Gestern ein König - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 85 / 118

KINO Gestern ein König

Vor sechs Jahren brachte er den Knüller »Titanic« ins Kino, seither plagt James Cameron eine Krise - und die Frage: Hat das heutige Hollywood keine Arbeit für seine kreativsten Köpfe mehr?
• aus DER SPIEGEL 23/2003
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Triumphierend reckte er den Arm empor, der glorreiche Sieger der teuersten Materialschlacht, die Hollywood je geschlagen hatte, und erklärte das ganze Kino zu seinem Reich: »I'm king of the world!«, rief James Cameron im Frühjahr 1998 bei der Oscar-Verleihung, als er gleich drei Trophäen für seinen Film »Titanic« erhielt, der gerade Kassenrekorde brach.

Diesen Satz sollte er noch oft bereuen. Denn selbst in Hollywood gibt es für Größenwahn eine Grenze - und für Neid keine. Also wartete die halbe Traumfabrik fortan auf den Sturz des selbst ernannten Herrschers, war die Presse begierig, Cameron einen Zacken nach dem anderen aus der Krone zu brechen.

Doch Cameron, 48, tat seinen Gegnern nicht den Gefallen, Schiffbruch zu erleiden - er drehte einfach keinen Spielfilm mehr. Stattdessen unternahm er einen Selbstversuch, um herauszufinden, wie tief ein Mann sinken kann, der einmal ganz oben war. Er tauchte mehrere tausend Meter tief zu zwei Schiffswracks hinab - dem des 1941 gesunkenen deutschen Zerstörers »Bismarck« und dem der »Titanic« - und kehrte mit zwei Dokumentarfilmen vom Meeresgrund zurück: »Expedition: Bismarck« und »Ghosts of the Abyss« (zu Deutsch etwa: »Geister der Tiefe"), eine maritime Spurensuche im Bauch der »Titanic« in 3-D.

Der nächste Film ist immer der schwerste. Diese Erfahrung machte nicht nur Cameron. Eine Woche nachdem die »Titanic« im Dezember 1997 anlief, kam »Jackie Brown« ins Kino - und blieb bis heute die letzte Regiearbeit von Hollywoods Wunderkind Quentin Tarantino. Hat die Traumfabrik für ihre erfolgreichsten Regisseure keine Arbeit mehr?

Ganz so weit ist es noch nicht. In Cannes wurde immerhin viel über Tarantinos neues Werk »Kill Bill« geredet, das angeblich immer noch nicht fertig ist, aber im Oktober in die Kinos kommen soll. Die dort gezeigten Filme, auch »Ghosts of the Abyss«, verkamen dagegen eher zu Randereignissen. Dennoch zeigt auch Tarantinos Lavieren: Megalomanische Regisseure mit Geniebonus wie Cameron und Tarantino tun sich in Hollywood mit ihren neuen Projekten immer schwerer.

Klar, mit dem Erfolg wird man wählerisch. In Cannes wurde Cameron vor dem Hotel Carlton mit Werbe-Aufbauten für das Anfang Juli startende Action-Spektakel »Terminator 3« konfrontiert. Die Figur des von Arnold Schwarzenegger gespielten künstlichen Menschen ist Camerons Schöpfung. Mit dem ersten Film begann 1984 seine steile Karriere, 1991 ließ er die Fortsetzung folgen.

Den dritten Teil hat nun ein anderer Regisseur namens Jonathan Mostow inszeniert. Cameron, ganz überzeugter Autorenfilmer, sagt, ihn hätte das Projekt nur interessiert, wenn er selbst das Drehbuch geschrieben hätte. Und alles, was ihm zu diesem Stoff einfiele, habe er bereits erzählt.

Doch die Frage lautet: Was hat der Mann überhaupt noch zu erzählen? »Über das Leben zu ebener Erde werden genug Filme gedreht«, sagt er gereizt. »Das überlasse ich anderen. Die können das besser. Aber die sind nicht im Stande oder haben keine Lust, das zu machen, was ich mache. Mich faszinieren der Weltraum und die Meerestiefe. Ist es falsch, Filme über Dinge zu machen, die einen interessieren? Straßen, Autos, teure Restaurants - das ist nicht meine Welt.«

Cameron hat eine eigene Vorstellung von Exklusivität - er will an Orte gelangen, an denen niemand vor ihm war, zumindest nicht mit einer Kamera. Das macht ihn in einem Hollywood, das immer mehr auf Fortsetzungsfilme setzt, zum Außenseiter. Von Mai bis August kommen in den USA 18 Fortsetzungen oder Remakes wie »3 Engel für Charlie - Volle Power«, »Bad Boys 2« oder »Natürlich blond 2« ins Kino.

Ironischerweise hat Cameron in seiner Karriere selbst gleich drei Fortsetzungen inszeniert, darunter den für sieben Oscars nominierten Horrorfilm »Aliens - Die Rückkehr« (1986). Dem Kino erschloss er mit ihnen allerdings stets technisch-ästhetisches Neuland. Vielleicht sollte man »Ghosts of the Abyss« so sehen: als Nachfolgewerk zu »Titanic«, als Fortsetzung eines Films, der sich nicht fortsetzen lässt.

