Serie "Das Wort" über Angst - DER SPIEGEL
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Serie "Das Wort" Keine Angst? Oh doch!

Keiner mag die Angst, aber sie ist allgegenwärtig: Wir haben Angst vor irren Attentätern, vor Terror und vor dem Fremden, Angst vor dem Tod, vor dem Scheitern und der Komplexität der Welt.
Von Jan Hedde
Demo gegen sexuelle Gewalt in Köln
Demo gegen sexuelle Gewalt in Köln

Demo gegen sexuelle Gewalt in Köln

Foto: Maja Hitij/ picture alliance / dpa
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Angst stinkt. Angst nützt.

Kein Gefühl ist gleichermaßen so verachtet und so tief verwurzelt.

Angst ist unerotisch. Angst ist Schwäche. Angst ist unmännlich. Angst wird ungern gezeigt und gern geleugnet. Verlierer haben Angst, Gewinner kennen sie nicht. Angst ist uncool.

Aber Angst ist allgegenwärtig. Bevor die Vernunft versteht, hat die Angst schon alarmiert. Angst ist unbeliebt, aber ihre Warnungen werden gehört.

Angst ist: Angst vor Krankheit und Tod, Naturkatastrophen und Unfällen, Spinnen oder Schlangen, Armut, Einsamkeit, sozialem Abstieg, Dunkelheit. Kern jeder Angst ist ein Vorgang oder Zustand, den der Instinkt als Gefahr wertet. Die Ursachen der Angst sind vielgestaltig und nicht immer nachvollziehbar. Angst kann bewusst oder unbewusst bestehen. Sie ist in aller Regel beherrschbar und hat erst Krankheitswert, wenn sie das Leben bestimmt. Angst ist in seiner Vielgestaltigkeit ein Teil der Persönlichkeit des Menschen. Angst ist überlebenswichtig; ihre Bedeutung zeigt sich darin, dass auch Tiere Angst kennen.

Im Moment der Warnung hat Angst ihren Zweck erfüllt

Angst ist ein Gefühl, nicht das Ergebnis einer rationalen Überlegung. Sie unterscheidet sich hierdurch von der Sorge, die eine Haltung bezeichnet. Angst ist Reflex, Sorge, Reflexion. Im Moment der Warnung hat Angst ihren Zweck erfüllt, alles weitere ist dann Sache der Vernunft.

Ob die Gefahr real oder nur eingebildet ist, spielt keine Rolle; Gefühle sind real und unwiderlegbar. Wird Angst intensiv, drängt sie sich in das Bewusstsein und übernimmt die Kontrolle. Angst fordert Aufmerksamkeit, denn sie will ihre Entstehungsursache abgestellt wissen.

Angst ist nicht auf das Individuum beschränkt; auch ganze Gesellschaften können Angst haben. Bezogen auf die deutsche Gesellschaft hat sich der englischsprachige Begriff german angst herausgebildet. Er beschreibt eine kulturelle Skepsis, die sich zur Verzagtheit steigert, und Zukunft als Gefahrenquelle empfindet.

Im gesellschaftlichen Kontext existieren erwünschte und unerwünschte Ängste. Erwünscht ist etwa die Angst vor Krieg, dem Atomtod, politischem Radikalismus, Populismus, Putin; unerwünscht sind Angst vor der EU, vor Windenergie, politischem Ausgleich, der großen Koalition, Obama. Welche Angst akzeptabel ist und welche nicht, ändert sich mit Mode und Moral.

Über Ängste kann nicht geurteilt werden

Dabei ist das Bild nicht einheitlich: Ängste sind auch immer Ängste von Parteien, Klassen, Geschlechtern, Ethnien, überhaupt Gruppen und Teilmengen einer Gesellschaft. Die Ängste des Hartz-IV-Beziehers sind verschieden von denen des Industriearbeiters, der Rentnerin, des Flüchtlings, des Jugendlichen, der Frau, des Mannes, des Kindes.

Angst wird erlernt durch Erfahrung und Kommunikation. Menschen lernen Angst durch Sinneserfahrung und Erziehung. Gesellschaften lernen Angst ähnlich: verlorene Kriege, tyrannische Regime, Inflation, Hunger, Flucht und Vertreibung können Kulturen dauerhaft ängstigen. Medien greifen Ängste gerne auf, weil sie zur Schlagzeile taugen, soziale Bewegungen und Strömungen verdanken ihnen gelegentlich sogar ihre Existenz: Die Friedensbewegung entstand, als die Welt sich vor dem Atomkrieg fürchtete, die Umweltzerstörung bahnte den Grünen den Weg, die Angst vor Klimawandel und Atomkraft führte zur Energiewende, die Angst vor dem Fremden befeuert die AfD. Am Anfang stand jeweils eine Angst, der sich die Gesellschaft hingab. Und auch die Wirtschaft macht sich Angst zunutze: Coke-Zero, Botox und Viagra sollen die Angst vor Übergewicht, Alter und Versagen bannen. Angst ist hier Mittel zum Zweck.

Die Geschichte kennt Ängste, denen ein Missstand, eine Not oder Gefahr zugrunde liegt. Hier besteht die Chance auf Fortschritt: die Angst vor Krankheit, vor Hunger, vor Krieg und wirtschaftlicher Not treiben wissenschaftliche und soziale Bewegungen voran. Ängste können also eine konstruktive Rolle spielen, wenn sie fassbare, reale Gründe haben. Nicht konstruktiv, sondern destruktiv wirken Ängste, denen der reale Kern fehlt. Das Erlebte und das Erlernte sind neuen Erfahrungen und neuer Überlegung zugänglich, aber das Irreale, das Eingebildete, das nur Geglaubte ist unwiderlegbar. Wer etwa Angst vor Weltverschwörungen hat, wird für Vernunftgründe nicht mehr zu erreichen sein, ebenso wie jemand, der sich vor von Erdstrahlen oder Chemtrails ängstigt. Hier warnt Angst nicht, sondern erzeugt Panik, und auf die Panik folgt nicht Vernunft, sondern Unvernunft.

Über Ängste kann nicht geurteilt werden. Gut und Böse sind keine Kategorien für Ängste, denn Ängste sind Gefühle, die weder angeordnet noch verboten werden können. Auch Richtig und Falsch taugen nicht, ebenso wenig moralische Wertungen. Die einzig sinnvolle Unterscheidung der Ängste ist die in nützlich und nutzlos.


Jan Hedde, 52, ist Jurist und untersucht an dieser Stelle alle zwei Wochen ein Wort. Zuletzt analysierte er die Begriffe Populismus, "Terror", "Satire" und "Toleranz"

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