Jeanne Moreau: Die selbstbestimmte Frau - DER SPIEGEL
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Jeanne Moreau: Leinwandstar und Männerschwarm

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Zum Tode von Jeanne Moreau Die Selbstbestimmte

Moreau galt als eine der großen Charakterdarstellerinnen Frankreichs, die ein Gespür für herausragende Rollen und Regisseure hatte. Nun ist sie im Alter von 89 Jahren verstorben.
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Sie war immer präsent, auch wenn man die Augen schloss. Ihre Stimme. Jeanne Moreau hatte eine dieser markant-rauen Stimmen, die mit Zigaretten gepflegt und im Alter immer besser werden. Die Stimme war aber nur eines ihrer Markenzeichen, das andere: Ihr außergewöhnliches Gesicht, ausdrucksstark, sinnlich und abgeklärt zugleich. Jeanne Moreau war in doppelter Hinsicht begnadet.

Der internationale Durchbruch gelang ihr mit dem Film "Fahrstuhl zum Schafott" (1958) von Louis Malle, der als Beginn der Nouvelle Vague gilt. In Frankreich war sie zu diesem Zeitpunkt längst eine gefeierte Theaterschauspielerin, hatte Erfolge sowohl am experimentellen Theatre National Populaire von Jean Vilar als auch am Broadway gefeiert.

Verblüffend schnell war sie, die 1928 in Paris als Tochter einer britischen Tänzerin und eines Gastwirts zur Welt kam, zum Star der Comédie-Francaise geworden, einem der fünf Nationaltheater Frankreichs. Mit 20 Jahren war sie das jüngste Mitglied in der Geschichte des Theaters. Doch schon drei Jahre später kündigte Moreau bei der Comédie-Francaise, schlug einen Fünf-Jahres-Vertrag mit dem Filmstudio Paramount aus und arbeitete ab 1952 am Theatre National Populaire, das sie jedoch auch wieder nach kurzer Zeit verließ.

Der Skandalfilm

Dann kam das Kino, dann kam Louis Malle, der mit "Fahrstuhl zum Schafott " (1958) zum ersten Mal diese einzigartige Moreau-Mischung, die kühle Distanziertheit und subtile Erotik verband. Mit leerem Blick, in dem doch alles zu brodeln schien, schickte er sie durch Paris, auf der Suche nach dem Liebhaber, der für sie ihren Ehemann umbringen sollte.

"Fahrstuhl zum Schafott" begründete den Mythos "la Moreau", der durch den zweiten gemeinsamen Film mit Malle, "Die Liebenden" (1958), noch bestärkt wurde. "Die Liebenden" löste einen Skandal aus, weil Moreau als Mutter und Ehefrau ihre Familie für einen jungen Mann verließ - und weil sie dabei gezeigt wurde, wie sie einen Orgasmus hat.

Moreau scherte sich nicht um den Skandal. Sie wählte ihre Rollen genau aus und bewies untrügliches Gespür. Nach "Die Liebenden" folgte eine Zusammenarbeit von Weltrang auf die nächste: Mit Truffaut in "Jules und Jim" (1962). Mit Michelangelo Antonioni in "Die Nacht". Mit Orson Welles in "Der Prozess". Mit Luis Buñuel in "Das Tagebuch einer Kammerzofe". Die Liste ist schier endlos, Moreau spielte in insgesamt 120 Filmen mit.

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Jeanne Moreau: Leinwandstar und Männerschwarm

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Ihre Neugier auf Grenzüberschreitungen, ihre Offenheit für neue Entwicklungen im Film trieben Moreau voran. Sie sagte einmal: "Nostalgie ist, wenn du willst, dass die Dinge immer gleich bleiben. Ich kenne so viele Menschen, die an der gleichen Stelle bleiben. Und ich denke, mein Gott, schau sie dir an! Sie sind tot, bevor sie überhaupt starben." Stillstand kam für sie nicht infrage.

Der Gesang in den Filmen

Sie lehnte es ab in die "Reifeprüfung" die Mrs. Robinson zu spielen, arbeitete stattdessen Jahre später lieber mit Rainer Werner Fassbinder. In "Querelle", der Geschichte, die auf dem Roman von Jean Genet basiert und um den Matrosen Georges Querelle kreist, spielte sie Lysiane, eine Bordellbesitzerin. Unvergessen der Moment, als sie für die fast schon prophetisch "Each Man Kills the Things He Loves" sang. Immer ein bisschen schief, aber auf eine Art, wie nur Jeanne Moreau es singen kann. Imperfekt, rau und charmant zugleich: Das machte den Reiz aus, weil Moreau es schaffte, Intimität dadurch herzustellen.

