Halb Backfisch, halb Piranha - DER SPIEGEL
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STARS Halb Backfisch, halb Piranha

Zur Galapremiere ihres ersten Kinofilms »Not a Girl« hielt Britney Spears in Köln Audienz - und ließ Interviewer spüren, dass 15 Minuten sehr lang sein können.
• aus DER SPIEGEL 11/2002
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Weltfrauentag in Köln, vor den Fenstern des rechtsrheinischen Hyatt Regency steht zum Greifen nah der Dom, vor dem Couchtisch in der schönsten Hotelsuite, sechster Stock, sitzt zum Greifen nah Britney Spears. Sie ist es: Blond, wach, energiegeladen, auf dem Kopf einen braunen Lederhut, am Leib einen groben Strickpullover, das Weiß der Augen wie frischer Schnee. »Nice to meet you.«

Draußen vor der Tür lungern Bodyguards so breit wie Gorillas, PR-Menschen halten sich an Klemmbrettern fest, die andere Hand immer am Holster ihrer Mobiltelefone. Die Luft schwingt stärker, weil etwas in ihr liegt an diesem Vormittag in Köln. Ein Star, vielmehr: ein Super-, Mega-, Gigastar. Britney. Spears.

Rund 40 Millionen verkaufte Alben, Weltrekordhalterin in einigen Disziplinen des Tonträgermarkts, eine Marke so unfassbar berühmt, dass ihr Gesicht auch in Saigon, Jakarta, Schanghai auf T-Shirts und Schlüsselanhänger raubkopiert wird. Britney.

Sie sitzt in dieser cremefarbenen Suite, nett, aufmerksam, abwaschbar, ihre Selbstauskünfte reichen von »I feel cool« bis »Everything is fine«, die Interviewer verlassen das Zimmer mit Schweiß auf der Stirn und dem Gefühl, hart zu arbeiten.

»Hast du noch deine Freunde von früher?« - »O ja, auf jeden Fall.« »Hat es dir Spaß gemacht, in einem Film mitzuspielen?« - »Großen Spaß, ja.« »Ist es schwer, so berühmt zu sein?« - »Eigentlich nicht.« Eine Viertelstunde kann sehr lang sein.

»Crossroads« heißt der Grund ihres Besuchs, ihr erster großer Film, der deutsche Titel wird lauten: »Not a Girl«, und von Ende März an wird er alle deutschen Mädchen zwischen 8 und 48 in die Kinos treiben. Britney ist angereist zur feierlichen Vorpremiere, der Film verspricht »Lachen, Tränen, Romantik«, und die Handlung geht so: Lucy, Kit und Mimi fahren mit Ben durch Amerika, haben meistens Spaß und manchmal keinen, und am Ende wird alles gut. Ein sauberer Plot.

Britney ist Lucy, das heißt ganz sie selbst, der nur ihr eigene Mix aus jugendlichen Lust- und Lebensstilen. Im Film wie im Leben verbindet sie die Images von Backfisch und Piranha, von Doris Day und Madonna, als ewiges Doppelgesicht: das kleine Luder, das doch im Kinderzimmer Ordnung hält; die brave Tochter, die Daddys beste Freunde beim Barbecue verstört mit ihren tiefen Blicken.

Natürlich: Das Urbild dieses Typs ist Lolita, aber es hat sich, in Britneys Gestalt, zur Karikatur verzerrt. Dieses Kind treibt nicht zur Sünde an, es treibt vor allem Sport. Britney hüpft und rudert und schwingt die Beine, als wäre ihr Tanz Vorlage fürs Workout im Fitnessstudio. Ihre Videos verströmen eine Erotik, wie sie ältere Herren an der rhythmischen Sportgymnastik schätzen: Junge, blitzsaubere Dinger tollen in knappen Leibchen herum. Dazu flotte Musik.

Es gibt auch schwülere Arrangements, in denen sie kokett Schuluniform trägt oder sich in Unterwäsche mit länglichen Stofftieren in Betten räkelt. Aber selbst derlei Szenen schaffen es zur erotischen Attacke nur mit Hilfe von reichlich Phantasie. Das »rhythmische Heulen einer Frau beim Orgasmus« hat in ihrem Gesang jedenfalls bislang nur der »Playboy« vernommen.

Britney denkt nichts Böses bei alledem. Und will über das Böse auch nicht reden. Bedingung für die Audienz in Köln ist der Verzicht auf Fragen zu: 1. vorehelichem Geschlechtsverkehr, 2. Geschlechtsverkehr, 3. Geschlechtsverkehr, und auch das Thema Brustvergrößerung sei »unter der Gürtellinie«, sagt eine PR-Frau streng.

So gilt die Frage nur wolkig den »bösen Gerüchten«, beredet von all jenen Fans, die sich stündlich, minütlich um ihr Leben bekümmern. Sag was dazu, Britney! »Eines Tages wird es heißen, ich bin eine Außerirdische. Ist mir dann auch egal.« Das ist eine der längsten Antworten.

Aber wer wird lange Reden erwarten von einer Frau, die im Alter von neun Jahren einen Agenten und Auftritte im Werbefernsehen hatte? Die als Kind nach New York ging und in Tanz- und Singschulen ackerte, um ein Star zu werden?

Mit elf schon war sie ein kleiner - ein »Mouseketeer«, Moderatorin des »Mickey Mouse Club« im US-Fernsehen. Und damals ließ das Schicksal auch Justin in ihr Leben treten, Justin Timberlake, heutzutage Boy in der Group 'N Sync. Auch er einst ein Mickey-Mouse-Moderator, das Ganze also eine Liebe aus Disneyland. Mickey und Minnie. Aber wird sie auch dauern?

Oder ist etwas faul? Auf die Frage, ob sie und Justin heiraten werden, antwortet Britney Spears lachend: »O no!«, um diese Klarheit nur sehr lau in ein »Na ja, wir werden sehen« zu verlängern und dunkle Sätze zu sprechen wie: »Justin ist noch sehr jung.« Gibt es ein Zerwürfnis? Ist alles aus? Wird nach Uschi Glas bald ein neuer Donnerschlag das Vermischte erreichen?

Das Lied zum Film heißt: »I'm Not a Girl, Not Yet a Woman«, frei übersetzt: Nicht Fisch, nicht Fleisch. Aber so wie sie da sitzt, in Köln, im geblümten Sessel, macht sie sich auf in ein neues Image als Frau, leidlich erwachsen. Vorbei das Getue um das aufgesparte »erste Mal«.

Im Film, so viel ist sicher, wird Lucy von Ben defloriert, während draußen ein gischtender Pazifik unter glutroter Sonne an Kaliforniens Küste rollt.

Der schiere Fitness-Rhythmus der Lieder beruhigt sich, ins bloße Yeah, Yeah, Yeah und Na-na-na-na-na der frühen Erfolge mischen sich ganze Aussagesätze, in Pressetexten taucht das Wort von der »Reife« auf; bald wird es offiziell heißen: Oops, sie hat es getan. Na bitte. ULLRICH FICHTNER

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