AUTOREN »Immer mir nach!«
Handke, der Amokläufer: »Gäbe es das scheußliche, das falsche Lachen nicht in meinem Land, könnte ich mich mit meinem Land versöhnen. Könnt ihr nicht endlich anders lachen lernen?« Sein heimlicher Wunsch: »Endlich einen von euch Witze-Erzählern erschlagen« - so notiert in Österreich, Juli 1983.
Handke, der Friedliebende: »Die Erde mit den Bäumen und Felsen in der Sonne: die Erde will nicht, daß wir Krieg führen« - Isonzo, Oktober 1983.
Handke, der Voyeur (an der Côte d''Azur): »Dankbar betrachte ich jene eine junge Frau, die ihre Brüste verborgen hält, und lasse die nackten Busen gelten an denen, die nichts mehr zu verlieren haben«.
Handke, der Schwätzer: »In Betrachtung des Schnees sich zum Schneemann erweitern«.
Handke, verächtlich: »So zerstörerisch, Frau, bist du, weil du ohne Abgrund bist«.
Handke, auftrumpfend-selbstkritisch: »Ich brauche niemanden und verdiene keine Liebe«.
In dieser Woche erscheint unter dem Titel »Am Felsfenster morgens« die vierte Lieferung Handkescher Zumutungen und Offenbarungen, eine neue Sammlung tagebuchähnlicher Fragmente und Skizzen aus den Jahren 1982 bis 1987, einer Zeit, da der in Kärnten geborene Autor, zusammen mit seiner Tochter Amina, in Salzburg lebte*. Das mehr als 500 Seiten umfassende Buch enthält Tausende solch intimer, irritierender, irrlichternder Prosabruchstücke und endet mit dem Abschied von Österreich (zugleich dem Schulabschluß des Mädchens). Peter Handke, 55, wohnt heute in der Nähe von Paris.
Wenn er jetzt diese mehr als zehn Jahre alten, vornehmlich um die eigene Person kreisenden Notate nachreicht, so könnte das auch eine indirekte Reaktion auf die herbe Kritik an seinem publizistischen Einsatz für die serbische Seite im Balkankrieg sein. Der seit seiner Polemik »Gerechtigkeit für Serbien«, jener »Winterlichen Reise« nebst »Sommerlichem Nachtrag« (beide 1996), heftig umstrittene Autor zeigt sich einmal mehr in seinen Widersprüchen, in
* Peter Handke: »Am Felsfenster morgens (und andere Ortszeiten 1982 - 1987)«. Residenz Verlag, Salzburg; 544 Seiten; 58 Mark.
seinen Verzagtheiten, Verletzlichkeiten und Selbstzweifeln, in Größenwahn und Verrücktheit; das alles ungeschützt und, wenn man ihm glauben darf, weitgehend unbearbeitet, ohne nachträgliche Selbstzensur.
Seht her, so bin ich! So scheint er sagen zu wollen. Nehmt mich ganz oder gar nicht! Was für andere das Handy in der Jackentasche ist, sind für ihn auf allen Wegen Stift und Papier ("Gefühl der Vollständigkeit"); die Bleistifte nennt er seine »getreuen Knappen«, das Notizbuch seine »Taschen-Uhr«.
Die flüchtige Notiz kultiviert Handke schon seit seinem Journal »Das Gewicht der Welt« (1977). Diesem Buch folgten zwei weitere dieser Art, an die das »Felsfenster« nun chronologisch anschließt: »Die Geschichte des Bleistifts« (1982) und »Phantasien der Wiederholung« (1983).
Daß da einer seine Aufzeichnungen zunächst als Ideensammlung für Erzählungen oder Theaterstücke begonnen hatte, sie dann aber plötzlich nicht mehr »in einen Zusammenhang« bringen wollte, sondern Spaß an ihnen fand, sie für sich stehen ließ und ohne Absicht zur literarischen Weiterverarbeitung fortsetzte, das verstörte viele Kritiker. Da war von der »Beliebigkeit« dieser Skizzen die Rede, von »himmelschreienden Banalitäten«, »unfruchtbar«, »langweilig«, »wirklichkeitsleer« wurde die Prosa genannt.
