S.P.O.N. - Helden der Gegenwart Der Traum vom wahren Hundeleben
Herrchen zuliebe: Als Hund macht man ganz schön was mit
Foto: Jordan Mansfield/ Getty ImagesManchmal frage ich mich, ob ich meinen Beruf eigentlich im Kern begriffen habe. Da wache ich völlig unbedarft am Donnerstag auf, sitze seit Stunden am Schreibtisch, schaue auf die Uhr, die 11.34 Uhr anzeigt und stoße völlig zufällig auf das Top-Ereignis des 10. Oktober - Welthundetag! Und ich hatte keine Ahnung. Welthundetag, und ich habe es nicht gewusst!
Kein Eintrag im Kalender, kein Chappi-Termin, keine Textreihe, die ich für diesen Tag vorbereitet habe und die in 39 Lokalzeitungen erscheint. Auch kein Golden-Retriever-Special für "Die Welt" rechtzeitig abgesendet, kein Pudel-Porträt für die "FAZ" und nicht die zehn besten Hunderezepte aus der chinesischen Provinz bei "Beef" untergebracht. Und während man bei "Bild.de" mit der "Wuff-Orgel" schnuckelige Vierbeiner zum Klingen bringen kann, glotzt mich auf meinem Wauwaukalender noch immer der Cocker Spaniel aus dem Mai an. Es ist zum Heulen.
Zum Heulen ist aber auch, was ich vor kurzem lesen musste: Hunde, diese armen Säue, sind völlig im Stress. Nicht, weil sie nicht wissen, ob der Euro stabil bleibt oder was sie morgens anziehen sollen, sondern weil sie so sensibel sind. Weil sie unablässig die Stimmungen und Befindlichkeiten ihrer Halter wahrnehmen. Und keiner darüber nachdenkt, was das für die süßen Viecher bedeutet. In der heutigen Zeit! Eine Zeit, in der Flexibilität gefordert ist, Arbeitsverhältnisse prekär sind, der Mietenwahn Sorgen macht, das Kind ADS hat und alle drei Minuten das Handy klingelt. Und wenn nicht, SMS geschrieben werden müssen.
Herrchen und Frauchen sind im Dauerstress - und die haarigen Freunde? Folglich auch. Sie sind angeblich ausgelaugt, lustlos, appetitlos, fertig mit der Welt. Manche haben nicht mal mehr Lust, auf dicke Hose zu machen, wenn der Briefträger kommt. Sie sind so am Ende, dass Entspannungskurse für Hunde angeboten werden.
Wo der Hund noch Hund sein kann
In Einzel- und in Gruppensitzungen wird dem Hund von heute die Magie des Shiatsu unter das Fell gerieben. Damit die Lebensenergie zurückkommt, die Freude. Ja, so sind sie, die fürsorglichen Halter, immer ums Wohl ihres besten Freundes besorgt. Und so wenig, wie sie ihr Leben ändern, ändern sie das des Hundes. Statt Stöckchenwerfen und langer Spaziergänge irgendwo draußen, wo die Tiere sich austoben können und der Mensch wieder zur Besinnung kommt, werden sie zwischen den Terminen ihrer Halter zu Tiertherapeuten geschleppt und dort massiert. Womöglich gibt es noch Aromatherapie und Klangschalen, Engel-Mandalas und für die, bei denen die Verspannung sehr tief sitzt, also dort, wo auch kein Heilfühlen mehr hilft, wird die Technik der Familienaufstellung bemüht.
Das Vieh von heute ist so gestört wie die Menschen, die es halten, und mit Sehnsucht wird es in die Ferne schauen und von Gegenden träumen, in denen ein Hund noch Hund sein kann und die elementaren Fragen sein Leben bestimmen. In manchen Ländern so schlichte wie: Sein oder nicht sein?
Die Welt jenseits der Bürotür
Natürlich wird so ein bequemer Sesselbesetzer weder mit den Kochtopfgenossen in Asien noch mit den verfolgten Straßenkollegen in Rumänien tauschen wollen, die heute nicht wissen, ob sie morgen noch alle vier Beine am Leib haben. Aber nach ein wenig Freiheit, ein wenig Unbekümmertheit, ein wenig in den Tag hinein leben, danach wird auch der deutsche Hund sich sehnen. Und weil der, wie wir nun wissen, früher oder später eine ähnliche Entwicklung durchmacht wie Herrchen und Frauchen, ist es sicherlich nur noch eine Frage der Zeit, bis er zum Kurs geschickt wird: "Das Tier in mir - zurück zum Ich".
Beim Menschen findet ein ähnlicher Ansatz immer mehr Anhänger. Die Suche nach dem Ich jenseits des Arbeits- und Internetlaufrads, in das er sich selbst eingesperrt hat. Lernen, das Handy abzuschalten. Um 22 Uhr keine Arbeitsmails mehr anzuschauen oder auch der Versuch, in der Freizeit einer Freizeitbeschäftigung nachzugehen statt zu arbeiten, sind Ansätze, die zunehmend Verbreitung finden.
Für den Mann wurde eigens ein Magazin entwickelt, das ihm dabei helfen soll. "Free Man's World" heißt es und erklärt ihm in kleinen Schritten die Welt jenseits der Bürotür. Doch auch ohne Beratungsheft entwickeln mehr und mehr Überarbeitete eine neue Strategie, sich tatsächlich ab und an zu einer Pause zu zwingen oder dazu, mal an die frische Luft zu gehen. Sie schaffen sich einen Hund an.