Interview mit Tom Hanks "Früher oder später wird ein Film mit mir floppen"
SPIEGEL ONLINE:
Mr. Hanks, man kennt Sie als den netten Kerl von nebenan. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, einen Auftragskiller zu spielen?
Tom Hanks: Ich bin ein ebenso egoistischer, selbstbezogener und eitler Schauspieler wie alle anderen auch. Ich möchte immer Dinge machen, die ich noch nie zuvor gemacht habe. Ich habe keine Lust auf die Standard-Tom-Hanks-Rolle, was immer das sein mag.
SPIEGEL ONLINE: Was würden Sie denn als typische Tom-Hanks-Rolle definieren?
Tom Hanks: Ich weiß noch, als das "Scott und Huutsch" war. Gott sei Dank stecke ich nicht mehr in dieser Ecke. Man kann einfach nur so und so oft Mr. Charming spielen, bevor man in Selbsthass zu verfallen droht.
SPIEGEL ONLINE: Also doch der Wunsch nach einem Image-Wandel?
Tom Hanks: Ich glaube nicht, dass ich gegen mein Image ankämpfen könnte. Schauen Sie sich dieses Plakat an: Da bin ich überlebensgroß, und jeder weiß, wer ich bin. Tatsache ist, ich spiele einen Killer. Das scheint, als würde ich mein Image sprengen. Gerade das macht es so interessant. Wenn die Menschen mir das nicht glauben, wenn es mir als Schauspieler nicht gelingt, dass man mir das abnimmt, dann bin ich verdammt.
SPIEGEL ONLINE: Sind Sie denn tatsächlich so stinknormal wie Sie wahrgenommen werden?
Tom Hanks: Normal ist eine Einstellung auf der Waschmaschine. Ich bin interessant und vorbildlich in mancherlei Hinsicht und ein erbärmlicher Versager auf anderen Gebieten. Insgesamt ergibt das im Gleichgewicht vielleicht normal. Ich habe nicht besonders viele Muskeln, ich sehe weder besonders gut aus noch bin ich stark oder schnell. Ich wirke wie ein Durchschnittsbürger. Das heißt aber nicht, ich könnte nicht als Astronaut zum Mond fliegen oder als Soldat einen Strand der Normandie stürmen. Oder auf eine einsame Insel verschlagen werden. Wenn ich irgendeinen Vorteil als Schauspieler habe, dann den, dass ich ein Typ bin, der irgendwie durchschnittlich wirkt. So kann ich durchschnittliche Menschen in außerordentlichen Situationen spielen.
SPIEGEL ONLINE: Nun spielen Sie zum ersten Mal einen Killer. Haben Sie nicht mal gesagt, sie würden nur die Guten spielen wollen?
Tom Hanks: Nicht ganz. Ich sagte, ich würde nur einen Bösewicht spielen, wenn ich seine Motivationen verstehen kann. Es wäre uninteressant für mich, Darth Vader zu spielen oder den großen Oberschurken in einem Bond-Film, der die Welt mit einen genialen Plan vernichten will. Ich habe keine Lust, jemanden zu spielen, der einfach nur böse ist. Da gibt es keine Überraschungen.
SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie geglaubt, dies wäre der richtige Part für Sie?
Tom Hanks: Ich habe diesen Typen verstanden. Ich habe verstanden, was er durchmacht. Das einzige, was man glaubhaft machen musste war, dass die Leute Angst vor mir haben. Ich habe einen ehrenwerten Mann gesehen, der versucht, seine Familie zu beschützen, der seiner Verantwortung gegenüber seinem Vater und seinem Sohn gerecht wird. Auch wenn er manchmal losgeht und Menschen mit einem Kopfschuss hinrichtet. Ich habe verstanden, warum er das getan hat, und dass er nicht einfach nur so abgedrückt hat
SPIEGEL ONLINE: Er drückt aus Rache ab. Können Sie das auch verstehen?
Tom Hanks: Ich bin alles andere als ein rachlustiger Mann. Ich bin ein großer Vergeber. Ich ziehe größere Befriedigung daraus, jemanden anzurufen und zu sagen: Mach dir keine Sorgen, es ist schon okay. Das heilt, und ich fühle mich wohl. Ich vergebe lieber, statt Rache zu üben. Aber wenn jemand meiner Familie etwas antun würde, kann ich mir wie alle den Wunsch vorstellen, jemanden dafür bezahlen zu lassen. Für mich ist Rache allerdings nicht der richtige Begriff, eher Vergeltung. Rache ist persönlicher, beinahe egoistisch. Rache übt man, um ein Gefühl der Selbstzufriedenheit herzustellen, Vergeltung hat eine etwas nobleren Beiklang: Im großen Schema von Gottes Plan muss sich jeder seiner Strafe stellen.