Dabei ist der Autor innerhalb der neueren Literatur deutscher Sprache in bester Gesellschaft. Von Rolf Dieter Brinkmann (1940 bis 1975) und Elias Canetti (1905 bis 1994) über Peter Rühmkorf bis hin zu Botho Strauß: eine einzige Abkehr von der zusammenhängenden Geschichte, protokolliert in fragmentarischen Aufzeichnungen, in Tage- und Notatbüchern, die gewissermaßen an die Stelle der nicht geschriebenen Romane und Erzählungen treten.
Die Haltung der Autoren schwankte und schwankt dabei zwischen Gelassenheit und Verzweiflung. »Der Prozeß des Schreibens hat etwas Unendliches«, notierte der weise Canetti ("Das Geheimherz der Uhr"). Was man als »endgültig« aufschreibe, sei es am wenigsten. Vielleicht habe gerade das Unsichere und Flüchtige - »durch sein Fehlendes« - Bestand.
In Brinkmanns postum publizierten Tagebüchern, die er selbst eine »Montage aus springenden Gedanken und flackernden Bildern« nannte, ist die selbstquälerische und ergebnislose Suche nach dem »Romananfang« ebenso zu verfolgen wie in Rühmkorfs penibel ausgearbeitetem Journal »Tabu I« (1995), das, einst als Materialsammlung für einen geplanten »Zeitroman« angelegt, durchaus als »Suche nach dem verlorengegangenen Erzählfaden« (Rühmkorf) zu begreifen ist.
Wo der eine Autor vor der Aufgabe des Romans vergnügt resigniert, hadert der andere - wie Botho Strauß ("Paare, Passanten") - mit der Lust am täglichen Notieren. Das Journal, so Strauß, sei in seiner Formlosigkeit nur dem Alptraum vergleichbar.
Es ist ein altes Lied. Schon dem jungen Robert Musil erschien zu Beginn dieses Jahrhunderts das Tagebuch als die »bequemste, zuchtloseste Form«. Er befürchtete, daß man eines Tages überhaupt nur Tagebücher schreiben werde, »da man alles andere unerträglich findet«. Katherine Mansfield nahm sich 1916 vor: »Keine Romane, keine Problemgeschichten, nichts, was nicht einfach, offen wäre«. Sie wolle ein Notizbuch führen, um es eines Tages zu veröffentlichen: »Das ist alles.«
Während Kafka an seiner Tagebuch-Sucht verzweifelte ("Ich verbrauche mich sinnlos") und Thomas Mann, selbst disziplinierter Diarist, einem jungen Kollegen zur Abstinenz gegenüber der »Tagebuch-Selbstgenügsamkeit« riet, begeisterte sich André Gide geradezu für »das Lebendige, Impulsive, Unangemessene, Unvermittelte und Unverfälschte« des unmittelbaren, gewissermaßen unüberlegten Notats - wenn ein Gedanke sich nicht einmal die Zeit nimmt, wie Gide formulierte, »sich die Schuhe anzuziehen, ehe er davonläuft«.
Kein Zweifel, daß in diesem Jahrhundert die Aufzeichnungen, die Arbeits- und Reisejournale, die privaten Mitschriften, die Skizzen und Entwürfe vom Rande der Literatur ins Zentrum gerückt sind. Die klare Trennung zwischen Werk und Notiz, an der noch das Herz Thomas Manns hing, scheint aufgehoben zu sein. Das reine Tagebuch, das als Privatsache geführt und allenfalls im Nachlaß gefunden wurde, zählt schon zur Ausnahme. Mischformen bestimmen das Bild, Ausgefeiltes findet sich neben rasch Hingeworfenem.
Die Romantiker wollten das Fragment zur eigenständigen literarischen Gattung - neben Lyrik, Drama und Roman - erheben: Es sollte, so die Idealvorstellung Friedrich Schlegels, »gleich einem kleinen Kunstwerk von der umgebenden Welt ganz abgesondert und in sich selbst vollendet sein wie ein Igel«.
