Krösus in der Klemme - DER SPIEGEL
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MUSIK Krösus in der Klemme

Spekulationen um Geldnöte des steinreichen Opernmäzens Alberto Vilar alarmieren die Musikszene. Trotz hoher Verluste will der Wohltäter »alle Zusagen erfüllen«.
Von Klaus Umbach
• aus DER SPIEGEL 34/2002
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Schon die Ferres gesehen, die neue Buhlschaft in ihrer altrosa Drapage? Na, eine Bombe? Im Ernst: Kann die Norman noch singen? Hat Harnoncourt den »Don Giovanni« im Griff? Der Thielemann den »Tannhäuser«? Und wie denken Mosi und Merkel über die Seinsfragen der Saison, wie Thomas Gottschalk, Joachim Kaiser, Johannes Rau?

Die Kunst, wie wunderbar, kennt kein Sommerloch. Ob am Mönchsberg in Salzburg, auf Bayreuths Grünem Hügel oder einem anderen Gipfel der Erbauung - allüberall spielen Schöngeister Scharfrichter, und im Feuilleton rollen Köpfe. Heißa, die Hochkultur hat ihre Hundstage.

Die Manager der Branche indes - Festspielpräsidenten, Intendanten, Kassenwarte - haben ein Problem. Mit Argwohn beobachten die Führungskräfte der weltweiten Klassikszene derzeit jene schlanke, distinguierte Erscheinung, die in Salzburg und Bayreuth wieder regelmäßig ihrem Stammplatz - erste Reihe rechts außen - zusteuert. Und alle fragen sich: Geht dieser Mann am Stock?

Offensichtlich nicht mehr. »Seit ein paar Wochen«, sagt Alberto Vilar, 61, könne er sich »endlich wieder ohne Krücke bewegen«. Noch macht er sich mit seinem durch eine implantierte Metallplatte gestützten Rücken etwas ungelenk auf den Weg der Besserung, aber er fühle sich »wie neu geboren«. Ein Comeback.

Vilar ist schmal geworden, die Nase noch spitzer als früher. 30 Pfund habe er abgenommen. Schuld war die Crux mit seinem Kreuz, die Bandscheibe. Drei chirurgische Eingriffe. Anschließend voll gepumpt mit Medikamenten. Dann die eitrige Perforation der Gallenblase. Noch eine Operation, die vierte in 16 Monaten; Intensivstation. Er stand, im November letzten Jahres, auf der Kippe, »es ging um Leben und Tod«.

Alles in allem war der Broker Vilar ein Jahr lang außer Gefecht, ein Jahr nicht in seinem Office und, viel schlimmer für ihn, ein Jahr in keinem Opernhaus. Wo er doch sonst 150-mal im Jahr im Musiktheater sitzt und daneben noch 50 Konzerte besucht.

Dass er wieder auf den Beinen ist, sehen die Verwalter der Klassikszene mit herzlicher Erleichterung, nicht zuletzt aus Eigennutz. Denn Vilar ist für sie wichtig, ach was: einzig. Er ist nämlich reich, steinreich. Und gleichzeitig ist er verrückt nach Mimis und Traviatas, nach Kavatinen und Kantilenen und nach den symphonischen Jumbos von Bruckner und Mahler - verrückt genug, um dafür Unsummen springen zu lassen: in vier Jahren allein 225 Millionen Dollar für Oper, Ballett und Orchester. »Mit ziemlicher Sicherheit«, staunte Jakob Augstein in der »Süddeutschen Zeitung«, »hat auf diesem Planeten nie ein Mensch mehr Geld für Musik bezahlt als dieser Alberto Vilar.«

Für die Ausstattung von Bayreuths neuem »Tannhäuser« hat er über eine Million Dollar spendiert. Die sündhaft teure Salzburger »Turandot« ist laut Dankadresse der Festspielleitung nur »durch seine großzügige finanzielle Unterstützung ermöglicht« worden, auch das eine satte, siebenstellige Zuwendung.

Ohne Scheck von Vilar hätte letzte Woche nicht das ganze Orchester der New Yorker Met samt Chefdirigent James Levine und Startenor Plácido Domingo in Salzburg antreten können. Er hat die 50 wichtigsten Orchestermanager aus aller Welt nach Schloss Leopoldskron bei Salzburg geladen und sie dort über den globalen philharmonischen Status ratschen lassen, Rechnung zu seinen Lasten.

