ZEITGESCHICHTE »Heftige Reaktionen«
SPIEGEL: Herr Niemann, warum wollen Sie Finkelsteins provokantes Buch, in dem er behauptet, der Holocaust werde von jüdischen Organisationen eigennützig vermarktet, trotz öffentlicher Proteste herausbringen?
Niemann: Der Piper Verlag ist ein Forum, das die Möglichkeit zur Diskussion bieten will. Das heißt nicht, dass wir immer mit der Ansicht unserer Autoren übereinstimmen. Soweit sie aber debattierwürdige Thesen vertreten, so wie es Finkelstein unserer Meinung nach tut, sehen wir keinen Grund, uns irgendeinem Druck zu beugen.
SPIEGEL: Es geht ja nicht nur um Finkelsteins Thesen. Sein Buch wird auch wegen etlicher sachlich-historischer Fehler angegriffen.
Niemann: Ich räume ein, dass es Schwächen bei der Korrektheit einiger seiner Belege gibt. In der deutschen Ausgabe werden wir faktische Fehler korrigieren. Vielleicht ist auch die eine oder andere seiner Thesen überspitzt, aber wie will man sonst eine Debatte in Gang setzen? Schlimmer als alles andere ist doch eine Phantom-Debatte ohne Buch. Im Übrigen zeigen die heftigen Reaktionen, dass Finkelstein einen wunden Punkt getroffen hat.
SPIEGEL: Haben Sie nicht Angst, dass das Buch gerade jetzt, im Klima wachsenden Fremdenhasses, Beifall von der falschen Seite bekommt?
Niemann: Den kann man nicht ausschließen. Aber die Öffentlichkeit hat doch ein Recht auf kontroverse Bücher, über die sie diskutieren will.