Held oder Karrierist - DER SPIEGEL
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LITERATUR Held oder Karrierist

• aus DER SPIEGEL 31/2009
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Das Stechen in den Augen könnte ein Zeichen sein, ein Hinweis darauf, dass sich hinter der Diplomatenfassade ein Gewissen regt. Konrad Weber, die Hauptfigur von Nora Bossongs zweitem Roman, wird von der Vergangenheit eingeholt, als er in den fünfziger Jahren zurück in den diplomatischen Dienst will. Während des Zweiten Weltkriegs war Weber als Botschaftsrat im deutschen Generalkonsulat in Mailand in undurchsichtige Geschäfte verwickelt. Da gab es dubiose Kurierfahrten und gefälschte Pässe, die Juden zur Flucht verhalfen. War Weber ein Lebensretter, ein selbstloser Held? Oder erinnert ihn das Stechen in seinen Augen an andere Verstrickungen? Dieser Weber, so stellt sich im Lauf der Handlung heraus, ist jedenfalls nicht verrückt, »nicht lebensmüde oder nur so weit, wie man ihn dazu zwingt«.

Nora Bossong, 27, erzählt in »Webers Protokoll« eine Geschichte von Moral und Widersprüchen. In zahlreichen Rückblenden und Perspektivwechseln nähert sie sich der Vergangenheit. Erstaunlich ist die Fülle des Materials, das die Autorin auf ihrer Zeitreise verarbeitet: Da sind Webers Mailänder Jahre, mit sonnenbebrillten jungen Nazi-Gestalten, dann die junge Bonner Republik, in der es wenig Raum für Misstrauen, dafür aber rauschende Empfänge gibt, und schließlich Webers neues Leben als Legationsrat der deutschen Botschaft beim Vatikan. Farbenfroh, aber etwas verrätselt, entspinnt sich die Geschichte. Wohltuend ordnend wirken die Passagen, in denen die Erzählerin als Handelnde auftritt. Im Zwiegespräch mit einem »Uralten«, einem ehemaligen Diplomaten und Zeitgenossen Webers, ringt die Nachgeborene um Deutungshoheit: War Weber ein guter Mensch, weil er Gutes tat? Oder werden Wohltaten in schwierigen Zeiten aus Zufällen geboren? Dann wäre Moral, wie der Uralte meint, nichts weiter als ein »Register von Etiketten, die Sie und Ihresgleichen auf Ihnen fremde Erinnerungen kleben«. Es ist der Wettstreit dieser beiden Positionen, der dem Roman Spannung und Glaubwürdigkeit verleiht.

Nora Bossong: »Webers Protokoll«. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main; 288 Seiten; 19,90 Euro.

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