, sie brüllen wie Sergeant Waurich, von dem Erich Kästner einst schrieb und dessen Wiedergänger mir das jugendliche Herz fast brach. Jeden Montag kläffen sie und feiern den Freigang ihres Hasses. Das ist der Aufstand der Unanständigen. Ist das die Messe der Mörder von morgen?

Sachsen ist kein sicheres Ankunftsland mehr. Sachsen, das war das Land, wo die schönen Mädchen auf den Bäumen wachsen. Auf den Elbwiesen, auf denen ich mich einmal als Knabe verlor, blühen nun die Neu-Rosen. Ihr Gestank ist stechend und nimmt mir den Atem.

Ich suche nach dem Dichter, dem ich vertrauen kann

Zum ersten Mal, seit mich dieses Land Deutschland betrat, es mit beiden Beinen all meine Hoffnungen überstieg, zum ersten Mal denke ich den tot geglaubten Gedanken der Republikflucht. Noch klammere ich mich an den Boden des Grundgesetztes. Ich rede von Würde, aber weiß nicht, ob dies nicht längst der Konjunktiv meiner Ängste ist, die Rechtfertigung meiner Feigheit. Würde ich bleiben? Würde ich eingreifen? Ich will vor den bösen Augen fliehen, diesen niederstechenden Blicken, die mir galten, als ich mich an einem alten Stein an der Brücke festhielt, die über die Elbe führt, jene Brücke, über die Kästner schrieb, sie sei eine Katze, die sich von einer Seite der Elbe zur anderen strecke.

Ich fürchtete einen Schlag in meine Lügen-Fresse. Die Wau-Wau-Waurich-Hunde waren hinter mir her. Ich hielt vergeblich Ausschau nach der Polizei. Sie war ganz beschäftigt, mit dem Einbruch des Winters, mit dem Schnee von morgen und einem falsch abgestellten großen Wagen am Himmel. Sie übersah den Galgen. Und ich ließ mich hängen, vor Traurigkeit, an der Brücke, die keine Katze mehr war.

Zum zweiten Mal in meinem Leben fürchte ich den Guten-Tag-Wunsch der Nachbarn. Ich fürchte, auch deren Sätze könnten mit: "Ich bin gewiss nicht..." anfangen und dem Gegenteil enden. Ich will sie diese Ausreden nicht ausreden lassen. Ich versuche, meine Ängste auszudrücken, auszudrücken wie kleine Eiterstellen. Ich suche nach dem Dichter, auf dessen Zeilen ich mich verlassen kann, und - notfalls - dieses Land. Aber da ist nur dieser komische Vogel, der sich ein wenig Uckermark aufs Gefieder streicht. Er steht stolz auf einem deutschen Haufen und kräht: Alles Mist. Dann fällt er in sein selbstgefälliges Schweigen zurück. Ein eingebildeter Kranker.

Suche verlorenen Verstand. Abzugeben beim Fundbüro

Wo ist Erich Kästner, mein liebster Sachse, meine Lachsalve um Mitternacht, mein Herzens-Zusammenfüger? Kästner tastet durch die Dunkelheit der sächsischen Seele auf der Suche nach dem Humor, von dem nur noch der Galgen übrig ist. Vielleicht würde Kästner eine Anzeige schalten: Suche verlorenen Verstand. Abzugeben beim Fundbüro. Und Tage später konstatieren, dass nichts abgegeben worden sei.

Dresden steht nicht in Flammen, aber Parolen fallen herab und zünden kurz vor dem Aufschlag. Der Theaterplatz ist ein heißes Pflaster, und ich denke an die letzte Öffnung des Zwingers. Ich möchte eine Mauer des Schweigens um die Dummheit errichten. Ich möchte ein wenig geistige Nahrung hineinwerfen, ein Lesezeichen. Ein Buch für den Wau-Waurich und gegen den Wau-Wau-Waurich-Komplex. Es handelt von den Weisen aus dem Morgenland. Ich will, dass die Worte wieder ihren Sinn bekommen: Freital und Freistaat. Und Christenglaube. Und ich nehme mir eines fest vor: Wenn sie vorbei sind, die Ungeister-Stunden, dann werden wir uns nicht wieder als erstes um die alten Fassaden kümmern.

Deutschland stromaufwärts, stromaufwärts, mit Muttererde und meiner Gedankenschwere, soll meine Heimat bleiben, auf die ich mich freue. Aber mitten durch meine verstörte Gedankenwelt fährt eine kleine Märklin-Eisenbahn. "Wir schaffen das", schnauft die Lokomotive. Ich weiß nicht, ob ich das schaffen werde, oder ob es mich schaffen wird. Ich fühle den Übermüdungsbruch meiner verletzten Seele. Aber im Arm, das Kind, es lebt.