Russell Crowe in "72 Stunden": Wunder im Pullunder - DER SPIEGEL
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Familienthriller "72 Stunden": Wilder Professor

Foto: Kinowelt

Russell Crowe in "72 Stunden" Wunder im Pullunder

Mit Plauze und Revolver: Russell Crowe verwandelt sich für "72 Stunden - The Next Three Days" vom Pädagogenspießer in einen Gewaltverbrecher. Eine furiose Metamorphose - die den Kleinfamilienthriller von Oscar-Preisträger Paul Haggis über einige logische Bocksprünge hinwegrettet.
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Übernehmen die Pullunderträger nun endgültig die amerikanischen Drogenküchen? Nachdem in der gefeierten TV-Serie "Breaking Bad" ein krebskranker Chemielehrer ein Crystal-Meth-Labor in seine Gewalt gebracht hat, um die Zukunft seiner unterversicherten Familie zu sichern, räumt in dem Kinofilm "72 Stunden" ein weiterer Pädagogenspießer in der Unterwelt auf: In einer der gewalttätigsten Szenen des Selbstermächtigungshrillers dringt John Brennan (Russell Crowe), Literaturdozent in Pittsburgh, mit frisch erworbener Handfeuerwaffe in eine Dealer-Festung vor, um dort die Drogengelder einzukassieren.

Dass gleich zwei Leichen zurückbleiben und das gesamte Gangsterloch in Flammen aufgeht, ist ein Kollateralschaden, den der humanistische Professor für sein Ziel in Kauf nimmt. Schließlich geht es ihm um die Rettung der heiligen amerikanischen Kleinfamilie: Seine Frau (Elisabeth Banks) sitzt wegen eines Mordes im Gefängnis, den sie nicht begangen hat, eine Revision des Falles scheint ausgeschlossen. Das gemeinsame Kind mag der Mutter schon keinen Kuss mehr geben.

Was also bleibt dem Geistes- und Familienmenschen Brennan anderes übrig, als sich eine Parallelidentität als Gewaltverbrecher zu erspinnen, der über die kriminelle Potenz verfügt, seine Gattin aus dem Hochsicherheitsknast rauszuhauen? Und die Reisekosten für die aufwendige Flucht begleicht er eben mit den erbeuteten Drogengeldern. Der Plot erinnert über Strecken an die Ausbrecherserie "Prison Break", wo der Held ebenfalls in die moralische Grauzone gerät, als er die Flucht seines inhaftierten Bruders vorbereitet. Das jüngere amerikanische Fernsehen und Kino liebt positive Helden, die den Zuschauer sanft, aber bestimmt auf die andere Seite des Gesetzes ziehen.

Und manchmal hilft diesen Helden sogar ihre Liebe für klassische Literatur dabei, so wie in "72 Stunden" dem Collegedozenten Brennan, denn bei der Metamorphose vom Biedermann zur Brandschleuder liefert ihm ausgerechnet die Figur des Don Quijote wichtige Reflexionhilfe. "Was wäre", fragt der Prof seine Studenten in einer Szene, "wenn wir uns entschließen, ganz in einer selbst erdachten Welt zu leben?"

Vom Feingeist zur Brechstange

Ritte Cervantes' tragikomischer Held seine Attacken gegen Windmühlen in der heutigen Zeit, wäre er wahrscheinlich ein regelmäßiger Besucher des Internets. Lässt sich dort doch einfach die Welt erschaffen, die den eigenen mentalen Bedürfnissen entspricht: Google dir deine Wirklichkeit! Der Akademiker Brennan stellt sich jedenfalls erstmal über die Suchmaschine ein kleines Kompendium für den Verbrechenseinsteiger zusammen. Er findet heraus, wie man Türen aufbricht und Schlüsselimitate anfertigt; er lernt, wie man Pässe und Arztbefunde fälscht.

Schließlich treibt er übers Netz auch noch die Adresse eines Ausbrecherkönigs auf (Liam Neeson), der ihn für eine Tasse Kaffee und eine Handvoll Dollar erklärt, worauf es bei der Flucht ankommt: In 15 Minuten muss man die inneren Stadtgrenzen passiert haben; die Homeland Security könne innerhalb dieser Spanne den Kern einer Metropole hermetisch abriegeln.

Dass ausgerechnet der tapsige Kopfmensch Brennan in einer körperlichen Tour de force die hochgerüsteten Sicherheitsbehörden austricksen könnte, ist natürlich eine extrem gewagte Annahme. Dass später auf der Flucht dann auch noch Zeit bleibt für melodramatisch zugespitzte Diskussionen mit der befreiten Gattin, bringt das Erzählkonzept schließlich gänzlich ins Wanken.

Überhaupt: Was hat ausgerechnet Paul Haggis dazu getrieben, den kleinen französischen Direct-to-DVD-Thrillerböller "Ohne Schuld" als starbesetztes und großbudgetiertes Remake (das in den US-Kinos durchfiel) in Szene zu setzen? Lieferte Haggis als Regisseur doch mit "L.A. Crash" 2004 ein kunstvolles, verschlungenes und oscar-überhäuftes Nachtpanorama und mit "Im Tal von Elah" 2007 das erste starke, US-kritische Irak-Heimkehrerdrama Hollywoods. Als Drehbuchautor war er indes für den charakterlichen Umbau James Bonds vom ironischen Schlitzohr zum grimmigen Superhelden verantwortlich, der mit dem 007-Newcomer Daniel Craig 2006 in "Casino Royale"vollzogen wurde.

Vielleicht war es nun die Verwandlung vom Feingeist zur Brechstange, die den Thrillerdramenexperten Haggis an "72 Stunden - The Next Three Days" gereizt hat. Dass man dem Film trotz arger Plausibilitätslücken folgen mag, liegt allerdings alleine an Russell Crowe, der hier den Ritter von der traurigen Gestalt im besten Sinne Cervantes' gibt und dafür in einem aberwitzigen Ego-Twist zwei seiner erfolgreichsten Rollen kombiniert: die des linkischen Nobelpreisträgers John Nash aus "A Beautiful Mind" und die des Haudraufs in "Gladiator".

Plauze unterm Lambswoolpullover, Pistole in der Hand: Crowe hat bei allen Schwächen dieses Kleinfamilienkrimis und Kassenflops gute Chancen, mit "72 Stunden" als puscheligster Rächer in die Geschichte Hollywoods einzugehen.

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