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MEDIZIN / HERZVERPFLANZUNG Grenzen verwischt

• aus DER SPIEGEL 2/1968
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Christian Barnard, strahlender Held an der Schwelle einer neuen Medizin-Epoche, sammelte Applaus. Zeitungen und Bildblätter in Deutschland, Frankreich und Amerika kürten ihn zum »Mann des Jahres«. Fernsehgesellschaften holten ihn vor die Kameras, US-Präsident Johnson bat ihn ins texanische Eigenheim.

Am Neujahrsmorgen kehrte der Chirurg von seiner Transatlantik-Tour zurück. 24 Stunden später, am Dienstag letzter Woche, stand er wieder im Operationssaal des Kapstädter Groote-Schuur-Hospitals und wagte zum zweitenmal die Operation, die ihm Weltruhm eingebracht hatte. Auch diesmal gelang der Eingriff. Das Herz des -- an einer Hirnblutung gestorbenen -- Kap-Mischlings Clive Haupt begann wieder zu schlagen, als Barnard und sein Team es in den Brustkorb des todkranken Zahnarztes Dr. Philip Blaiberg, 58, überpflanzt hatten.

Diesmal jedoch mischten sich, vor allem bei deutschen Medizinern und Kommentatoren, Unbehagen, Zweifel und Bedenken in die Anerkennung, die sie immerhin der Chirurgen-Leistung zollten. Der Heros wurde zum »Diabolos«, zum »Luzifer« gestempelt: Hier werde in letzter Konsequenz »der Arzt zum Henker«.

Mit solch griffigen Formeln der Verteufelung (die anderntags als Schlagzeilen in der Boulevard-Presse auftauchten) brachte ein prominenter Mediziner seinen Mißmut über den »Verlust an sittlicher Substanz« vor, den er mit Barnards Pioniertat verknüpft wähnt: Nobelpreisträger Werner Forßmann, 63, der sich einst -- damals selber Pionier -- eine Sonde durch die Armvene ins Herz schob.

Forßmann beschwor, in einem Beitrag für die »FAZ«, die düstere Vision von der Operationsgruppe, die eine »mit dem Tod ringende junge Frau mit gezücktem Messer umsteht, nicht um ihr zu helfen, sondern fiebernd vor Gier, ihren wehrlosen Körper auszuschlachten«.

Kaum weniger erfüllt von Skepsis, fragte der Kommentator der »Welt«, ob nicht der Mensch, wenn er nun lebfrische Menschenherzen überpflanze, »einen Schritt zu weit gegangen sei ... in schuldhafter Hybris«. Und die »Süddeutsche Zeitung« klagte: »Wenn nur nicht alles so schnell gehen müßte Die »rücksichtslose Beschleunigung des Fortschritts« könne am Ende dazu führen, daß »alle Probleme vom Fahrtwind verweht werden«.

Probleme höchster Dringlichkeit, das leugnen auch die Fortschrittsfreudigen unter den Medizinern nicht, sind mit dem raschen Vormarsch ihrer Wissenschaft aufgetaucht -- freilich nicht erst mit den beiden Herzverpflanzungen in Kapstadt.

Die Frage, wann wohl ein Mensch tot sei und für tot erklärt werden könne, müssen sich schon seit Jahren beinahe täglich Ärzte in den Unfallstationen der Krankenhäuser stellen. Die modernen Wiederbelebungsgeräte -- Herzschrittmacher, künstliche Beatmung, Herz-Lungen-Maschine -- haben die klassische Grenze zwischen Leben und Tod verwischt. Längst mussen Ärzte hier in fast jedem Einzelfall genau jene Entscheidung fällen, die Professor Barnard nun von seinen Kritikern als Hybris angelastet wurde.

Die Frage, welchen von mehreren rettungsbedürftigen Patienten der Arzt zum Weiterleben auswählen, welchen er sterben lassen soll, wurde spätestens vor sechs Jahren akut, als den Medizinern erstmals künstliche Nieren zu Gebote standen, aber zu wenige, um alle todgeweihten Nieren-Kranken daran anzuschließen.

So läßt das plötzliche Aufschäumen der Kritik an Barnards wagemutigem Vorstoß den Verdacht aufkommen, daß eine verhängnisvolle Tradition von gefühligem Idealismus und Irrationalismus im Spiel ist. Ein geheimer Minderwertigkeitskomplex der deutschen Medizin, die ihre einstige Führungsrolle in der Welt sichtbar einbüßte, mag dabei mitgewirkt haben. Unsachlich, soviel ist sicher, waren die meisten Argumente der Kritik.

»Verfrüht« -- mit diesem apodiktischen Urteil hatten prominente westdeutsche Chirurgen wie die Professoren Ernst Derra (Düsseldorf) und Rudolf Zenker (München) Barnards erste Operation bedacht. Dabei steht außer Zweifel, daß neben Barnard mehr als ein Dutzend Herz-Chirurgen in Amerika und England, aber auch in Brasilien, Australien und Dänemark seit Monaten entschlossen waren und sind, es dem südafrikanischen Kollegen gleichzutun.

Den Vorwurf, Barnard habe nicht alles getan, um das Leben der ersten Herzspenderin Denise Darvall zu retten, erhob der Düsseldorfer Neurologe Professor Eberhard Bay -- über eine Distanz von zehntausend Kilometern, ohne Kenntnis der tatsächlichen medizinischen Befunde.

Nobelpreisträger Forßmann suchte den Kapstädter Chirurgen mit einem Hinweis auf die südafrikanische Rassentrennungspolitik zu diffamieren und stellte ihn in die Nähe deutscher KZ-Ärzte, die gesunden Häftlingen Knochen und Gelenke zu Transplantations-Versuchen entnommen hatten. Ein Redakteur der »Süddeutschen Zeitung« kleidete sein Mißtrauen gegen den Arzt aus Kapstadt in die Unterstellung, es habe sich bei dem Herzempfänger Louis Washkansky nur um einen »angeblich« Todgeweihten gehandelt, nicht um einen Sterbenden, dem Barnard eine letzte Chance gab.

Christian Barnard stellte sich der Öffentlichkeit, um derlei Verdächtigungen entgegenzutreten. Vor acht Millionen amerikanischen Fernsehzuschauern zeigte er eine Aufnahme von Louis Washkanskys erstem Herzen und bewies, daß die linke Herzkammer nur noch zu zehn Prozent aus Muskel- und schon zu 90 Prozent aus krankhaft-nutzlosem Bindegewebe bestanden hatte.

Bei der einstündigen Fernsehdiskussion in Washington fand Barnard sachlichere Bewerter seiner Arbeit als in Deutschland. Amerikas führende Herz-Chirurgen, die ihn vor den Kameras befragten, beurteilten die Konsequenzen medizinischen Fortschritts kühler -- ohne dabei den moralischen Fragen, die er aufwirft, aus dem Weg zu gehen (siehe nebenstehenden Auszug).

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