LITERATUR Hausmann mit Joint
Früher hat das Beten noch geholfen. »Denn Du bist der Gott der Liebe und des Erbarmens«, hört Fritze von den Großeltern. Aber schon bei der Story vom streng bewachten Garten Eden kommt dem Buben eine Idee: »Hinten ist noch offen, man muss nur den Draht wegmachen.« Das findet Oma gar nicht lustig: »Der Paradiesgarten hat keine Hintertür.«
Fritze mag es nicht glauben. Immer wieder wird er nach Hintertüren suchen, und immer wieder landet der Held von Friedmar Apels Roman »Das Buch Fritze« dabei auf der Nase: als Schulschwänzer, Fußballer, Liebhaber, Dealer und Erzähler, als V-Mann, Bauzeichner, Versicherungsvertreter und Vater**. Nicht einmal im Gefängnis macht Fritze eine gute Figur. Bloß kesse Sprüche hat er jederzeit parat.
Seltsamer als der tragikomische Verweigerer ist eigentlich nur, wer ihn erfunden hat: ein gestandener Literatur-Professor in Bielefeld, der gelegentlich Rezensionen für die »Frankfurter Allgemeine« schreibt, vor allem aber viel Gelehrtes über Goethe, Kleist oder zum Thema »Deutscher Geist und deutsche Landschaft« verfasst hat.
Davon lässt sich Friedmar Apel, 54, bei seinem gewitzten Erzähldebüt allerdings kaum etwas anmerken - schon gar nicht, dass er sich dienstlich momentan hauptsächlich in so genannten Strukturkommissionen damit plagen darf, wie der Lehrplan endgültig bürokratisiert werden kann.
Lustvoll und listig blättert er auf, was Fritzes Notizhefte erzählen: Die Geschichte »von einem, der versucht hat, dem Leben zu halten, was es ihm versprochen haben will«. Wie dieser Satz die Maßstäbe umkehrt, dreht auch Fritze jeden Spieß am liebsten so lange um, bis er sich wieder auf ihn selbst richtet.
Im stockkatholischen Eichsfeld, gleich hinter der noch jungen Zonengrenze, beginnt diese Quertreiber-Existenz; fromme Floskeln werden Fritze bis zuletzt durch den Kopf gehen. Schon bald freilich darf das Kind nach Familienabsprache in den Westen fliehen. Mutter liebt den Wodka, Vater redet vom »inneren Schweinehund«, den man besiegen müsse. Vergebens:
Fritze isst Brotsuppe, und ihm wird schlecht, und er bricht in den Teller. Was rauskommt, sieht genauso aus, wie was drin ist, fällt kaum auf, sagt Fritze. Die Geschwister kichern, und es hagelt Ohrfeigen, und der Vater sagt, das ist ja widerlich, und Fritze soll in die Küche an den Katzentisch.
Zwischen dem Zigeunermädchen Ramona vom Rummelplatz, der Schwedin Lena, zu der er unabgemeldet nach Göteborg trampt, und Genia ("Redet schlau daher, aber ist flach wie ein Brett, sagt Fritzes Mutter") stolpert der Antiheld unerschrocken ins Leben. Schon die Schulzeit allerdings endet im Desaster, nachdem Fritze sämtliche Oberstufen-Klassenbücher fachmännisch und dekorativ im Parkteich versenkt hat.
Zwölf »Stationen« des Schicksals verzeichnen die angeblichen Notizhefte, und jede wird untermalt vom Echo der vielen Sprachklänge, die ein gewitztes Kind so aufschnappt: Volksliedfetzen, ein medizinisches Gutachten, Märchentöne und Mörike-Verse, Songzeilen wie »Die Zeit des Zögerns ist vorbei« von den Doors und eine Gebrauchsanleitung zum Kiffen, all das formt sich zu einem komisch-lakonischen Puzzle der Nachkriegsjahrzehnte.
Fritze fährt mit der Oma nach Berlin, damit sie mal rauskommt. Bei der Grenzkontrolle in Marienborn hat die Oma Angst. Haben Sie Waffen dabei, fragt der Grenzer. Wieso, sagt Fritze, braucht man die hier. Da kommt der Alexander TS in den Schuppen und wird durchsucht.
Fast schon logisch, dass es in Berlin mit dem Abitur ebenso wenig klappt. Erst lässt sich Fritze ausgerechnet mit der Vermietersfrau ein, dann zeigt ihm das Hippiemädchen Mirja die Liebe in freier Natur, aber auch die Freuden von LSD und anderen neuartigen Genussmitteln. Nach Murphys Gesetz, dass die schlimmste denkbare Wendung immer auch eintritt, wird er prompt erpressbar, muss den Heroinkurier spielen und landet als Drogen-Wrack bei den entsetzten Eltern.
Zur Karikatur verkommt der Schelm dennoch nie. Noch als lethargischer Schmerzens-Hausmann ("Morgens ein Joint, und der Staubsauger ist dein Freund"), der sogar der eifrigen Suchttherapeutin das Wort im Munde umdreht, verdient sich Fritze schmunzelndes Mitleid und die Hoffnung, irgendwie werde er vielleicht noch die Kurve kriegen.
Das Wunder bleibt natürlich aus - dafür ist es Apel mit seiner Parodie auf Hiobs Leiden und den Kreuzweg denn doch zu ernst. Ganz mag der Sprachjongleur es eben nicht verhehlen, dass sein umgekippter Bildungsroman bei allem Jokus auch als Bilanz gemeint ist: Seine Mär vom traurigen Schlingel porträtiert Deutschland schärfer als manch ein dickes Geschichtsbuch. JOHANNES SALTZWEDEL
* Szene aus dem Film »Rote Sonne« von Rudolf Thome (1969) mitUschi Obermeier (l.).** Friedmar Apel: »Das Buch Fritze«. Suhrkamp Verlag, Frankfurtam Main; 192 Seiten; 7 Euro.