Televisionen Österreicher gucken böser
Was ist das Besondere am österreichischen Blick? Das fragen sich viele deutsche Filmschaffende in Zeiten, da Filme wie "Die Gottesanbeterin" und "Die Klavierspielerin" in Kinos und auf internationalen Festivals - für die sich deutsche Filme trotz aller Kulturstaatsminister nicht mal im Vorfeld qualifizieren können - Aufmerksamkeit erregen. Liegt es an typisch österreichischen Filmschauspielern, die Hader oder Proll heißen und auch so spielen? Ist der Blick morbider, da der Wiener schon immer durchblicken ließ, dass er gern auf Friedhöfen abhängt? Überprüfen lässt es sich an einem Fernsehfilm, den Wolfgang Murnberger, Regisseur des Kinofilms "Komm süßer Tod" drehte.
"Wir bleiben zusammen" (So. 7.10. ZDF, 20.15 Uhr) sieht aus wie sauberes Sonntagabendprogramm (Buch: Henriette Piper) für jene Gebührenzahler-Klientel, die sich zum Ausklang des Wochenendes gewaltfrei, das heißt: ohne Tatort (siehe unten) unterhalten lassen will: Adrette Menschen aller Altersgruppen sind freudig aufgescheucht. Eine Hochzeit wird vorbereitet. Der Bräutigam ist Musikimpressario und steckt im Stress bis zuletzt, die streng frisierte Braut Tine (auch gut: die Deutsche Bernadette Heerwagen) ist Klavierspielerin. "Jetzt beginnt der zweite Satz in deinem Leben", sagt die Mutter, als sie ihr feierlich Omas Perlenkette umlegt. Die Herren sehen alle aus wie musische Burgschauspieler, die in Theaterpausen gern mal eine "Traumschiff"-Gastrolle einschieben.
Und schon ist's Zeit im Film, dass am Altar das Jawort fällt, oder besser noch: in die lichte Kirche hinein der begründete Einwand des in letzter Minute angerannt kommenden wahren Geliebten hallt. Stattdessen hallt: "Sie sind tot!" Was keine Drohung ist, sondern sich auf die Eltern der Braut bezieht. Kein ganz herber Schock fürs Publikum, denn das sah vorher bereits, wie der Bräutigam ungeduldig die ausbleibenden Schwiegereltern anrief, wie der ohnehin gehetzte Vater mit der einen Hand auf der Landstraße lenkte, mit der anderen Hand nach dem Handy tastete und.... Solche zum Idyllszenario parallel montierte böse Realität könnte schon typisch österreichisch sein.
Nun beginnt die eigentliche Geschichte: Die Pianistin-Protagonistin hat drei jüngere Geschwister und will deren Vormund werden. Der Verlobte ist allerdings nicht scharf auf so viele Kinder auf einen Schlag. Die Dame vom Jugendamt ("Den Seelen der Kleinen ist es egal, ob die Mutter Hochleistungspianistin oder Alkoholikerin ist") will die Kinder anderswo unterbringen. Die Kleinen selbst lösen die üblichen Turbulenzen aus. Zum Glück spielt der junge Jugendrichter Henning Bülow (Alexander Lutz) auch Klavier. Mit seiner alten Mutter im Schubert-Konzert, irritiert er Tine durch seine Blicke so nachhaltig, dass ihre Konzertkarriere platzt. Später improvisiert er mit ihr daheim am privaten Piano einen fröhlichen Blues, der die Bettszene eher ersetzt als einleitet.
Genau solch ein improvisiert fröhlicher Blues ist auch der Film: Die Grenzen adretter Unterhaltung sprengt er nie. Aber zwischen Tempos und Stimmungen springt er schon mal umher, jäh und unerwartet. Ein wenig gewinnt das gefühlige Gebrauchsmelodram dadurch seine Unschuld zurück. Als propere Kehrseite des Sarkasmus, den Regisseur Murnberger in "Komm süßer Tod" auslebt, kann man sich "Wir bleiben zusammen" also schon vorstellen. Allerdings ist die andere Seite der Medaille sehenswerter.