Fast zeitgleich wurde an Schloss Arenberg eine Messingtafel zu seinem Ruhm enthüllt: Hier, im künftigen »Alberto Vilar Zentrum für Kunst und Wissenschaft«, werden ab 2004 die Wiener Philharmoniker musikalischen Nachwuchs ausbilden und US-Ärzte ihre Kollegen aus Osteuropa in moderner Medizin unterweisen. Da will Vilar 30 Millionen Dollar reinbuttern, mal eben so.

Doch schon werden hinter den Kulissen Unkenrufe laut, Vilar sei klamm; in der Gerüchteküche werden toxische Häppchen angerichtet: trau, schau, wem! Sogar zu den Gazetten ist Schlimmes durchgesickert: »Festspiele zittern um Dollar-Millionen«, melden die »Salzburger Nachrichten«, Vilar sei »momentan nicht liquide«, behauptet die »Süddeutsche Zeitung«. Geht der Mann vielleicht doch am Stock?

»Furchtbar enttäuscht« sei er von dem, was die Presse zuletzt über ihn verbreitet habe, sagt Vilar. Eine Zeitung habe ihn mit Alberich verglichen, jenem raffgierigen Poltergeist aus Wagners »Ring«, der der Liebe entsagt, um Gold zu horten. In Österreich wurde sogar kolportiert, Vilars Außenstände sollten eingeklagt werden.

Nein, er will nichts schönreden und schönrechnen, sagt er. Es habe ihn doppelt und dreifach getroffen: die Krankheit, »der Einbruch der Märkte« und »die Erfahrung, dass kaum mal jemand danke sagt«. Und dann greift er zu Papier und Stift und kritzelt jene Charts auf, deren malerische Kurven die Katastrophe der Nasdaq, der amerikanischen Technologie-Börse, veranschaulichen - und seinen eigenen Sturz.

Anfangs, in der Morgenröte der Hightech-Ära, hat Vilars Firma Amerindo Investment Advisors auf die Zukunftsmärkte des Internet gesetzt, sich bei Microsoft, Compaq, Intel, Oracle, Cisco und Yahoo eingekauft, einige der größten Pensionsfonds in den USA und England als Kunden gewonnen und einen Haufen Money gemacht. Allein 1991 konnten die institutionellen Anleger bei Vilar-Fonds 77 Prozent Zuwächse verbuchen, 1995 sogar 88 Prozent.

Dann kam der Kollaps, danach der 11. September. Das von Vilar verwaltete Vermögen schrumpfte von 8 Milliarden Dollar im März 2000 auf 1,42 Milliarden im vergangenen Frühjahr, da mochte er auch den Opernhäusern nicht mehr das Geld so einfach zum Fenster reinschmeißen. Die Anwälte des maladen Millionärs setzten Klauseln auf und durch, die, wenn es eng wird, eine zeitliche Streckung oder auch eine Stundung der versprochenen Summen erlauben. »Aber ich erfülle meine Zusagen.«

Keiner, der in der Gunst des Gentleman steht, wagt daran laute Zweifel. Helga Rabl-Stadler beispielsweise, die Präsidentin der Salzburger Festspiele, hat offiziell »keine Bedenken, dass Vilar zahlungsfähig und -willig« sei und den Festspielen die innerhalb von fünf Jahren garantierten 6,5 Millionen Dollar restlos zukommen lasse.

Allerdings: Über die Spende gebe es nur einen Rahmenvertrag ohne Anspruch auf feste Raten zu festen Terminen. Sie hoffe, dass der nächste Teilbetrag bis Ende August, rechtzeitig zur Budget-Planung der nächsten Spielzeit, eintreffe, »sonst komme ich in die Bredouille und muss womöglich für 2003 eine große Oper streichen, eine Katastrophe«.

