S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle Umarmt euch!
"Der Hass auf Fremde bei gleichzeitiger Selbstdefinition durch die Zugehörigkeit zu einer überlegenen Rasse, Gruppe oder Nation trägt in seiner Primitivität wahnhafte Züge" sagt der Autor Bill Buford. Ich sage: schade. Das Konzept der sich umarmenden Nationen, des kulturellen Austauschs, der liebevollen Betrachtung von allem, was anders ist als man selbst, funktioniert nur aus der Position des scheinbar Überlegenen.
Wenn der Mensch Geld, Ausbildung und keinen Hunger hat, kann er sich so etwas wie Liebe zum Fremden leisten, die meist etwas sich Hinabbeugendes beinhaltet. Alle Ideen unserer linken, bewussten, gesunden, kämpfenden Elterngeneration, die auf multikulturellen Festen zu Folkloremusik gleich aus welchem Teil der Welt tanzte, scheinen gescheitert. Der aufgeklärte Europäer hat gelernt, offen zu sein, politisch korrekt, und es hat nicht funktioniert. Könnte man resigniert denken.
Es scheint, als sei der Teil der Weltbevölkerung, der von sich sagen würde, humanistisch zu sein, tolerant und offen gegenüber allem, was den eigenen Horizont übersteigt, gewachsen. Halten doch die Bildung und der Wohlstand zaghaft auch in entlegenen Orten Einzug. Doch die anderen Gruppen wachsen eben auch, die Fanatiker, die Hassprediger, die Homophoben, die Beschränkten. Die Zahl der Arschgeigen wächst prozentual zu den anderen dreimal schneller, wie es scheint. Weil Idioten immer lauter sind.
Wir, die verlotterten Westbürger
Es wäre falsch aufzugeben, zu glauben, wir hätten alles versucht, um in Frieden mit anderen Religionen und Kulturen zu leben. Wir betreiben die Abgrenzung von Amerika (immer wieder betont die Presse, dass der Film des letzten Anstoßes aus den USA kommt, als ob das nicht vollkommen egal wäre. Als ob die USA nicht für dasselbe stünden wie wir: für Demokratie) ebenso wie die Ablehnung Israels. Wir zeigen ernsthaft, dass wir auch die Juden unter uns nicht unterstützen, diskutieren über ihre Vorhäute.
Vielleicht müssen wir, der böse, der verlotterte Westbürger, noch nachsichtiger sein, noch ruhiger. Nur nicht provozieren. Doch: Wann er sich provoziert fühlt, entscheidet der Bär. Der blöde Film wird vergessen werden, doch was wird Fanatiker als nächstes wütend machen? Es ist, als hätten wir einen tobsüchtigen Verwandten im Nebenzimmer sitzen, als liefen wir über ein Minenfeld. Ruhig sein? Laut sein? Entschuldigen wir uns ständig, weil Politiker Diktatoren unterstützt haben? Nach dem Sturm der Empörung, nach der Ermordung von westlichen Botschaftsangestellten in islamischen Ländern von wem auch immer, entschuldigen sich die deutschen Politiker wieder, in unser aller Namen. Dabei kennt jeder Menschen, die permanent um Verzeihung bitten, und sei es nur für ihre Anwesenheit, und kann sie nicht ernst nehmen.
Einige tobende, gewaltbereite Herren in islamischen Ländern, die sich im Zweifel immer beleidigt fühlen, haben denselben Effekt wie zunehmende Shitstorms im Internet. Sie verbreiten Terror. Sie schüchtern ein. Sie machen ängstlich. Im Internet kann man Trolle blocken oder Kommentarfunktionen sperren, aber wie geht das im realen Leben? In dem auch 90 Prozent der Menschen ihre Ruhe haben wollen, ihre Blumen gießen und die Familie gedeihen sehen wollen?
Wenn Meinungsfreiheit für Beleidigung missbraucht wird, helfen Anwälte, uns hilft nichts. Außer stolz darauf zu sein, dass wir uns von einer Diktatur zu einer offenen Gesellschaft entwickelt haben, und abzuwarten. Darauf, dass die Vernunft siegt, die Menschen sich als Schwestern und Brüder begreifen und sich darauf konzentrieren zu retten, was sie von der Welt übrig gelassen haben.