Televisionen: Keine Stille nach dem Schuss - DER SPIEGEL
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Televisionen Keine Stille nach dem Schuss

ZDF und Sat.1 zeigen Berliner Gegenwarts-Polizeifilme über Staatsbeamtinnen mit Gewissenkonflikten im Behördendschungel. Ausgerechnet eine äußerst ungeschminkte Uschi Glas macht darin eine ziemlich gute Figur... Die SPIEGEL-ONLINE-Fernsehfilmvorschau.
Von Christian Bartels
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wer begleitet den Fernsehverbraucher, wenn er zur Aufnahme oder Abgabe von Flüssigkeiten mal rasch Richtung Kühlschrank oder Klo entschwindet? Die Filmmusik. Sie bleibt dem Empfänger als "Stimmungsbild" im Ohr und hilft dem Sender bei der "emotionalen Führung" und gegen das Wegzappen. Wenn Schauspielern oder Regisseur eine Szene mal misslungen ist, hilft viel Filmmusik übrigens auch. Gute Filme kommen oft mit wenig Musik aus, aber davon hat auf dem Klo natürlich niemand etwas.

Der aktuelle ZDF-Film über den Gewissenskonflikt einer Berliner Polizeibeamtin im Apparat der Behörden ist im Grunde ziemlich mutig. Denn wer nicht genau hinschaut, wenn "Der Schuss" (Mo., 26.11. ZDF 20.15 Uhr) fällt, hat es schwer, dem weiteren Verlauf zu folgen. Rückblenden verweigert Regisseur und Autor Nikolaus Leytner konsequent, die Schlüsselszene wird einfach nicht wiederholt. Dabei fällt es bis dahin sogar schwer hinzuschauen - so dick aufgetragen ist das Glück der Streifenpolizisten Rita und Martin (Lisa Martinek, Felix Eitner) beim Pläneschmieden mit schauriger "All I Wanna Do is Making Love to You"-Musik und Erotik in der feuchten Tankstellen-Waschstraße. Direkt darauf gibt Martin den Schuss ab - aus seiner Dienstpistole auf einen albanischen Räuber, der den Tankwart, einen alten Freund von Martin, ermordet hat. Der Albaner aber hatte bereits die Hände über dem Kopf - was nur Rita weiß.

Nun verlagert sich der Fokus auf Rita und ihr Gewissensproblem: Sagt sie die Wahrheit, belastet sie Martin und beschädigt ihr privates Glück. Lügt sie, wird der durch den Schuss querschnittsgelähmte Albaner in ein ungewisses Schicksal abgeschoben. Als einzige Zeugin steht sie im Schnittpunkt vieler Interessen: Ihre Vorgesetzen haben Angst vor öffentlicher Polizeikritik und formulieren Ritas Aussage im großen Kreis gemeinsam. Martin entpuppt sich unter ihrem Einfluss als arg skrupellos, ein rechtsradikaler Politiker will den Fall ausschlachten, ein Enthüllungsjournalist (Dominique Horwitz) wittert eine Story und ein Anwalt einen dankbaren Fall. Viel gesamtgesellschaftliches Gefüge also, in dem ziemlich viele Details ziemlich wenig Profil gewinnen.

Werden diese Mächte allesamt von aggressiv auf Rita einredenden Männern verkörpert, so dienen Frauen - Mitbewohnerin, Mutter, Ärztin -, mit denen sie den Konflikt emotional beredet, die Antithese. Als Synthese scheinen Sentiment und Politik in düstere Strukturkritik zu münden: Im Prozess beweist Rita Zivilcourage, doch was die Einzelne tut, richtet im System nichts aus... Das Resultat mutet halbherzig an. Den Ausschlag gibt die klebrige Musiksauce, die ins symphonische Dröhnen auch noch das Piepen der Krankenhaus-Geräte integriert und bereits die große Liebe wie eine Behauptung wirken ließ. Damit nimmt sie dem Konstrukt die Stille, die zur Entfaltung zumindest gelegentlich nötig wäre.

"Zu existenzialistisch" habe der Film in einer dezenteren ersten Musikfassung geklungen, daher habe er eine neue Musik in Auftrag gegeben, sagte Produzent Nico Hofmann nach der Pressevorführung. Jetzt klingt er ausgesprochen unexistenzialistisch - was definitiv kein Kompliment ist.

Wieder Berlin und noch eine Staatsbeamtin mit Gewissenskonflikt - das ist "Die Erpressung - Ein teuflischer Pakt" (Di. 27.11. Sat.1 20.15 Uhr). Der Prozess gegen einen Polizistenmörder scheint auch für Richterin Susanne eine klare Sache zu sein. Doch dann entführen Verbrecher ihre Tochter. Im Tausch gegen ihre Freilassung soll die Richterin schweigen und einen Freispruch liefern. Susanne stößt auf Intrigen im Staatsapparat...

Das klingt vom Plot her weniger ambitioniert, auch wenn eine gewisse Raffinesse (Buch: Don Bohlinger, Hermann Kirchmann) in der umgekehrten Ausgangssituation liegt: Das Motiv fürs Auf-eigene-Faust Ermitteln ist einmal nicht die Suche nach der Wahrheit, sondern nach Argumenten für ein erpresstes Unrechtsurteil.

Die trotzdem erfreulich unprätenziöse Machart erschließt sich, weil Sat.1 als Pressecassette eine musiklose Rohschnittfassung ausgeliefert hat. Immer wieder hört man Großstadtgeräusche, das Schlucken von Dosengetränken und den Verkehr im Hintergrund. Natürlich wird noch Musik draufgelegt, verspricht die Redakteurin...

Aber auch dann sollte der Film funktionieren. Regisseur Stefan Krohmer, von dem die ARD unlängst einen minderattraktiv klingenden Plot in umso attraktiverer Umsetzung ("Ende der Saison") zeigte, hat auch Sat.1 seinen Handkamera-Stil aufgezwungen. Uschi Glas schickt er auf Hannelore Elsners Pfade, filmt sie in hartem Licht und ungeschminkt und schert sich nicht um die persönliche Kosmetiklinie "Uschi Glas hautnah", die die Künstlerin exklusiv für den Einkaufskanal "Home Shopping Europe" kreiert hat. Das ist schade für die Kirch-Gruppe, die auch von den Teleshoppingumsätzen zehrt, aber gut für den Film.

Auch das Drehbuch schont Uschi nicht, denn sie stapft mal nicht christdemokratisch tapfer durch Familienleben und Marktwirtschaft, sondern ist einsam und wird am Filmanfang von ihrem Mann und ihrer Tochter verlassen, die bei ihr auszieht. Über weite Strecken hat sie niemandem, mit dem sie ihr Plotproblem diskutieren kann. Das ist gut für den Naturalismus der Dialoge, weil die üblichen Redundanzen entfallen, die alles so oft erklären, bis es auch der letzte Zapper verstanden hat, aber schlecht für die Zuschauer, die zwischendurch verschwinden müssen. Aber dafür hat Sat.1 ja die Werbepausen...

außerdem wichtig:

So. 25.11. ARD 20.15 Uhr:
"Tatort: Bestien"
(Regie: Kaspar Heidelbach, Buch: Norbert Ehry)
"Die Kölner Tatorte sind, bei allem Ernst, die Sesamstraße des Kriminalfernsehens" hieß es an dieser Stelle gewagt vor dem 7.Oktober, als dieser "Tatort" eigentlich laufen sollte, aber durch den Start des Afghanistan-Bombardements aus dem Programm gekickt wurde.

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