So hat er nichts Besseres zu tun, als fünf Jahre nach seinem Oscar-Triumph für »Ghosts of the Abyss« auf Werbetour zu gehen. Halb verschattet flaniert er durch die Lobby eines Londoner Kinos. Er trägt einen blauen Anzug, der ihm nicht steht, weil ihn auch der teuerste Stoff der Welt nicht so gut kleidet wie ein Taucheranzug. Ein wenig wirkt er wie ein Vertreter, der seine Kundschaft davon überzeugen will, dass er einen Schatz gehoben hat.

»Kein menschliches Wesen wird die 'Titanic' je mit bloßer Hand berühren können«, erzählt Cameron. »Dort unten ist und bleibt sie unberührbar. Aber wir sind mit unseren Kameras in ihr Inneres eingedrungen.«

Dann nestelt er unruhig an seinen Ärmeln und erwartet die nächste Frage wie eine Breitseite. Hollywood macht seine größten Sieger zu Paranoikern. Man spürt, unter welchem inneren Druck dieser Mann ständig steht. Dass James Cameron je entspannt ist, kann man sich kaum vorstellen.

Männer wie er brauchen zum Ausgleich womöglich den größtmöglichen äußeren Druck - sei es den Erfolgsdruck Hollywoods oder den Wasserdruck des Ozeans. Weil Cameron der erste Filmregisseur im All sein wollte, trainierte er im russischen Weltraumzentrum; in einer Zentrifuge erfuhr er, wie es sich anfühlt, wenn Tonnengewichte auf den Körper zu pressen scheinen.

Eigentlich ist Cameron für das heutige Hollywood also wie geschaffen. Dort steigt mit den gewaltigen Budgets stets auch der Erwartungsdruck auf den Regisseur. Wohl deshalb stehen immer mehr Brüderpaare wie die Wachowskis ("Matrix Reloaded") oder die Coens ("Fargo") hinter der Kamera: weil man vier Schultern braucht, um die Verantwortung für einen Film zu tragen. So macht die Leistung, die »Titanic«-Produktion gestemmt zu haben, Cameron noch immer zum Titanen der Traumfabrik.

Wenn man das Geld mit beiden Händen zum Fenster rauswirft, kommt es durch die Tür wieder herein, lautet eine alte Hollywood-Regel. Vielleicht versenkte Cameron bei den Dreharbeiten zu »Titanic« die Millionen deshalb so locker, wie Touristen im Urlaub Münzen in Brunnen werfen.

Bevor das Werk, dessen Kosten sich am Ende auf 200 Millionen Dollar beliefen, ins Kino kam, ging in Hollywood die Angst um, ein einziger Film könnte auf einen Schlag zwei der traditionsreichsten Studios ruinieren: 20th Century Fox und Paramount hatten sich zusammentun müssen, um »Titanic« zu finanzieren.

Und es gab nicht wenige in der Branche, die auf diesen Super-GAU hofften: Nur er, glaubten sie, könnte dem grassierenden Gigantismus in Hollywood Einhalt gebieten. Doch es kam anders: Die ungeheuerliche Summe von über 1,8 Milliarden Dollar spielte »Titanic« allein an den Kinokassen ein und ebnete weiteren Super-Produktionen wie der »Herr der Ringe«-Trilogie oder den »Matrix«-Fortsetzungen den Weg.

Cameron schuf ein Hollywood, das keine Grenzen des Budgets und des Aufwands mehr zu kennen scheint und in dem es für ihn nun unmöglich ist, einen Film zu machen, der die Erwartungen nicht enttäuscht. Egal, was er in Angriff nähme, er wäre schon vorher ein Gescheiterter. Und so flüchtet er vor Hollywood - so hoch hinaus und so tief hinab wie möglich: ins All oder auf den Meeresgrund.

Die Geister der Tiefe, die Cameron rief, wird er einfach nicht mehr los. Der Dokumentarfilm ist Camerons Versuch, der »Titanic«-Euphorie, die er selbst ausgelöst hat, auf den Grund zu kommen. Und vielleicht hofft er dort zu finden, wonach Hollywood seit je sucht: den Stoff, aus dem die Träume sind, den Schlüssel des Erfolgs.

Über 100 Millionen Dollar soll Cameron an »Titanic« verdient haben. Dafür kann man sich eine Menge kaufen, aber eines wohl nicht: Gelassenheit. Er habe viele Projekte, raunt er. Als Nächstes werde er einen Spielfilm in 3-D drehen. »Ich schreibe gerade die dritte Fassung des Skripts, fange Ende des Jahres mit den Dreharbeiten an und bringe den Film 2005 ins Kino.«

Cameron sagt dies in einem Tempo, das jeden Zweifel hinwegfegen soll. Doch worum geht es in dem Film? »Das ist top secret! So geheim wie das Manhattan Project.« Ein Filmprojekt - so geheim wie die Erfindung der Atombombe? Ein Vergleich, den man nur belächeln kann. Doch Cameron lächelt nicht. In seinem Gesicht findet sich keine Spur von Ironie. Dieser Mann meint es ernst. LARS-OLAV BEIER

Zur Ausgabe
Artikel 85 / 118