Überhaupt der Gesang. Immer wieder machten sich Regisseure dieses zweite, große Talent zu Nutze. In "Jules und Jim" sang Moreau "Le Tourbillon", in "Viva Maria" gemeinsam mit Brigitte Bardot "Paris", in "Lisa" mit Marion Cotillard "L'homme D'amour". Düster und sexy, verraucht und zart, alles war diese Stimme zugleich. Francois Truffaut soll über sie gesagt haben: Sie habe alle Attribute einer Frau und auch alle Vorzüge eines Mannes, ohne seine Fehler zu haben. Diese Ambiguitäten gab sie auch ihren Chansons mit. Moreau veröffentlichte auch als Sängerin Songs und erhielt 1964 den Grand Prix du Disque.

Ihr Gespür für gute Rollen befreite Frauen weltweit, so hieß es, weil Moreau immer etwas riskierte. Sie wagte es, Frauen zu spielen, die mit Konventionen brachen, die sich nicht mit dem gemachten Nest zufriedengaben. Frauen, die voller Erotik waren, dabei aber nicht gefällig, sondern selbstbestimmt. Frauen mit Macht, egal ob Nonne, Königin oder Puffmutter. Etwas, das auch für Jeanne Moreau selbst galt. Sie war nie verlegen, in Interviews über ihre Affären und Ehen zu sprechen, über ihre Sexualität, über Selbstbestimmung. "Alles, was ich habe, wollte ich", solche Sätze scheute sie sich nicht zu sagen. Oder auch: "Ich bin intelligent, aber ich bin keine Intellektuelle."

Mehr als nur Femme fatale

Ob sie da nicht mit ihrem eigenen Anspruch kokettierte? Wie kaum eine Frau in der männlich dominierten Filmbranche wurde sie für ihre Cinephilie bewundert und geehrt. Gleich zweimal führte sie in Cannes die internationale Jury an, sowohl 1975 als auch 1995, eine Ehre, die niemand Zweitem bislang zuteilgeworden ist.

Bei der 50. Berlinale im Jahr 2000 bekam Jeanne Moreau mit 70 Jahren einen Goldenen Bären. Ihr gelinge es, "die Verkörperung des Ewig-Weiblichen mit der 'verruchten' Ausstrahlung einer 'femme fatale' zu kombinieren und das Spannungsfeld zwischen beiden Polen auszuloten", sagte Berlinale-Direktor Moritz de Hadeln damals.

Dabei hatte Moreau immer mehr zu bieten als nur das "Femme fatale"-hafte, als nur das erotische Spannungsfeld zu bedienen. Sie begann in den Siebzigerjahren, nachdem sie den Regisseur William Friedkin ("Der Exorzist") heiratete, selbst als Regisseurin zu arbeiten und realisierte 1978 ihren ersten Film: "L'adolescente", den sie auch mitschrieb. 22 Jahre später absolvierte sie dann am Theater ihr Regiedebüt mit dem Stück "Wit" der US-Amerikanerin Margaret Edson am Théâtre Vidy in Lausanne. Und ein Jahr später wurde sie als erste Frau überhaupt in die von König Ludwig XIV. gegründete Académie des Beaux-Arts aufgenommen.

Moreau blieb immer aktiv, sie blieb immer der Schauspielerei treu - bis auf eine kurze Pause. 2001 spielte sie in "Diese Liebe" die französische Schriftstellerin Marguerite Duras, die eine Freundin von ihr war. 2005 drehte sie mit Francois Ozon "Die Zeit die bleibt", 2009 "Visage" von dem taiwanesischen Regisseur Tsai Ming-Illiang und 2015 "Das Talent meiner Freunde" von Alex Lutz.

Nun ist Jeanne Moreau im Alter von 89 Jahren in Paris verstorben, sie hinterlässt einen Sohn, Jérôme. Sie wird fehlen. Diese Stimme, dieses Gesicht.

Arte zeigt am Montagabend um 20.15 Uhr "Tagebuch einer Kammerzofe" und um 21.45 Uhr "Jules und Jim"