Prekärer ist die Lage beim wenigstens 30 Millionen Euro teuren Umbau von Salzburgs Kleinem Festspielhaus zu einem modernen »Haus für Mozart«. Das würde Vilar mit über 4 Millionen Dollar fördern. Doch über den Plänen haben sich Architekten, Behörden und Denkmalspfleger inzwischen so heillos zerstritten, dass Vilar vor einer Einigung der Bauherren »absolut keinerlei bindende Verpflichtung eingehen« will: »Die sollen mal erst mit sich ins Reine kommen.« Recht hat er.

Auf lange Sicht, das kündigt der Krösus mit scheuem Smiling an, könne Mitteleuropa mit seinem »besonderen Engagement« rechnen. Obwohl Eigner von fünf überseeischen Residenzen, will er künftig »fast die Hälfte der Zeit« in Deutschland und Österreich verleben. Beethovens Germany, wo er zwei Jahre bei der Army gedient und einst seine erste Stereoanlage erstanden hat, kann weiterhin mit milden Gaben rechnen.

In Bayreuth beispielsweise, wo das verschwiegene Haus Wagner zum Thema Vilar - außer, vor Wochen, eine »gewisse Besorgnis« - keinen Mucks von sich geben will, möchte Vilar »liebend gern« auch weiter in Spendierhosen auftreten. Spätestens beim nächsten »Lohengrin«, seinem Wagner-Favoriten, dürfte er Gelegenheit finden, seine - laut Festspielbuch 2002 - »in der Festspielgeschichte einzigartige« Großmut zu wiederholen und seine Dollar von der Wall Street nach Walhall zu transferieren.

Auch im chronisch finanzschwachen Festspielhaus Baden-Baden, dem er schon mehrfach aus der Patsche geholfen hat, will der Samariter seine Doppelrolle weiter spielen. Als einer von fünf Gründungsstiftern hat er im Jahr 2000 eine Million Mark gezahlt und als freiwilliger Spender im selben Jahr noch einmal die gleiche Summe, 2001 sogar eine Million Dollar überwiesen. Bei den Verhandlungen über seinen künftigen Obolus »führen wir«, so Intendant Andreas Mölich-Zebhauser, »derzeit die finalen Gespräche« - vermutlich mit Happy End.

Zwar habe er mit Baden-Baden ("Der Ort ist zu klein, das Haus zu groß") seine liebe Not, so Vilar zum SPIEGEL, doch Mölich-Zebhauser sei »ein toller Hecht«, »er braucht und verdient und erhält Hilfe«.

Und Berlin, wo sie vorigen Herbst in der Vorfreude auf einen hauptstadttrunkenen Vilar regelrecht ausgeflippt sind? Da hat er aber auch den Mund voll genommen: 25 Millionen Dollar werde er in ein Jugendprogramm der Philharmoniker stecken, »es können aber auch 100 Millionen Dollar werden«, wie die »Berliner Morgenpost« klotzte; noch einmal 25 Millionen Dollar mache er für die marode Staatsoper locker, damit die Bruchbude nicht schließen müsse.

Aus der Traum. Beim Thema Berlin verliert dieser smarte Investor seine Contenance, »das war eine böse Erfahrung«, sagt er, »bad taste«. Er habe »Absichtserklärungen« abgegeben, »guten Willen« bekundet; »keine Spur« einer rechtlichen Verpflichtung; wie auch, wo »offiziell nichts geklärt« gewesen sei.

Trotzdem hätten ihn »unseriöse Leute« auf Unsummen festnageln wollen und, als er abgeblockt habe, als unsicheren Kandidaten diffamiert, der nach der Baisse an der Börse kleine Bagels backen müsse.

»In zwei, drei, fünf Jahren«, da ist Vilar sich sicher, würden die Kurse »besser dastehen als selbst in den tollen Neunzigern«, und dann, da will er nicht kleinlich sein, lasse er sich vielleicht auch wieder auf ein Engagement in Berlin ein.

Bis der Dow Jones steigt, muss er einfach kürzer treten. Aber er geht nicht am Stock, geschweige am Bettelstab, sondern neuerdings am Arm der jungen Musikologin Karen Painter. Mit der Harvard-Dozentin, die fließend Deutsch spricht, hat sich der eingefleischte Junggeselle jüngst in Bayreuth verlobt, im Herbst ist Hochzeit in New York. Danach dürfte auch Mylady bei allen Wohltaten ein Wörtchen mitreden. KLAUS UMBACH

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