Himmlische Fügung - DER SPIEGEL
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KUNST Himmlische Fügung

Der Videokünstler Christian Jankowski hält Schafe für ideale Museumsbesucher. Trotzdem darf er nun seine Kunst auf der New Yorker Whitney Biennale zeigen.
• aus DER SPIEGEL 11/2002
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Manchmal wirkt er wie ein Stefan Raab der Kunstszene: So ließ er Zollbeamte Nationalhymnen vorsingen, und er lud auch schon mal einige Paare in ein Pornostudio - damit sie dort, zwischen Schrankwänden und Velourscouch, Szenen aus Sexfilmen nachspielten und anschließend über ihre eigene Beziehung debattierten.

Als er 1999 an der Biennale von Venedig teilnehmen durfte, fragte er kurz vorher im italienischen Fernsehen zur besten Sendezeit bei TV-Wahrsagerinnen nach: Welche Kunst er denn ausstellen solle, um beim Publikum gut anzukommen?

Christian Jankowski, 33-jähriger Videokünstler aus Berlin-Mitte, gilt in der internationalen Kunstszene als genialischer Spaßvogel - als Mann, dessen Ausstellungen »so zynisch wie ein angetrunkener Kunstprofessor« seien, wie der »Tagesspiegel« lobte. Nun hat der Berliner einen neuen Coup gelandet: Er ist als einziger deutscher Künstler zur renommierten Whitney Biennale in New York geladen, die sich lange als Überblicksschau zur amerikanischen Kunst verstand*.

Jankowskis Videofilmbeitrag, wie alle seine Werke hinterlistig mehrdeutig, handelt allerdings auch sehr amerikanisch vom ganz großen Entertainment: In »The

Holy Artwork« spielt der - echte - Baptistenpfarrer Peter Spencer aus Texas die Hauptrolle. Der Geistliche, der seine Messen regelmäßig im Fernsehen übertragen lässt, quasselt so schnell wie der Late-Night-Star David Letterman und wirkt mindestens ebenso telegen. Für Jankowski predigte Spencer besonders euphorisch vor einer andächtig zu ihm aufschauenden Gemeinde - und pries netterweise alle Künstler des Planeten als »große Schöpfer«.

Es sei ja eine »geradezu himmlische Fügung« gewesen, den talentierten Mr. Spencer gefunden zu haben, schwärmt Jankowski. Den Pfarrer habe er »sehr ernst genommen, wirklich«, und außerdem erstaunliche Parallelen zwischen Kunst und Kirchen-TV entdeckt. Die wichtigste: »Die Konkurrenz ist groß - und alle müssen sich ihr Publikum erkämpfen.«

Die New Yorker Kuratoren schwärmen, dass Jankowski »zugleich ein Kunstwerk und die Doku-

mentation einer realen Fernsehmesse gelungen ist« - und das, ohne die fromme Gemeinde aus San Antonio zu verprellen.

Wahrscheinlich wusste in Texas kaum jemand, welchen Schabernack der Künstler Jankowski sonst so mit seiner Kamera treibt. So präsentierte er vor ein paar Wochen im englischen Sheffield einen Haufen Schafe als angeblich verzauberte Museumsbesucher - und schickte die blökenden und köttelnden Viecher durch eine Kunstausstellung.

Für Schafe habe er sich entschieden, weil die als lammfromm und unschuldig gelten, sagt Jankowski: »Kann es eine bessere Voraussetzung geben, um Kunst zu betrachten?«

Wie wär''s mit ein wenig Verstand?

Jankowski beschäftigt sich nicht nur in seinen Filmen gern mit Exhibitionisten und Bluffern, sondern mitunter scheint es auch, als beherrsche gerade er selbst virtuos die Kunst der geschickten Inszenierung: Ob und über wen genau er sich in seinen Werken lustig macht, bleibt meist offen.

Als er im vergangenen Jahr dem Regisseur des Kinofilms »Viktor Vogel - Commercial Man« erlaubte, Ideen aus seiner Videokunst zu verarbeiten (etwa die Jagd mit Pfeil und Bogen im Supermarkt), durfte er im Gegenzug das Filmmaterial verwenden und mit den Schauspielern eigene Szenen drehen: »Wann kriegt man schon Götz George dazu, über die Grenzen der Darstellbarkeit in der bildenden Kunst zu philosophieren?«, fragt der Künstler. Der Kinofilm war zwar ein Flop, Jankowskis Video-Kunst-Version aber verkaufte sich bestens.

Überhaupt schätzt der Mann seine Fähigkeit, sich auf dem Kunstmarkt zu behaupten, mittlerweile so hoch ein, dass er einen - natürlich zutiefst ironischen - »Schulungsfilm« für Nachwuchskünstler gedreht hat.

Doch vermutlich weiß Jankowski selbst am besten, dass auch das beste Training keine Erfolgsgarantie ist.

Denn als er vor zwei Jahren in der engeren Auswahl für den ersten Berliner Preis der Nationalgalerie für junge Kunst war, der so etwas wie ein deutscher Turner-Preis sein will, verkalkulierte er sich: Für die Ausstellung der Preis-Kandidaten im Museum Hamburger Bahnhof verwendete er einen Teil des Budgets dazu, Profi-Redenschreiber zu engagieren. Die hielten schon vor der Preisverleihung auf jeden Teilnehmer eine gleichermaßen jubilierende wie überzeugende Laudatio.

So viel blasphemische Ironie kam bei den Juroren nicht gut an. Den Scheck über 100 000 Mark erhielt ein anderer - der Maler Dirk Skreber.

JULIA FRIEDRICH, ULRIKE KNÖFEL

* 7. März bis 26. Mai im Whitney Museum, New York.

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