Gebührenzahlern, die sich am Ende des Wochenende dezent gewalthaltig unterhalten lassen will, bietet "Tatort: Bestien" (So. 7.10. ARD, 20.15 Uhr) ein sinnvolles Alternativprogramm. Anfangs gucken da alle Erwachsenen Boxen im Fernsehen: die Kommissare genau wie Altrocker Kulle Hain (Armin Rohde). Der holt daher seine Tochter zu spät von der Disco ab, die deshalb mit ihrer Freundin per Anhalter nach Hause strebt. "Bleib doch stehen, du Wichser!" rufen die Mädchen dem ersten Autofahrer hinterher, der nicht stoppt. Der zweite Autofahrer stoppt, aber der ist ein Vergewaltiger. "Du lebst nicht mehr lang!" droht das misshandelte Mädchen dem Täter, weil ihr Vater ja ein Rocker sei. Aber dann ist sie selbst es, die nicht mehr lang lebt...
"Sie fangen das Schwein!" sagt der extrovertiert fassungslose Vater zum Kommissar. "Das ist ihr Pferd!", sagt die introvertiert fassungslose Mutter in der nächsten Szene ebenfalls zum Kommissar - eine Dialektik aus lauter einfachen Wortpaaren, mal Schnittmenge, mal Gegensatz, treibt die Szenenfolge. Die Kölner Tatorte sind, bei allem Ernst, die Sesamstraße des Kriminalfernsehens. Laut und lehrreich, ausgewogen, weder zu flach, erst recht nicht zu abgründig und niemals unverständlich. Mimik, Musik und Rückblenden zeigen immer, was jeder denkt. Der sprichwörtliche Stammtisch, von dem im Anschluss bei Sabine Christiansen gewiss wieder die Rede sein wird, wird mit diesen Mitteln angesprochen, um zu zeigen, was von sorgfältig ausgewählten aktuellen Themenkomplexen (heute: Selbstjustiz) zu halten ist.
Die besseren Filmen der Reihe, zu denen dieser (Regie: Kaspar Heidelbach, Buch: Norbert Ehry) gehört, nutzen ihre Schlichtheit für üppige Arrangements aus Motiven, Soziotopen und Bildern. Diesmal wird pittoreske Rockerstatisterie integriert, die zu interessanter Weltmusik (Bläck Fööss vielleicht) auf Choppern über Landstraßen ausschwärmt. Sind alle denkbaren Handlungsvarianten abgehandelt, kommt das Wesentliche zum Vorschein: ein Freundschaftsding, in diesem Fall doppelt bilateral. Die Kommissare Ballauf und Schenk sind Ernie und Bert, und Gaststar Armin Rohde ist der Bär.
Außerdem wichtig:
Di 9.10 ARD 20.15 Uhr:
"Der Verleger"
(Teil 2: Mi 10.10.)
Heiner Lauterbach ist Axel C. Springer: Regisseur Bernd Böhlich und Produzentin Regina Ziegler, die schon in der Charlotte-Link-Verfilmung "Sturmzeit" tollkühn durch Szenerien des letzten Jahrhunderts sprangen, erzählen aus dem Leben des Mannes, der die größte Tageszeitung Europas begründet hat. Besonders gespannt sind sie auf eventuelle persönlichkeitsrechtliche Konsequenzen.
Do., 11.10. Arte 20.45 Uhr:
"Lola rennt"
Über drei Jahre nach dem Kinostart feiert Tom Tykwers Kinoerfolg, eine WDR/Arte-Koproduktion, seine Fernsehpremiere.
Do., 11.10. ARD 23.45 Uhr:
"Oi! Warning"
In ostdeutschen Städten löste der wilde Schwarzweißfilm der Zwillingsbrüder Dominik und Benjamin Reding über eher unpolitische Skinheads Morddrohungen aus, und bei etablierten deutschen Kinokoryphäen Kopfschütteln wegen formaler Schwächen. In Hollywood gewann er einen "Award for Outstanding Talent".
Fr., 12.10. Arte 20.45 Uhr:
"Abschied"
Jan Schüttes untergegangener Kinofilm mit Bierbichler als Brecht an seinem Lebensabend.