"Star Wars"-Fankultur Skywalker ist eine Gurke
Der Schöpfer hat die Kontrolle längst verloren. Die Geschöpfe haben sich selbständig gemacht, das Universum franst an den Rändern aus, die Mythologie ist zum Volksglauben geworden. Aber der Kampf geht weiter. Längst schon kann George Lucas nicht mehr überblicken, was an den entlegeneren Orten, in den entfernteren Epochen seines Star-Wars-Universums passiert. Das Personal, die Ideologie und die Geschichte seiner Schöpfung sind zur Grundlage von globalen Parallelwelten geworden, in denen immer wieder Gut gegen Böse kämpft - und das Gute nicht immer siegt. So gibt es zahllose Webseiten mit "Fan-Fiction" von Hobbyautoren. Man kennt dieses Phänomen auch von anderen künstlichen Welten, aber die "Star Wars"-Fans gehen in ihrem Eifer weiter als alle anderen. Und sie schreiben nicht nur.
"Star Wars"-Fanfilme sind keine Handkamera-Projekte in Dogma-Optik, sondern hochglanzpolierte Produkte , perfekt gestaltet vom Kostüm bis hin zum kleinsten technologischen Detail. Die unendlichen Weiten des Weltraums werden längst von jenen durchstreift, die mit digitalen Animationswerkzeugen umgehen können. Wo Lucas in den Siebzigern noch aufwendige Plastikmodelle durch blau verhängte Studios schwenken ließ, sorgt heute leicht verfügbare Software für atemberaubende Action im All - in einigen Fällen inzwischen mit dem offiziellen Segen von Meister Lucas.
Die dunkle Seite der Farm
Die Fanfilmer halten sich meist sklavisch ans straffe Korsett der Lucas'schen Welt und sehen den Wert ihrer Schöpfungen vor allem in ihrer nahtlosen Einfügbarkeit in die Geschichte von Imperium, Republik und Rebellen. Andere gehen weniger pfleglich mit dem Vorbild um – und zeigen, wie flexibel das Grundthema des Kampfes der Guten gegen die Bösen sich dem jeweiligen Zweck anpassen lässt.
In "Grocery Store Wars" etwa kämpfen gute, biologisch dynamische Lebensmittel gegen die dunkle Seite der "Farm", die mit Bestrahlung und Gentechnik die Herrschaft über die Speisepläne übernehmen will. Luke Skywalker ist eine Gurke, Darth Vader eine Kartoffel - und das ganze wirbt für "organic food". Das Spiel mit den Zeichen funktioniert auf Anhieb, "Star Wars" ist nahezu unbegrenzt zitierbar, akustisch, visuell und narrativ. Ob Lichtschwerter, Tie-Fighter oder Pelzmonster - die Symbole der Lucas-Welten sind so sehr ins popkulturelle Bewusstsein eingebrannt, dass auch ein Stengel Broccoli sofort als Wookiee zu erkennen ist, wenn er nur die richtigen Geräusche macht.
Noch aktiver sind die eigentlichen Bewohner der "Star-Wars"-Welten: die Spieler. "Star Wars"-Rollenspiele gibt es seit langem, aber erst im Internet - das während der Entstehung der ersten drei Filme noch gar nicht existierte - entfalten sie ihre identitätsstiftende Macht in vollem Umfang. Die Zahl der unterschiedlichen "Star-Wars"-Spiele ist kaum noch zu überblicken. Jedis und Yodas treten auf Spielkonsolen, PCs und im Netz gegen- und miteinander an.
Darth Vader inspiziert die Truppen
Im Online-Rollenspiel "Star Wars Galaxies" etwa schlüpfen weltweit Menschen in die Gestalt von Ärzten, Händlern, Kopfgeldjägern und Jedi-Rittern, die ein gewaltiges virtuelles "Star Wars"-Universum bevölkern. Der Spielmechanismus ist oft kritisiert worden, weil er den Spieler dazu zwingt, höchst repetitive Aufgaben immer wieder zu erfüllen, um voranzukommen. Aber "Star Wars Galaxies" hat eine treue Fangemeinde.
So treu, dass es manchmal durchaus beunruhigend sein kann. So gibt es eine Gruppe von Spielern, die sich unter dem Namen Alpha Company seit über einem Jahr regelmäßig online zum Exerzieren trifft – als imperiale Sturmtruppe. Das sind die froschgesichtigen Krieger mit den weißen Plastikmasken, das Lichtschwertfutter des Imperiums. An sich die unterste Stufe der sozialen "Star Wars"-Hierarchie - und dennoch gibt es viele Fans, die sich im wirklichen Leben und online als Stormtrooper verkleiden, um für die böse Sache zu kämpfen.