SPIEGEL ONLINE: Sie sind berüchtigt dafür, keine Mühen für die Vorbereitung einer Filmrolle zu scheuen. Wie viel Mühen haben Sie hier auf sich genommen?
Tom Hanks: Die Kleidung war sehr schwer, in Chicago war es schweinekalt und wir haben ständig nachts um drei gedreht. Ein scheußlicher Dreh. Aber das kennt jeder Schauspieler. Ich glaube, ich hätte diesen Film nicht drehen können, wenn ich nicht selbst Vater wäre. Welcher Vater liegt nicht nachts wach und denkt darüber nach, ob seine Kinder ihm jemals die Fehler, die er macht, verzeihen werden? Wenn ich über so was nachdenke, sehe ich immer Situationen, in denen ich meine Kinder vernachlässigt habe - wenn ich nicht da war, um ihnen beim Umzug ins College zu helfen, wenn ich unterwegs war und einen Geburtstag versäumt habe, wenn ich sie anschrie ohne wirklichen Grund, nur weil ich meine zweite Tasse Kaffee noch nicht getrunken hatte.
SPIEGEL ONLINE: Das ist ja schrecklich deprimierend.
Tom Hanks: Viele Leute gehen abends ins Bett und belohnen sich, indem sie darüber nachdenken, wie viel Gutes sie an diesem Tag getan haben. Ich gehe zu Bett und überlege mir, was ich heute alles versaut habe und wem ich Unrecht getan habe.
SPIEGEL ONLINE: In diesem Film mussten Sie einen furchtbar altmodischen Schnauzer tragen. Was sagt eigentlich Ihre Frau zu ihren Verwandlungen?
Tom Hanks: Sie ist alles andere als entzückt. Wir haben daheim lauter Fotos an den Wänden hängen, mit den bizarrsten Formen, die ich für verschiedene Rollen angenommen habe. "Verschollen" war der Gipfel für sie, sie hat es gehasst, und meine Kinder auch. Wenn ich 30 Kilo abnehme, das ist eine andere Sache. Aber wenn ich fett oder haarig werden muss, das ist ganz schwierig. Der Schnurrbart war auch nicht so toll, aber es war ja nur so ein trauriger kleiner Schnauzer... Leider hat sie kein Mitspracherecht. Ich drücke ihr meine Entscheidungen recht erbarmungslos auf.
SPIEGEL ONLINE: Werden Sie erneut eine Regiearbeit abliefern?
Tom Hanks: Nein, um ehrlich zu sein, habe ich nicht vor, in nächster Zeit Regie zu führen. Ich habe zwar den nötigen Arbeitsethos, aber die große Vision, die natürliche Fähigkeit des Regisseurs fehlt mir.
SPIEGEL ONLINE: Als Schauspieler sind Sie der erfolgreichste Filmstar Hollywoods. Jeder ihrer Filme in den letzten zehn Jahren war ein Kassenhit. Wie haben Sie das gemacht?
Tom Hanks: Ich habe einfach ein paar kluge Allianzen mit guten Leuten geschlossen. Sie haben immer die richtigen Entscheidungen getroffen. Und ich war stets interessiert an guten Filmen.
SPIEGEL ONLINE: Haben Sie keine Angst, irgendwann zu scheitern?
Tom Hanks: Ich bin mir sogar völlig sicher, dass ich scheitern werde. Das ist garantiert. Filme sind wie ein binärer Code: Ein Film ist entweder eine Null oder eine Eins. Bislang konnte ich genügend Einsen treffen, Filme, die sich die Menschen ansehen wollen. Aber früher oder später wird ein Film mit mir floppen. Und alle werden entgeistert fragen: Was ist bloß passiert? Er war doch immer so clever, und jetzt schau ihn dir an, diesen Klugscheißer.
SPIEGEL ONLINE : Trotzdem heißt es, Sie hätten fantastische Chancen als Präsidentschaftskandidat. Würden Sie sich aufstellen lassen?
Tom Hanks: Vielleicht auf den Philippinen.
Das Interview führte Nina Rehfeld