Ob nun Journal, Skizzenheft, »Ideenmagazin« (Kleist) oder - wie Peter Handke es nennt - »Augenblicks-, Stunden- und Tages- (oder Nacht-)Sammlungen": Gemeinsam ist all diesen Aufzeichnungen, daß in ihnen die Frage nach ihrem Verhältnis zu den traditionellen Formen der Literatur unentwegt verhandelt wird. Es bleibt ein Paradox: Einerseits ist das zusammenhängende Erzählen von Geschichten weitgehend aufgekündigt worden, andererseits scheint die Frage vorzuherrschen, ob und wie eine Erzählung heute noch aussehen könnte.
Auch in Handkes »Am Felsfenster morgens« ist - wie bei den drei Vorläufern - immer wieder davon die Rede. Als Erzähler möchte der Dichter kein »Verschlinger der Wirklichkeit« sein, vielmehr versteht er sich als »lyrischer Epiker«, den es zwar zum Erzählen dränge, »aber ohne Geschichte«. Für ihn sind die meisten Romane oder Erzählungen heute »ein Mißbrauch der Phantasie«.
Als das Jahr 1982 zu Ende geht ("wieder einmal der 31. Dezember"), fühlt Handke in sich »das Versprechen, die Verpflichtung, zu Werken«. Doch gleich zu Beginn des neuen Jahres, nachts in Verona, nimmt er sich vor: »Hüte dich vor dramatischen Formen.« Jeder Satz dürfe nur ein Tupfer sein. In immer neuen Anläufen und Annäherungen werden quer durch das Buch Qual und Lust des Erzählens erwogen. Während das »verknüpfende, epische« Schreiben ihn als Autor erschöpft, möchte er, der »Meister der Dämmerung«, gern »die Sprache der Welt« sprechen, jene »der Sonne, der Blumen, der Vögel, der Luft«.
Und er ist fleißig in seinem Haus auf dem Salzburger Mönchsberg. Handke vollendet während der gut fünf hier protokollierten Jahre vier zum Teil längere Erzählungen. Das Notatbuch hat also - anders als Rühmkorfs »Tabu«-Buch - nicht so sehr Ersatz- als Begleiterfunktion. Die Figuren aus den entstehenden Büchern tauchen darin so selbstverständlich auf, als wären es alte Freunde.
Immer wieder wird hautnah spürbar, wie anfällig und empfindlich die Handkesche Produktion ist. Nur »aus der äußersten Einsamkeit heraus« sei es ihm möglich, episch zu schreiben, nur »aus dem äußersten und hintersten Winkel« einer Einsamkeit, die ihn zugleich schütze. Der Anspruch an sich selbst ist schwindelerregend: »Verfehle ich die Form, so verfehle ich das Leben« - eine radikale Devise.
Hat er es auch eine Nummer kleiner? Gleich neben dem die Schrift betreffenden Pathos steht finsterer, bisweilen auch ulkiger Groll gegenüber jeder Störung. Durch sein »hirnrissiges Zeitunglesen« etwa verbanne er sich »aus dem weiten Land der Erzählung«, die Folge davon sei ein »Schrumpfherz«, ein »welker, schwerer, blutleerer Beutel«, überhaupt entfalle ihm beim Zeitunglesen »augenblicks« alles, »worüber ich mich gerade noch gefreut habe«. Und so dringt von der Welt draußen, der Welt der Nachrichten, Meinungen und Informationen, kaum ein Hauch in die Welt seiner Poesie, auch nicht in das jetzt veröffentlichte Journal.
Und wenn sich doch ein Echo auf das Tagesgeschehen findet, dann leicht irreführend. Offenbar am 18. Februar 1985 stößt Handke auf einen Bericht über ein während des Falklandkriegs im Mai 1982 von den Briten versenktes argentinisches Kriegsschiff. »Die 368 Toten der Belgrado« - das empfindet er als »Inschrift«, die ein Aufmerken erfordert. Doch abgesehen davon, daß es etwas weniger Tote waren, als die Meldung angab: Der Name des Schiffes war »Belgrano«.
Der Krieg ist als unterschwellige Drohung und frühkindliche Erinnerung stets präsent in Handkes Aufzeichnungen. Er, »im Krieg geboren«, erinnert sich daran, im Mai 1963 seine erste Erzählung überhaupt nach der Entdeckung eines ehemaligen unterirdischen Bunkers bei Graz geschrieben zu haben. Und wenn er Landkarten betrachtet, die Ortsnamen liest, verspürt er das Bedürfnis, gut zu sein, und er hat die Sehnsucht, »daß Friede herrsche«.
