"Es kommt der Tag": Der Deutsche Herbst als Familienhölle
RAF-Drama mit Iris Berben Mutter, das Gespenst
Als Rollenmodell für den Widerstand macht sie auch jenseits der 50 eine tadellose Figur. Den Blick energisch auf den Gegner gerichtet, die Faust in den Himmel gereckt, die Haare trotzig zerzaust - so demonstriert Judith (Iris Berben) gegen den Anbau von genmanipuliertem Mais in ihrer Gegend. Bei der kleinen Umweltschutz-Initiative im Elsass ist man stolz auf die Kämpferin. Als am Tag nach der Demo die Zeitungen Bilder von ihr drucken, sagt ein Mitstreiter: "Dich machen wir zu unserem Covergirl."
Doch Ökowinzerin Judith ist nicht scharf darauf, dass ihr Konterfei mannigfach reproduziert wird. Vor 30 Jahren war sie schon mal eine Art Covergirl - da prangte ihr Gesicht auf deutschen Fahndungsplakaten. Als Mitglied der zweiten RAF-Generation war sie Ende der siebziger Jahre in den Untergrund gegangen; bislang hat sie niemand aufgestöbert. Nur 30 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt lebt sie mit ihrem französischen Mann und ihren halbwüchsigen Kindern auf einem malerisch verwitterten Weingut: der Traum jedes Alt-Spontis.
Doch angelockt von den Demo-Bildern steht auf einmal diese wütende deutsche Studentin vor ihrer Tür: Alice (Katharina Schüttler) ist gekommen, um sich zu beschweren - über ihre kaputte Kindheit und über Judiths Verlogenheit. Im Gepäck hat die Besucherin Tatortfotos von Leichen, die auf das Konto der Ex-Terroristin gehen sollen. Alice ist Judiths Tochter, die einst auf dem Weg in den bewaffneten Widerstand zurückgelassen wurde. Nun setzt sie die Mutter unter Druck: Sie soll sich gefälligst zum Kind bekennen - und somit auch zur eigenen Geschichte. Um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen, legt Alice das halbe Weingut in Schutt und Scherben.
Wo waren Sie, als in Deutschland gemordet wurde?
Die Randaliererin in "Es kommt der Tag" ist nicht die erste, die im Kino gegen das Schweigen der alten Rotarmisten wütet. Erst im Juni lief leider erfolglos Connie Walters Schuld-und-Sühne-Drama "Schattenwelt" an, in dem eine junge Frau, deren Vater einst ermordet wurde, einem haftentlassenen Terroristen mit der Pistole im Anschlag zusetzt: Er soll endlich mit der ganzen Wahrheit über den Tathergang herausrücken.
Egal ob Opfer- oder Täterkind - dem öffentlichen Krieg, den einst die Alten mit anzettelten, haben die Jungen nur noch einen höchst privaten Terror entgegenzusetzen. Vielleicht aber machen die Kids bloß auf ihre Art mit einem alten Leitsatz des linken Widerstands ernst: Das Private ist politisch. Das wäre doch eine geradezu süße Rache an der Elterngeneration. Denn natürlich sind diese brachial geführten Auseinandersetzungen in der kleinen sozialen Zelle namens Familie, so wie sie jetzt die allerjüngste Generation von RAF-Filmen zeigt, radikalisierte Stellvertreteraktionen für eine Diskussion, die in der Öffentlichkeit immer noch schleppend und schamvoll geführt wird: Wo waren Sie, als in Deutschland gemordet wurde? Eine ganz generelle Frage, die mit den jüngsten Ermittlungen gegen das ehemaligen RAF-Mitglied Verena Becker neue Dringlichkeit bekommen hat.
Zugegeben: Sowohl "Schattenwelt" als auch "Es kommt der Tag" gehen dramaturgisch nicht ganz auf; um die direkte Konfrontation von Jung und Alt herbeizuführen, hat man hier wie dort extrem wackelige Szenarien entwickelt. Kann denn etwa Alice bei ihrer Privatrecherche in Sachen Mutter einen Spürsinn aufbringen, der dem gesamten deutschen Polizeiapparat abgeht?
Doch abgesehen von solch uneleganten Erzählkniffen: Beide Filme stellen den ernsthaften Versuch dar, den Deutschen Herbst aus dem Hier und Jetzt zu verhandeln und aus dem fiktiven Einzelfall in den höchst realen Konflikt der Generationen zu führen. Wie Regisseurin Susanne Schneider in "Es kommt der Tag" die Ex-Terroristin und ihre Tochter zwischen Milchkaffee, Hasenfrikassee und anderen Selbsterzeugerköstlichkeiten bis zur Zerfleischung um historische Wahrheiten ringen lässt, das ist die zugespitzte Situation eines Familienstreits zwischen arrivierten 68ern und ihrem Nachwuchs.
Schizophrenie bis an die Schmerzgrenze
Bezeichnend ist die Verteidigungsstrategie der Alt-Linken Judith: Erst wirft sie der Jungen vor, nicht zu wissen, was es heißt, bis zur Selbstaufgabe für die eigenen Ideale zu ringen, dann versucht sie ihr spätes bürgerliches Glück zu legitimieren.
Iris Berben legt für dieses Selbstverleugnungstheater eine Feinnervigkeit an den Tag, die man ihr schon nicht mehr zugetraut hätte. Zuletzt hatte sie ja für die staatstragend eindimensional in Szene gesetzten Familienchroniken "Buddenbrooks" und "Die Krupps" eher gusseiserne Patriarchinnen gegeben, hier aber agiert sie in ihrem Zaudern und Zubeißen, in ihrem Rasen und Runtermachen sehr viel risikobereiter.
In den Argumenten der fiktiven Terroristin und Mutter schwingen die alten Welterklärungsmuster der realen Terroristinnen und Mütter Meinhof und Ensslin mit, die einst bei ihrem Weg in den Untergrund mit der "bürgerlichen Scheiße" auch den Nachwuchs zurückließen. Bei Judith klingt das dann so: "Mit Kindern kann man doch nicht kämpfen, mit Kindern ist man erpressbar." Erstaunlich, wie sie zwischen rabiatem Kombattantentonfall und Muttertierzärtlichkeiten wechselt. Eine Schizophrenie bis an die Schmerzgrenze: Die Familie in ihrem neuen Leben wird beschützt, die Tochter aus dem alten Leben als Bedrohung wahrgenommen. Sie weckt sogar die alten Fluchtinstinkte.
Es braucht nur einen Blick auf das von Alice mitgeführte Fahndungsplakat aus dem Deutschen Herbst, schon ist Judith wieder in ihrem alten Film: Springt ins Auto, rast ziellos drauf los und nimmt an einer Autobahnraststätte per Münzsprechautomat Kontakt mit alten Mittelsmännern auf, die ihr beim Abtauchen helfen sollen. Dem arg versöhnlichen Ende zum Trotz - für ihr Kind bleibt sie die Frau vom Fahndungsplakat, ein Phantom ohne feste Identität: Mutter, das Gespenst.