Nach monatelangen Übungen auf dem virtuellen Kasernenhof hatten die Betreiber von "Star Wars Galaxies" ein Einsehen mit den intergalaktischen Pfadfindern von der Alpha Company. Weil selbst das Spiel für derart authentisch-sinnlose Betätigung keine Belohnung vorsieht, schickte man stattdessen den obersten Dienstherren der Sturmtruppen vorbei: Darth Vader persönlich entstieg einem Raumschiff, inspizierte die Truppen, sprach ein paar angemessen finstere Worte und entschwand wieder. "Verdammt, bin ich neidisch", kommentierte ein Teilnehmer des Gamer Forums "The Corporation" diese bizarre Form von Kundenbindung. Ein Bild von dem einschneidenen Ereignis schmückt noch heute die Webseite der Alpha Company. Offenbar tut es gut, zu den Besten der Bösen zu gehören - die Anziehungskraft der Dunklen Seite ist ungebrochen.
"Verneige dich, Nigger"
Um den Sieg des Guten geht es dagegen in "Bow, Nigger" , zu Deutsch "Verneige dich, Nigger!", einem Stück Computerspiel-Journalismus, das in der weltweiten Gamer-Gemeinde für Aufsehen gesorgt hat. Der in einem Blog platzierte Artikel ist die subjektive Beschreibung eines Online-Kampfes, Mann gegen Mann, Lichtschwert gegen Lichtschwert, ausgetragen in dem Spiel "Jedi Knight II" (JK II). Das Verneigen ist ein Ritual, das nicht die Entwickler, sondern die Spieler in JK II eingeführt haben: Treffen zwei Online-Fechter in dem Spiel aufeinander, bekunden sie einander mit einer Verbeugung ihren gegenseitigen Respekt. Der Autor Ian Shanahan schreibt: "Ich fand das albern, als ich es zum ersten Mal sah. Dann sah ich, dass es alle machten. Und dann fühlte ich mich albern, weil ich es nicht machte."
Shanahan spielt einen Jedi mit schwarzer Haut - und wird deshalb von seinem offenbar auf Provokation ausgerichteten Gegner mit der getippten Aufforderung "Bow, Nigger" zugleich herausgefordert und beleidigt. Um sich nicht auf dessen "Niveau herabzubegeben", lässt Shanahan seine Spielfigur mit dem Namen "AlwaysBlack" tatsächlich den Kopf neigen - und wird währenddessen angegriffen, gegen den informellen Ehrenkodex der JK-II-Gemeinde. Seine Spielfigur ist schwer verletzt, "nur noch 5 Lebenspunkte, fast schon tot". Es geht also ums Überleben. Und darum, sich gegen einen zu wehren, der den sozialen Konsens aufgekündigt hat.
Der Inhalt - ach, der
In der Beschreibung des darauffolgenden Duells vermischen sich Informationen über den Spielmechanismus, Reflexionen über realen und virtuellen Rassismus und ein höchst analytischer Bericht über die Emotionen, die die tödliche Auseinandersetzung auslöst: "Dies ist nicht einfach ein triviales Spiel, das man in einem Moment der Muße spielt, dies ist ein echter Kampf Gut gegen Böse. Er hat nichts mit 'Star Wars' oder Jedi-Rittern oder irgendetwas im Zusammenhang mit der Spielmechanik zu tun. Ich habe mich an die Regeln gehalten und er nicht, das macht mich zu einem 'Guten' und ihn zu einem 'Bösen'. Aber dies ist real, in dem Sinn, dass man nicht vorhersagen kann, wer gewinnen wird."
"Bow, Nigger!" wird als Vorbote eines neuen Spielejournalismus gefeiert, einer Berichterstattung jenseits von Bildschirmauflösungen und Polygonzahlen. Kurz vor dem Start der definitiv letzten Episode von "Star Wars" jedoch zeigt der Text vor allem eins: Der Inhalt des neuen Films ist für das verzweigte, ständig wachsende Paralleluniversum, das aus einem schlichten Science-Fiction-Film aus den Siebzigern hervorgewuchert ist, fast ohne Belang. Das Imperium hat seine Kinder längst in die Freiheit entlassen.