Ein kindlicher Blick? Für Handke kann das kein Vorwurf sein, er empfindet sein Schreiben geradezu als »Probe auf meine Kindlichkeit«, es bedeutet für ihn nichts anderes als »entzifferndes Wiederfinden der Kindheit«. Alles Ironische ist ihm verhaßt, bei »Th. B.« (Thomas Bernhard) etwa empfindet er es als »eine Art Verrohung«.
Immer wieder wandert er durch das noch große Jugoslawien, macht regelmäßig Abstecher in die Karstlandschaft, bis nach Italien. Am Rande des Karstes ist ihm »Europa als Schlachtfeld der Geschichte« besonders präsent - lange vor dem Ausbruch des Krieges auf dem Balkan. Im April 1983 notiert er in Ljubljana: »Allerschönst« seien die Augen der Menschen im Frieden. Und während der Arbeit an der überwiegend in Slowenien spielenden Erzählung »Die Wiederholung« (1986), also lange vor jeder erkennbaren Sezessionsabsicht der Slowenen, fragt er sich, ob es nicht auch deren Stärke sei, »keinen Staat zu bilden, kein Staatsvolk sein zu wollen« - als läge die Bedrohung schon in der Luft. Vier Jahre nach Abschluß des Journals wird er seine kleine Schrift »Abschied des Träumers vom Neunten
* 1996 im Wiener Akademietheater während einer Diskussion über den Balkankrieg.
Land« veröffentlichen, seine ganz persönliche »Erinnerung an Slowenien«.
»Licht und Luft, wie sie wechseln von Gegenstand zu Gegenstand: so möchte ich es, Hunderte lichte und luftige Seiten lang, beschreiben und erzählen können« - das ist sein heiliger Wunsch, und er weiß, daß die Aufzeichnungen nur ein Ersatz sein können. Dennoch gelingen ihm auch hier meisterhafte kleine Genrebilder, kurze Szenen, Beobachtungen.
Etwa: »Ein winziges Kind, auf dem Dreirad, brüllte: ,Immer mir nach!'' Aber niemand folgte ihm« - steckt da nicht sogar eine kleine selbstironische Wendung drin?
Bücher wie »Am Felsfenster morgens« sind ein reines Minderheitenprogramm - weder reißt hier der Strom der Erzählung mit, noch hat es da einer auf blitzende Einsichten, funkelnde Formulierungen abgesehen. Es ist ein mühsames Geschäft, diesen kleinen Prosabrocken zu folgen, kaum am Stück zu erledigen.
Gewiß hätte es nicht schaden können, das Programm etwas zu beschränken, die Seitenzahl zu reduzieren (rund drei Viertel seiner Aufzeichnungen will Handke vorher herausgekürzt haben), andererseits lebt eine solche Sammlung auch von Banalitäten und Beliebigkeiten, in denen sich unvermittelt ein Riß auftun kann. Oder wie es Max Frisch angesichts des eigenen Tagebuchs einmal formulierte: Man könne »eine Blöße« nicht kürzen, kürzen könne man höchstens »den Mut zur Blöße«.
Überraschend bleibt am Ende, wie frisch sich diese Notizen aus der Zeit vor der Wende von 1989/1990 lesen. Offenbar erweist sich in Zeiten des Umbruchs und einer ungewissen Zukunft gerade die Skizze als das Stabile, das Tragende. Peter Handke läßt sich ohnehin von den »Sprachgewandten«, zu denen er sich erklärtermaßen nicht rechnet, wenig irritieren. Zur Not erscheint ihm eben, wie einst Rilke in Duino, ein Engel, der ihm zuruft: »Diese dort haben die Rede; du aber hast, hin und wieder, das Wort« - wer wollte da widersprechen?
* Peter Handke: »Am Felsfenster morgens (und andere Ortszeiten1982 - 1987)«. Residenz Verlag, Salzburg; 544 Seiten; 58 Mark.* Versenkung des argentinischen Kriegsschiffes »Belgrano« imMai 1982; serbische Soldaten bei Vukovar 1991.* 1996 im Wiener Akademietheater während einer Diskussion überden Balkankrieg.