meinung •Lesetherapie Ich suche ein Buch…
»Die Welt macht mich so müde, dass ich am liebsten mein Bett nicht mehr verlassen und nur noch schlafen möchte.« Schon als tendenziell traniges Kind war eine meiner liebsten fiktiven Figuren die schlafende Haselmaus aus »Alice im Wunderland«, die bei der verrückten Teegesellschaft des Hutmachers immer wieder wegduselt und sich in ihrem Schlummer auch dann nicht stören lässt, als Hutmacher und Märzhase sie als Armstütze verwenden, ihr heißen Tee über die Nase gießen und sie schließlich ziemlich grob in die Teekanne stopfen. Lernen können wir von der Haselmaus, so sympathisch sie auch ist, allerdings nur, dass man sich besser vorher genau anschaut, mit wem man sich zu Küchlein und Tee niederlässt.
Arno Lam
Martina Hefter
Die Gewinnerin des Deutschen Buchpreises schreibt über betrogene Betrüger.
SPIEGEL BESTSELLER ist als Beileger der SPIEGEL-Ausgabe 48/2024 erschienen.
Hilfreicher ist bei Weltfatigue der Roman »Mein Jahr der Ruhe und Entspannung« von Ottessa Moshfegh. Wir begegnen darin einer jungen Frau, die in den frühen Nullerjahren höchst privilegiert in New York lebt und trübe gestimmt ist: Ihre Eltern sind tot, ihre giftige Beziehung vorbei, sie ist unzufrieden mit sich und der Gesamtsituation. Sie sehnt sich nach einem gründlichen Detox, und statt sofort eine fünftägige Saftkur anzutreten, wie es die jungen, privilegierten Frauen auf Instagram bei solchen Maläsen gern tun, will die Erzählerin ein ganzes Jahr so weit wie möglich im Tiefschlaf zubringen, als sei sie ein Bär in großzügig verlängerter Winterruhe.
Nach dieser Radikalpooferei, so hofft sie, würde sie ihrer Schlafstätte sicher mental entknittert und körperlich frisch aufgeladen entsteigen. Sämtliche erlittenen Traumata hätte sie weggeratzt, die nervöse Grundkonstitution resettet: »Ich brauchte meinen Schlaf, um wie eine leere Leinwand zu sein, ein Neuanfang.«
Zieht man die eher unangenehmen Selbstoptimierungsvibes ab, klingt der freiwillige Dauerschlaf erst einmal nach einer plausiblen Form des existenziellen Protests: Auf eine immer drastischere Welt kann man schließlich nur mit drastischen Manövern reagieren. Allerdings hält auch der Schlaf die Wirklichkeit nicht verlässlich aus dem Bewusstsein: Während die Erzählerin mittels eines selbst zusammengestellten Medikamentenmix von wattiger Mattigkeit in wirre Halluzinationen und wieder zurückkippt, wühlt sich ihr Geist beständig durch vergrabene Erinnerungen und Gefühle: »Schlafen fühlte sich produktiv an. Da wurde etwas sortiert. Tief in meinem Herzen wusste ich – das war möglicherweise das Einzige, was mein Herz damals wusste –, dass es mein Schlaf war, der mich heilen würde. Der mich neu machen würde.«
Man kann der Erzählerin wirklich nicht unterstellen, dass sie sich nicht alle Mühe gegeben hätte, aber am Ende ihres geplanten Ruhejahres muss sie anerkennen, dass eine vollumfängliche verschlafene Weltflucht nicht zu machen ist. Sie erwacht ähnlich verwirrt, wie man sich nach einem versehentlich komplett vernickerten Sonntagnachmittag im überheizten Wohnzimmer bei den Eltern fühlt und feststellt, dass man jetzt noch die ganze Erdkunde-Hausi machen muss. Den Belastungen des Lebens kann man nicht davondösen, das ist die unerfreuliche Lehre aus dem verlegenen Jahr. Oder, um es mit Buffy, der Vampirjägerin zu sagen, die von ihren resurrektionistischen Freunden ungebeten aus ihrem nur vermeintlich ewigen Schlaf im kühlen Grab gerissen wurde: »Das Schwierigste auf dieser Welt ist, darin zu leben.«
Das sind nun leider schlechte Neuigkeiten. Als gut gemeinten Ersatz für jahrelanges Schlafen empfehle ich Magnesium und Vitalpilze.
Anja Rützel schläft gern und gut. Als Einschlafhilfen empfiehlt sie Tarot-YouTube-Videos und das Hörspiel »Barbies Party am Strand«.